Interview mit Chefredakteur Boniecki "Manche Bischöfe müssen Glasnost erst noch lernen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Boniecki, Ihre Zeitung nennt sich im Namen katholisch, wie frei ist sie?
Boniecki: Wir sind sowohl finanziell als auch inhaltlich unabhängig. Die Redakteure sind keine Kleriker. Ich selbst bin Chefredakteur, nicht weil, sondern obwohl ich Priester bin.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr größtes Problem im Umgang mit der Kirche?
Boniecki: Vereinfachend gesagt teilt sich die Kirche in zwei Gruppen. Die einen sehen in ihr einen belagerten Turm, der Liberalismus, Säkularismus und Sexualismus trotzen muss. Kirchenkritik ist für sie gleichbedeutend mit Verrat, der dem Gegner Angriffsmaterial liefert. Die zweite Gruppe besteht aus Leuten, die sich bewusst sind, dass wir in der Welt leben und die Sprache der Welt benutzen müssen. Diese Denkweise wird vom Erzbischof von Lublin repräsentiert, einem Autor unserer Zeitung.
SPIEGEL ONLINE: Versuchen konservative Bischöfe, Einfluss auf Ihre Berichterstattung zu nehmen?
Boniecki: Offiziell und formal gibt es keine Schwierigkeiten. Doch ein offener und kritischer Umgang mit der Kirche stößt bei manchen hin und wieder auf Empörung. Einige Bischöfe sehen in unserer Zeitung eine Bedrohung für den Glauben.
SPIEGEL ONLINE: Worüber genau haben sie sich zuletzt beschwert?
Boniecki: Kürzlich brachten wir einen Beitrag darüber, wie die Konferenzen des Episkopats ablaufen. Der Autor - ein Bischof - erzählte, wie dazwischen geredet wird, und wie manche Bischöfe sich anschreien. Auch wie ungeschickt manches organisiert ist. Das war nicht sonderlich skandalös aufgeschrieben, doch in Polen hat man so bisher nicht geredet. Manche Bischöfe müssen Glasnost erst noch lernen.
SPIEGEL ONLINE: Wie tolerant ist das Kirchenvolk Ihrer Zeitung gegenüber?
Boniecki: Viele Leser schätzen natürlich unsere Arbeit. Aber ich habe auch einen Ordner voller Briefe mit Protesten, Beleidigungen und sogar Drohungen. Jüngst gab es eine wohl nicht ganz Ernst gemeinte Morddrohung.
SPIEGEL ONLINE: Wodurch wurde diese provoziert?
Boniecki: Wir hatten anlässlich der Premiere des Mel-Gibson-Films "Die Passion Christi" eine Debatte in einem Kino organisiert, die auch im Fernsehen übertragen wurde. Während wir den Film stark kritisierten, weil er unserer Meinung nach nicht dem Stil des Evangeliums gerecht wird, sahen die Filmbefürworter darin bereits einen Angriff auf die göttliche Heilsgeschichte. Sie stellten sich so dar, als ob allein sie die wahren Katholiken und die richtigen Polen seien. Unsere Position brachte offenbar jemanden zur Weißglut.
SPIEGEL ONLINE: Auf welcher Seite steht der Papst in dieser Auseinandersetzung?
Boniecki: Beide Richtungen innerhalb der Kirche berufen sich auf den Papst. Bei seinem ersten Polenbesuch lehnte es Johannes Paul II. jedoch ab, sich mit Vertretern des konservativen und nationalistischen Senders "Radio Maryja" zu treffen. Ich weiß, dass der Papst unsere Zeitung liest. Bei einem Treffen mit ihm nahm er meine Hand und sagte: "Mach weiter so!"
Das Interview führte Alexander Schwabe