Hutton-Bericht Meuterei in der BBC
Das Direktorium der BBC habe die Ratschläge seiner Anwälte missachtet, berichtet der "Independent" heute. Das Blatt zitiert aus einem vertraulichen 135 Seiten starken Papier, das Alastair Campbell, den früheren Pressechef Tony Blairs, stark belastet. Campbell habe vor dem Parlament falsche Aussagen über seine Rolle bei der Anfertigung des umstrittenen Dossiers über die Gründe für den britischen Feldzug gegen den Irak gemacht.
Die BBC-Anwälte erheben in ihrem Bericht auch schwere Vorwürfe gegen Außenminister Jack Straw. Sie behaupten, Straw habe die Abgeordneten des Parlaments in die Irre geführt, was die Beunruhigung innerhalb der Geheimdienste über den Umgang mit dem Irak-Dossier betrifft, das immerhin das Hauptargument der Regierung für den Krieg war.
Die Juristen bemängeln, dass zwölf wichtige Bereiche in Lord Huttons Bericht ignoriert worden seien. Die Ergebnisse des vor acht Tagen vorgestellten Berichts seien demnach falsch.
Zudem vertreten die Anwälte die Ansicht, dass der umstrittene BBC-Beitrag von Andrew Gilligan schon allein wegen der Europäischen Menschenrechtskonvention und dem darin verankerten Recht auf freie Meinungsäußerung gerechtfertigt war.
Die Mitarbeiter sind wütend, dass die Unternehmensleitung so schnell nach Veröffentlichung des Hutton-Berichts kapituliert habe, schreibt der "Independent". Sie meinen, die Chefetage sei in Panik verfallen, weil das Urteil über die BBC und den Bericht von Gilligan so dermaßen schlecht ausgefallen sei. Im vergangenen Mai hatte Gilligan berichtet, die Regierung habe den Geheimdienst angewiesen, ein Dossier über Iraks Massenvernichtungswaffen aufzubauschen und zu behaupten, Saddam könne diese Waffen innerhalb von 45 Minuten aktivieren. Man habe einen Kriegsgrund vorweisen wollen, sagte Gilligan damals.
Nach den Offenbarungen der BBC-Anwälte dürfte die Empörung innerhalb der Belegschaft noch weiter zunehmen und der Krach zwischen der BBC und Downing Street 10 neu entfacht sein. Schließlich hatten selbst mehrere Abgeordnete des Parlaments den Hutton-Bericht als Schönfärberei abgetan. Der "Independent" zitiert einen BBC-Mitarbeiter mit den Worten:" Das zeigt doch, dass wir einen starken und überzeugenden Gegenschlag hätten führen können."
BBC-Insider erklärten dem Blatt, dass der Bericht der Anwälte eine breite Basis für das Unternehmen geboten hätte, Lord Huttons Ergebnisse anzufechten - vielleicht sogar auf dem juristischen Weg. Dies, heißt es in dem Zeitungsbericht, sei jedoch innerhalb der BBC-Führung nur kurz beraten und dann verworfen worden. Stattdessen sind als Konsequenz in der vergangenen Woche Generaldirektor Greg Dyke und Aufsichtsratschef Gavyn Davies zurückgetreten.
Aus dem Hause von Premier Blair gab es laut "Independent" gelassene Reaktionen auf den Bericht der BBC-Anwälte: "Lord Hutton hat sein Urteil gefällt. Die Menschen sollten seinen Bericht lesen und seine Schlüsse akzeptieren."