Interview "Die werden Rache üben"
Der Arzt Imeri, 58, gehört als Präsident der Partei für
Demokratische Prosperität (PDP) zur mazedonischen
Opposition.
SPIEGEL:
Ist die neue Balkan-Krise noch ohne weiteres Blutvergießen zu lösen?
Imeri: Unsere Partei hat mit diesem Konflikt gerechnet und den Westen davor gewarnt. Die mazedonische Bevölkerung ist traditionell antialbanisch gestimmt. Mit der Einbindung albanischer Parteien in die Regierung sollte das heile Bild einer multiethnischen Gesellschaft vermittelt werden. Aber unsere politischen Forderungen wurden allesamt ignoriert.
SPIEGEL: Sie fordern eine Verfassungsänderung, welche die albanischen neben den slawischen Mazedoniern zum staatstragenden Volk erhebt. Ist das nicht die Vorstufe zur Sezession?
Imeri: Nein. Wir Albaner in Mazedonien unterstützen zwar die Unabhängigkeit des Kosovo. Aber wir sind weder an einer Sezession Westmazedoniens noch an Großalbanien interessiert. Wir wollen europäische Integration und offene Grenzen. Dazu die Gleichberechtigung mit der mazedonischen Bevölkerung, die Anerkennung unserer Sprache als zweite Amtssprache. Das Parlament sollte aus einem Ober- und einem Unterhaus bestehen. Dann können wir auch auf eine Föderation verzichten.
SPIEGEL: Auch auf Autonomie?
Imeri: Autonomie für die Albaner könnte Mazedonien nur stärken, und wir blieben ein Teil des Staates.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich diese Ziele mit Terroranschlägen erreichen lassen?
Imeri: Diese albanischen Gruppen halten in einer Hand die Waffe, in der anderen die Friedenstaube. Sie signalisieren, dass sie ihre Aktivitäten einstellen werden, sobald es Gespräche gibt. Ihre Ziele sind identisch mit jenen der albanischen Parteien in Mazedonien. Doch bisher kann ich keine Kompromissbereitschaft der Regierung erkennen.
SPIEGEL: Und was wäre die Alternative Anschläge in den Städten?
Imeri: Leider kann ich eine solche Entwicklung nicht ausschließen. Die Zahl der Kämpfer in den Bergen wächst enorm. Sie finden mittlerweile auch breite Unterstützung in der Bevölkerung. Ich fürchte, wenn unsere Forderungen weiter ignoriert werden, wird es noch im Frühjahr zu einer Großoffensive kommen, wird auch die albanische Bevölkerung zu den Waffen greifen.
SPIEGEL: Innerhalb der Nato wächst die Verärgerung über die Albaner. Was passiert, wenn sie den Mazedoniern zu Hilfe kommt?
Imeri: Das wäre eine Katastrophe und das Ende Mazedoniens. Wir erwarten von der internationalen Gemeinschaft, dass sie die mazedonische Regierung zu Verhandlungen zwingt. Der Westen wird teuer dafür zahlen müssen, dass er niemals Zeit für unsere Argumente fand.
SPIEGEL: Aber Sie sprachen doch erst vorvergangene Woche mit Bundesaußenminister Fischer in Skopje.
Imeri: Zehn Minuten Zeit hatte er für mich. In diesen drohte er nur, wir würden die Unterstützung des Westens verlieren, wenn wir die Guerrillas in den Bergen nicht scharf verurteilten.
SPIEGEL: In der mazedonischen Regierung sind die Albaner doch durch eine eigene politische Partei, die Demokratische Partei der Albaner, vertreten. Ist diese denn machtlos?
Imeri: Menduh Thaçi von der Demokratischen Partei der Albaner rekrutierte seinerzeit Mazedonier für den Befreiungskampf der UÇK im Kosovo und hoffte, als Unabhängigkeitsheld Ruhm zu ernten. Jetzt interessieren ihn nur noch Schmuggelgeschäfte. Premier Georgievski lässt ihn gewähren, weil Thaçi ihm versicherte, er kontrolliere die albanische Bevölkerung. Mittlerweile gibt es Streit zwischen den beiden.
SPIEGEL: Der Westen weigert sich, mit den Extremisten in den Bergen zu verhandeln. Jetzt suchen diese einen politischen Sprecher. Wären Sie bereit?
Imeri: Dies wäre ein großes Risiko. Ich würde wohl zum Staatsfeind erklärt und beschuldigt werden, den Aufstand organisiert zu haben. Eine solche Vermittlerrolle kann nur im Einvernehmen mit dem mazedonischen Staat akzeptiert werden.
SPIEGEL: Sie leben in Gostivar, einer überwiegend albanischen Stadt mit albanischem Bürgermeister. Wo fühlen Sie sich konkret diskriminiert?
Imeri: Unsere albanischen Bürgermeister haben keine Macht. Diese liegt in Skopje auch über unsere Polizei. Von den Behörden werden wir als Bürger zweiter Klasse behandelt. In der Wirtschaft sind die Möglichkeiten für uns Albaner beschränkt. Als ich Parteipräsident wurde, wurden zwei meiner Kinder von ihren Arbeitsplätzen gefeuert.
SPIEGEL: Gleichwohl ist das kein Vergleich mit den Schikanen, welche die Kosovo-Albaner unter dem Milosevic-Regime erfuhren.
Imeri: Wir haben Angst, dass es hier noch schlimmer als im Kosovo werden wird. Die Mazedonier werden für die Ereignisse der vergangenen Wochen Rache üben. Darüber sollten auch kurzfristige Reformen, mit welchen man uns vielleicht abspeisen will, nicht hinwegtäuschen.
SPIEGEL: Heißt das, alle Wege führen zum Krieg?
Imeri: Noch habe ich den Glauben an das Verantwortungsbewusstsein der Politiker nicht verloren.
INTERVIEW: RENATE FLOTTAU