Hillary Clintons Wahlkampf-Endspurt - DER SPIEGEL
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Clinton in Florida: Stimmenfang im Sunshine State

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Clintons Zitter-Endspurt Wahlkrampf

Zum Schluss des US-Wahlkampfs quälen sich die Kandidaten durch Swing States wie Florida. Alles Routine - bis eine Schocknachricht dazwischenplatzt. Unterwegs mit einer Hillary Clinton am Limit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hillary Clinton sammelt ihre Kräfte. Faltet die Hände, senkt den Kopf, hält für ein paar Sekunden inne. "The next President of the United States...", dröhnt es aus den Lautsprechern, "...Hillary Clinton!" Katy Perrys Hit "Rise" ertönt, das ist ihr Einsatz: Clinton reißt Augen und Mund zu einer pseudo-erstaunten Grimasse auf, ihr rechter Arm schießt in die Höhe, und sie schreitet hinaus, ins Licht.

Tausende sind gekommen, um die Präsidentschaftskandidatin im Auditorium des Broward College zu erleben. Für viele ein einmaliges Erlebnis, die ersten standen seit sechs Uhr früh an, später zieht sich die Schlange um den Parkplatz.

Für Clinton dagegen ist dies nur der erste einer ganzen Reihe fast identischer Auftritte auf ihrer sechsten Reise durch Florida seit Juli. Hymne, Vorredner, Sprechchöre und stets die gleiche Rede: ein Routineakt.

Erst recht in diesen letzten Wahlkampftagen. Clinton und ihr Rivale Donald Trump tingeln inzwischen nur noch durch eine Handvoll Swing States, die das Rennen entscheiden. Allen voran Florida, ohne das sich das Weiße Haus nicht gewinnen lässt. Zuletzt lag Clinton hier knapp vorn, mit einer guten statistischen Chance , Floridas 29 Wahlmänner zu gewinnen.

Doch dann platzen die neuesten E-Mail-Enthüllungen dazwischen. Dieser Kampf ist längst nicht vorbei.

Clinton bei Auftritt in Florida

Clinton bei Auftritt in Florida

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In dieser wilden Schlussrunde kristallisiert noch mal der ganze Wahlkampf-Wahnsinn. Während Trump immer ungehemmter agiert, wirkt Clinton mehr denn je wie ein Politik-Roboter. Sie spult ihr sicheres Programm ab, als wolle sie das alles endlich schnell hinter sich bringen. Augen zu und durch.

Vier Stationen mit Clinton, die belegen, was die Kandidaten auf sich nehmen - und wie wenig die inszenierte Wahlkampf-Show mit der unberechenbaren Realität zu tun hat.

Broward College, Coconut Creek

Das Publikum in der Mehrzweckhalle ist deutlich gemischter als bei Trumps weißen Wutmessen: Schwarze, Latinos, Frauen, Studenten.

Clintons Amerika.

Die Stimmung wirkt gelöst. Von der Hiobsbotschaft, dass sich das FBI Clintons E-Mails erneut vorknöpfen könnte, wissen sie noch nichts.

"Meine erste Wahl!", freut sich Serval Ercin, 18. "Millennials for Clinton", hat sie auf ihr Plakat gekritzelt. Als wolle sie demonstrieren, dass Clinton eben keine Probleme mit der jungen Generation hat, wie es ihre Gegner gern behaupten. "Wir wollen einen Präsidenten, der die Leute respektiert", sagt Luckner "Lucky" Brimais, ein schwarzer Wachbediensteter, der aus Haiti stammt. "Trump hat keine Manieren."

Jungwählerin Ercin (r.)

Jungwählerin Ercin (r.)

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Dann endlich erscheint Clinton. "Es ist so schön, wieder in Florida zu sein", liest sie mit strapazierter Stimme von einem Spickzettel. Ihre Rede ist kunst- und lustlos, gelöst ist hier gar nichts.

Erster Teil: Trump ist schlimm. Zweiter Teil: Clinton ist toll. Dritter Teil: Trump ist immer noch schlimm.

Kein Wort von Obamacare, ihrem einstigen Lieblingsthema, das langsam zur Belastung wird. Und kein Wort von der E-Mail-Affäre, die an diesem Nachmittag eigentlich erledigt scheint.

County Library, Broward

Die Bezirksbücherei ist zum Wahllokal umgebaut. Draußen stecken Schilder mit den Namen der Kandidaten im Gras, flankiert von Anhängern, die mit Nachdruck ihre letzten Werbebroschüren loswerden wollen.

Drinnen wartet man erst mal wie beim Arzt und kommt dann in einen Raum mit 50 Wahlmaschinen. Der Stimmzettel ist lang: Unter Clinton und Trump stehen die anderen Kandidaten (Gary Johnson, Jill Stein und zwei Herren namens Darrell Castle und "Rocky" De La Fuente), dazu noch die Bewerberinnen und Bewerber für Kongress und Landesparlament.

Seit Wochen tönt Trump über "weitverbreitete Wahlfälschung". Hier geht es, das ist zumindest der Eindruck, geordnet zu. Demokraten und Republikaner arbeiten als Wahlhelfer zusammen. "99,9 Prozent der Stimmen in unserem Wahlkreis sind korrekt", versichert Ron Lichtman, Chefassistent des Bezirksvorsitzenden. "Die Frühwahl läuft bestens."

Wahlhelfer Lichtman

Wahlhelfer Lichtman

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Vor dem Wahllokal entbrennt eine hitzige Diskussion. Ein Mann, der sich als Trump-Anhänger identifiziert, stellt eine junge Muslimin zur Rede: Warum "ihr" Koran so viele gewaltverherrlichende Verse habe? Was sie vom "Islamischen Staat" halte?

Yasmine Shuman, die einen Hidschab trägt und gerade zum ersten Mal in ihrem Leben gewählt hat, ist derartige Fragen gewöhnt. "Es gibt kein Kalifat", erklärt sie ruhig. "Der IS repräsentiert uns nicht. Muslime akzeptieren ihn nicht."

Studentin Yasmine Shuman

Studentin Yasmine Shuman

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Dann aber geschieht etwas Erstaunliches: Der Mann umarmt sie. "Danke, dass du mit mir gesprochen hast", sagt er. Und: "Ich werde mir in Zukunft mehr Gedanken machen."

Univision Studios, Miami

Mindestens ebenso erstaunlich läuft Clintons nächster Termin ab, in einem TV-Studio in einem Vorort von Miami. "Oh mein Gott, ja, ja!", ruft Moderatorin Lili Estefan in brüchigem Englisch und klatscht ekstatisch. Ein als Secret-Service-Agent verkleideter Kleinwüchsiger verneigt sich tief. Hillary Clinton nimmt ihre klassische Auftrittspose ein und stellt sich den Kameras.

"El Gordo y La Flaca" ist eine der populärsten Talkshows im spanischsprachigen Sender Univision. Die Moderatoren Raúl De Molina ("der Fette") und Estefan ("die Dünne") sind TV-Legenden. Täglich begeistert die knallbunte Sendung mehr als drei Millionen US-Latinos. Alles potenzielle Wähler für Clinton.

Es ist ein ungefährliches Parkett, ohne lästige Fragen nach Skandalen. Als Erstes soll sie ein paar Worte auf Spanisch sagen. "Vota" (wählen). "La Presidenta" (die Präsidentin). "Feliz cumpleaños" (alles Gute zum Geburtstag). Auch die Moderatoren wissen, dass Clinton am nächsten Tag ihren 69. Geburtstag feiert.

Sie muss tanzen. Sie bekommt eine Geburtstagstorte und eine Flasche Tequila. Sie wirbt für ein Benefizkonzert, das Popstar Jennifer Lopez kommende Woche in Miami für sie gibt. "Ich will eine wirklich gute Präsidentin sein", sagt die Demokratin. Ihre Mimik ist noch extremer als sonst. Als spreche sie mit kleinen Kindern.

Korge-Anwesen, Pinecrest

Nächste Station: Spenden-Dinner im nahen Pinecrest. Der kontroverse Lobbyist Chris Korge, ein alter Freund der Clintons, hat in seine Luxusvilla südlich von Miami geladen. Die Gäste haben bis zu 100.000 Dollar geblecht, um Clinton die Hand zu schütteln. Es ist Clintons letzter Fundraiser in diesem Wahlkampf. Auch das Rennen um das Geld geht zu Ende, knapp 635 Millionen Dollar hat sie gesammelt. "Wir haben unser Ziel erreicht", sagt ihre Kommunikationschefin Jennifer Palmieri.

Nach dem Dinner unter Palmen spannt Clinton tatsächlich mal aus. Ihre Kolonne aus schwarzen SUVs schlängelt sich zur American Airlines Arena am Kreuzfahrthafen Miamis. Clinton lässt sich durch einen Seiteneingang in eine VIP-Loge schleusen.

Auf der Bühne: Adele, die britische Popsensation, gerade auf Nordamerika-Tournee. Sie unterbricht die Show und ruft: "Was in Amerika passiert, betrifft auch mich." Und, unter lautem Jubel: "Ich bin zu 100 Prozent für Hillary Clinton!"

Es sollen Clintons wohl letzten sorglosen Minuten sein. Nicht mal 48 Stunden später wird die Nachricht, dass das FBI neue E-Mails gefunden habe, den Wahlkampf wieder völlig durcheinanderwirbeln.

Videokommentar: Marc Pitzke über das "Early Voting" in Florida

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