Internationale Presse "Enttäuschung in Heiligendamm"
"La Tribune" (Frankreich): "Ohne Angela Merkel beleidigen zu wollen: Der nach schwerem Kampf in Heiligendamm erreichte Fortschritt beim Klimaschutz hat nichts von einem Triumph. Sicher, der amerikanische Präsident hat am Ende akzeptiert, dass im Schlussdokument auf ein beziffertes Ziel Bezug genommen wird. Das hatte er vor der Sitzung strikt abgelehnt. Doch dieses kleine sprachliche Zugeständnis wird die Erdatmosphäre in den kommenden Jahrzehnten nicht gesünder machen. Dafür hätte es mehr als ein kleines Satzteilchen gebraucht, das zudem jeder morgen nach seinem Gusto interpretieren wird.
Zumindest eine Person atmet jetzt aber durch: Angela Merkel. Die Kanzlerin war erstmals Gastgeberin eines großen internationalen Gipfels. Angesichts der starken Spannungen, die vor Heiligendamm öffentlich sichtbar wurden, fürchtete sie ein Fiasko. Nach den paar Worten, die George W. Bush jetzt abgerungen wurden, fühlt sie sich wohler. Denn sie erlauben es, "ihren" Gipfel zu retten. Daher der - natürliche - Versuch, diesen Erfolg als wichtiger darzustellen, als er in Wirklichkeit ist."
"Libération" (Frankreich): "Das gestern unterzeichnete Dokument kann als Fortschritt wahrgenommen werden. Es ist eine erneute Anerkennung durch die Großen der Welt, dass unsere Zukunft auf einer Verminderung der Treibhausgase basiert. Aber beim G-8-Gipfel wie bei der Uno liegt der Teufel im Detail. George W. Bush, der größte Verschmutzer des Planeten, wollte keinerlei Verpflichtungen. (...) Jetzt muss man die Daumen drücken, dass die Bewusstseinswerdung sich fortsetzt und dass die Versprechen sich Schritt für Schritt in klare und definierte Auflagen umwandeln. Niemand hat es gestern gesagt, aber viele haben es gedacht: Dieser Kompromiss ist auch eine Wette auf die nahe Zukunft und eine Hoffnung: Auf eine neue Ära für das Klima, die sich schlicht und einfach Nach-Bush-Zeit nennt."
"La Repubblica" (Italien): "Bei dem Kompromiss von Heiligendamm, eine unbestimmte Verpflichtung, die Sache in mehr oder minder naher Zukunft in die Hand zu nehmen, handelt es sich um keinen Erfolg: Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Absichtserklärungen genügen allerdings nicht, dazu ist das Problem viel zu dramatisch. Die acht großen Vertreter verschiedener Kulturen und verschiedener Sensibilitäten, die aber durch eine gleiche wirtschaftlichen Auffassung mit dem Parameter Wachstum geeint sind, haben in Heiligendamm die Flugbahn ihrer künftigen Entwicklung gekennzeichnet. Und diese Vision bekräftigt, dass der materielle Wohlstand das einzige Ziel ist und dass Entwicklung dem großen Verbrauch der Ressourcen untergeordnet ist: Demnach dürfen die entwickelten Industrieländer ihr erreichtes Niveau beibehalten, während die Entwicklungsländer darum kämpfen müssen, dort anzukommen, wo sich die anderen bereits befinden."
"La Stampa" (Italien): "Es gibt zwei zentrale Elemente des Klimadokuments, das an diesem Freitag offiziell präsentiert wird. Erstens, die Notwendigkeit, den Ausstoß an Treibhausgas einzudämmen und zu einer 'entscheidenden' Reduzierung zu gelangen. (...) Der zweite Punkt und der wirkliche politische Erfolg des Gipfels: Nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls (das von den USA niemals ratifiziert wurde) im Jahr 2012, wird der Kampf gegen den Klimawandel unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen geführt werden, die zum Ende dieses Jahres eine Umwelt-Konferenz in Bali abhalten werden. (...) Es war schwierig, auf einem Gipfel mehr zu erreichen, der von einer derart tiefen Spaltung in Sachen Klima zwischen den Europäern - unterstützt von Japanern und Kanadiern - auf der einen Seite sowie Amerikanern und Russen auf der anderen Seite beherrscht war."
"Tages-Anzeiger" (Schweiz): "Was die Mächtigen (...) als Erfolg verkauften, dient primär der Gesichtswahrung: Dank unverbindlichen Erklärungen steht Gastgeberin Merkel nicht mit leeren Händen da. Bushs Bereitschaft, unter dem Dach der Uno nun doch an einer Nachfolgeregel für das Kyoto-Protokoll mitzuarbeiten, lässt ihn nicht als Buhmann abreisen. Für die Uno-Klimakonferenz in Bali ist dies allerdings ein schwaches Signal. (...) Merkel hat ihr weltpolitisches Gewicht im Umweltschutz überschätzt."
"Daily Telegraph" (Großbritannien): "Letzte Woche hatte Bush schon eine Änderung seiner Haltung signalisiert, indem er akzeptierte, dass die Hauptumweltverschmutzer eine Rahmenvereinbarung und Ziele für die Reduzierung der Kohlendioxidemissionen brauchen. Damit reflektierte er wesentliche Veränderungen im amerikanischen Herangehen an das Thema Erderwärmung, beeinflusst durch Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" und angetrieben auf Bundesebene durch einen demokratisch kontrollierten Kongress und durch Kaliforniens Festlegung verbindlicher Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen. In Heiligendamm äußerte sich dieser innenpolitische Druck in der Unterstützung von Bush für eine Uno-Konferenz zum Klimawandel in Bali im Dezember und die Einwilligung, dass seine eigene Initiative zu einem Treffen der Hauptumweltverschmutzer in diesem Jahr zur Suche der Weltorganisation nach einem Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll nach 2012 beiträgt."
"Die Presse" (Österreich): "Na ja, nach einem Jahrhundert-Durchbruch klingt das ja nicht gerade. Die selbsternannten globalen Umweltwächter von Greenpeace reagierten prompt: 'Viel zu wenig'. (...) An der Ostseeküste prallte wieder der idealistische Absolutheitsanspruch des internationalen Gutmenschentums mit dem nüchternen Pragmatismus von Weltpolitikern zusammen, die nationale Interessen vertreten. Da sind Übereinstimmungen eigentlich zumeist unmöglich.
Das zeigte denn auch das Treffen Merkels mit Bono und Bob Geldof. Bono ist während des Treffens angeblich depressiv geworden, weil Merkel nicht genug Afrika-Hilfe zugesagt haben soll. Als ob die G-8-Chefs auf Pfiff eines irischen Rockstars das Füllhorn öffnen müssten. Kluge Rockstars sagen immer von selbst, dass Politik nicht ihr Geschäft ist. Kluge Politiker aber sollten darauf verzichten, vage Absichtserklärungen als Riesenschritte zu verkaufen."
"Der Standard" (Österreich): "Zunächst haben es die G8 geschafft, endlich die Amerikaner in dieser Frage ins Boot zu holen. Die normative Kraft des Faktischen und der internationale Druck haben George W. Bush dazu gebracht, nicht nur das Problem des von Menschen gemachten Klimawandels anzuerkennen, sondern auch zuzustimmen, dass im Rahmen der Vereinten Nationen an dessen Lösung gearbeitet wird. So viele Zugeständnisse von einem Ölmann und notorischen Kritiker der Uno sind an sich schon eine kleine Sensation.
Die unverbindlichen Formulierungen bei den Reduktionszielen als 'großen Erfolg' (Merkel) zu sehen, fällt auf den ersten Blick dagegen schwerer. Eine 'substanzielle' Verringerung der CO2-Emissionen um 50 Prozent bis 2050 'in Betracht zu ziehen' und die Verhandlungen darüber an die Uno-Klimaschutzkonferenz zu delegieren scheint eine recht schwache Ansage für acht der wirtschaftsstärksten Staaten der Erde."
als/dpa