Interview mit Ex-Geisel "Ich bin sicher, das ist derselbe Typ"
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Sie behaupten, dass der designierte Präsident Irans, Mahmud Ahmadinedschad, einer der Entführer war, die Sie und 51 andere US-Bürger seit November 1979 für 444 Tage in der amerikanischen Botschaft in Teheran in Geiselhaft hielten. Wie können sie sich so sicher sein?
Roeder: Zu Anfang der Geiselnahme wurde ich etwas mehr als einen Monat lang jede Nacht verhört. Ahmadinedschad war bei mindestens einem Drittel dieser Verhöre dabei. Es sah so aus, als bestimme er die Vorgehensweise, aber immer aus dem Hintergrund heraus. Die anderen Entführer stellten Fragen auf Farsi und eine Frau übersetzte sie auf Englisch.
SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie verhört?
Roeder: Ich entschied mich zunächst, gar nichts zu sagen. Sie hatten mich mit Handschellen an den Stuhl gefesselt und während der ersten Verhöre auch meine Augen verbunden. Aber als sie mir die Augenbinde dann abnahmen, hatten sie einen Plan, der offensichtlich von Ahmadinedschad stammte. Sie drohten mir, wenn ich nicht kooperiere, würden sie meinen behinderten Sohn entführen und einzelne Teile seines Körpers - sie erwähnten Finger und Zehen - an meine Frau schicken. Man vergisst niemanden, der bei so etwas mitmacht.
SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen derjenige, den Sie für Ahmadinedschad halten, auch Fragen gestellt?
Roeder: Nein, das tat er nicht. Aber er stand im Hintergrund. Als ich anfangs auf die Fragen gar nichts sagte, redete er leise auf Farsi auf die anderen Entführer ein, dann standen sie alle auf einmal auf und verließen den Raum.
SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie während der Gefangenschaft behandelt?
Roeder: Gleich nachdem sie mir die Augenbinde abgenommen hatten, fragten sie mich, ob ich eine Zigarette wollte, ob ich Obst wollte, ob ich eine Tasse Tee wollte. Natürlich waren meine Hände noch immer am Stuhl festgemacht, so dass ich nur meinen Kopf schüttelte, um Nein zu sagen. Oft ließen sie mich einfach allein in dem Raum - angekettet an den Stuhl - stundenlang, wie es mir vorkam. Manchmal wurden sie auch gewalttätig. Sie brachten einen sehr großen Mann herein, der eine Skimaske trug. Er drohte mir und schlug mir ins Gesicht, weil ich mich weigerte eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich ein Spion sei. Sie drohten mir, mich nach Nord-Vietnam auszuliefern, weil ich im Vietnam-Krieg war. Sie nannten mich einen Kindermörder. Sie schütteten heißen Tee auf mich, um mich zu verbrennen. Ich wurde auch mit einem Gegenstand in den Nacken geschlagen, ich weiß bis heute nicht, mit was.
SPIEGEL ONLINE:War er dabei, als sie misshandelt wurden?
Roeder: Das weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich genau daran erinnern, dass er dabei war, als sie mit der Entführung meines Sohnes gedroht haben. Sie wussten nicht nur, dass ich in Alexandria im Bundesstaat Virginia wohne, sie kannten auch die genaue Adresse. Sie wussten, auf welche Schule mein Sohn ging, wann er dort nachmittags in den Bus stieg, sie kannten die Nummer des Busses und wussten, wann er dann nach Hause kam. Und wenn sie in Geiselhaft sind, wissen sie ja nicht, ob Ihre Regierung sich um ihre Familie kümmert.
SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie gemerkt, dass Ahmadinedschad Ähnlichkeit mit Ihrem Kidnapper hat?
Roeder: Ich habe die Wahlen in Iran kaum beachtet, denn wer immer da gewählt wird, muss von den Mullahs bestätigt werden. Es überraschte ja niemand, dass der Gewinner ein Hardliner war. Aber als ich Ahmadinedschad dann neulich nachts im Fernsehen sah, erkannte ich ihn sofort. Seine Art, sich zu geben, traf mich wie ein Schlag. Ich bin sicher: Das ist derselbe Typ.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nicht, dass Sie nach 25 Jahren sein Aussehen vergessen haben könnten?
Roeder: Nein, auf keinen Fall. Nicht bei jemandem, der meinen Sohn bedroht.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich an die Zeit ihrer Geiselhaft erinnern?
Roeder: Ich war nur acht Tage in Iran, bevor ich entführt wurde. Anfangs wurden wir in der Botschaft festgehalten. Aber nach dem fehlgeschlagenen Rettungsversuch der US-Armee wurden wir von einem Ort zum nächsten gebracht. Was viele Leute damals nicht wahrnahmen: Es gab verschiedene Fraktionen in Iran. Die Studenten-Gruppe, die uns entführt hatte, war nur eine davon. Dann gab es noch die, die die Entführung für eine Schande hielten und forderten, uns sofort frei zu lassen. Eine dritte Gruppe wollte, dass wir sofort exekutiert werden. Die Studenten wollten uns mit den dauernden Ortswechseln von den anderen Gruppen fernhalten.
SPIEGEL ONLINE: Zu welcher Gruppe gehörte der Mann, den sie für Ahmadinedschad halten?
Roeder: Er war definitiv involviert in den Sturm auf die Botschaft, er gehörte zu der Gruppe, die uns gefangen hielt. Auch der Zeitrahmen passt. Die jungen Leute waren um die 20 damals und der Präsident ist heute 49. Es ist 25 Jahre her - das passt.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie davon, dass Ahmadinedschad, den Sie jetzt einen Entführer nennen, zum Präsidenten Irans gewählt wurde?
Roeder: Ich habe nichts gegen Iraner, aber ich werde den Entführern die Grausamkeiten, die sie mir angetan haben, nie vergessen. Ich halte diese Wahlen für kein gutes Zeichen. Ahmadinedschad ist ein Terrorist.
Das Interview führte Charles Hawley. Übersetzung aus dem Amerikanischen: Anne Seith