Hintergrund: Die Spaltungen der IRA - DER SPIEGEL
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Hintergrund Die Spaltungen der IRA

Die "Provisional IRA", die den nordirischen Konflikt auf katholischer Seite über die letzten 30 Jahre dominierte, erlebte im Laufe ihrer Geschichte mehrere Spaltungen. Auch das gehört zu den Traditionen des Nordirlandkonfliktes: Immer dann, wenn sich eine moderatere Politik durchsetzt, spalten sich die Radikalen ab.
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Die "Provisional IRA", kurz "PIRA", ist selbst Produkt einer Spaltung. Sie löste sich Ende der sechziger Jahre von der "Green IRA", die Anfang der Sechziger frustriert einen einseitigen Waffenstillstand verkündete und den "bewaffneten Kampf" aufgab. Und auch die "Greens" waren das Produkt einer Spaltung: Als sich Anfang der zwanziger Jahre abzeichnete, dass eine Unabhängigkeit Irlands nur dann zu haben sein würde, wenn die Iren auf Nordirland verzichteten, trennten sie sich von der ursprünglichen IRA, die den Bürgerkrieg gegen die Briten geführt hatte.

Ab etwa 1968 hörte die "Green IRA" auf zu existieren: Das neue Sammelbecken hieß "PIRA". Die war erheblich weniger nationalistisch motiviert als ihre Vorläuferorganisation, folgte ideologisch vielmehr sozialistischen Ideen. Eine Linie, für die Gerry Adams quasi synonym steht: Spätestens, als er 1983 Chef der PIRA-nahen Partei Sinn Fein wurde, hatte sich ein sozialischer Flügel durchgesetzt, der zunehmend auf politische Signale statt auf Waffeneinsatz setzte. Schnell zeigte sich, dass dies die Radikalen in den Reihen der PIRA nicht befriedigte.

Die erste radikale Abspaltung geschah Ende der Siebziger in Form der "Irish National Liberation Army" INLA, die sich als marxistisch orientiert versteht. Die Radikalen des rechten, nationalistischen Flügels trennten sich 1986 in Form der "Republican Sinn Fein" vom "zu moderaten" Teil der republikanischen Bewegung.

Mit Beginn der neunziger Jahre gelang es dem Führer der nordirischen Sozialdemokraten, John Hume (SDLP), Sinn Fein an den Verhandlungstisch zu bekommen. Dies entsprach durchaus Gerry Adams politischer Linie, der eine Autonomie oder Wiedervereinigung nur auf dem politischen Wege für möglich hält: Die Mehrzahl der Mitglieder des PIRA-"Army Council" hatte begriffen, dass der "bewaffnete Kampf" nicht zu gewinnen war.

Adams gelang es, mit Martin McGuinness ein - wie angenommen wird - ehemaliges Mitglied des "Army Council" ins Boot zu holen: McGuinness wurde zum Verhandlungsführer der Sinn Fein. Bilaterale Gespräche zwischen den involvierten Parteien - den Briten, den Iren, den nordirischen Protestanten und Katholiken - gingen in multilaterale Gespräche über, bis alle Parteien an einem Tisch saßen. Höhepunkt der Entwicklung war das Karfreitags-Abkommen von 1998, das zum ersten Mal seit 1968 einen Frieden für Nordirland in greifbare Nähe zu rücken schien.

Eine Entwicklung, die von den meisten Nordiren mit Erleichterung aufgenommen wurde - mit Ausnahme der Hardliner auf protestantischer wie katholischer Seite. Spätestens 1997 kam es wieder zu einer Spaltung der IRA: "Continuity IRA" nannte sich die Gruppe, die sich in den folgenden zwei Jahren immer wieder durch Bombenattentate und "Strafaktionen" in Erinnerung brachte. Doch der "CIRA" gelang es nicht, eine größere Gefolgschaft aufzubauen.

Im Gegensatz zur "Real IRA". Schon ihr Name impliziert, um wen es sich hier handelt: PIRA und Sinn Fein werden von den Radikalen in der "RIRA" als "Verräter an der republikanischen Sache" gesehen. Die "Real IRA" entstand wahrscheinlich in den südlichen Grenzregionen Nordirlands zur Republik, im County Armagh, und fand zunächst wenig Zulauf. Im August 1998 verübte die "Real IRA" den bis dato blutigsten Bombenanschlag in der Geschichte Nordirlands: 28 Menschen starben, über 200 wurden verletzt - Protestanten wie Katholiken.

Die Bombe von Omagh diskreditierte die "Real IRA" selbst bei den eigenen Leuten. Kurz nach dem Attentat schloss sie sich dem Waffenstillstand an, aus "taktischen Gründen", wie kommentiert wurde. Doch im Laufe des letzten Jahres ist es der "Real IRA" anscheinend gelungen, immer mehr der zunehmend frustrierten "PIRA"-Hardliner abzuwerben. IRA-Quellen sprechen von Kadern in Derry/Londonderry und Belfast - und davon, dass sich die Geschichte in Nordirland wieder einmal wiederholen könnte. Die "Provisional IRA" könnte vor der Spaltung stehen. Dann wäre nur eines sicher: Der Friedensprozess wäre mit Sicherheit am Ende.

Frank Patalong