Interview mit Ex-Pentagon-Chef "Krieg ohne Ende"
SPIEGEL ONLINE:
Mr. Cohen, seit Ihrem Rückzug aus der Politik schreiben sie unter anderem wieder Romane. Der Held ihres neuesten Polit-Thrillers* ist ein amerikanischer Verteidigungsminister, der den Bösewicht am Ende mit eigenen Händen umbringt. Steckt dahinter auch persönliches Wunschdenken?
Cohen: Romane sind Unterhaltung mit dem Ziel, den Leser mit einem guten Mix aus Realität und Fiktion zu unterhalten. Wie viel von mir selbst darin steckt? Raten Sie mal!
SPIEGEL ONLINE: Sie beziehen sich in Ihrem Buch, das in der nahen Zukunft spielt, stark auf reale, aktuelle Ereignisse. Zum Beispiel kritisiert einer Ihrer Charaktere den Irak-Krieg und den "missionarischen Eifer" der "arroganten Führer in Amerika", die einen "moralischen Kreuzzug" führten. Sehen Sie das selbst ähnlich?
Cohen: Es ist schwer zu sagen, wie das alles ausgeht. Klar, es ist gut, dass Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist. Aber es wird bestimmt eine Generation lang dauern, bis wir wissen, ob der Irak auseinander fällt oder überlebt. Die jüngste Resolution des Uno-Sicherheitsrats bietet dazu sicherlich eine Chance - aber auch nur eine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Bei der Amtsübergabe Anfang 2001 brieften Sie den neuen US-Präsidenten George W. Bush persönlich zur internationalen Sicherheitslage. Stimmt es, dass sich Bush und seine Leute damals schon ganz auf den Irak eingeschossen hatten?
Cohen: Ja. Der Irak stand ganz oben auf deren Tagesordnung.
SPIEGEL ONLINE: Wie zeigte sich das?
Cohen: Es war üblich, dass der scheidende Verteidigungsminister dem neuen Präsidenten eine "Rund-um-die-Welt"-Tour gab, die alle Probleme in allen Regionen der Erde ansprach. Doch der designierte Vizepräsident Dick Cheney sagte mir persönlich, das sei diesmal nicht gewünscht. "Konzentrieren Sie sich auf den Irak", sagte er.
SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das überrascht?
Cohen: Der Irak beherrschte ihre Gedanken. Ich nahm an, dass das mit dem in der neuen Regierung weit verbreiteten Gefühl zu tun hatte, dass Bushs Vater nach dem Golfkrieg 1991 einen Fehler gemacht habe, indem er Saddam Hussein im Amt ließ.
SPIEGEL ONLINE: Eine Begleichung alter Rechnungen also. Und was haben Sie Bush damals zum Irak gesagt?
Cohen: In der Regierung Bill Clintons waren wir der Ansicht, dass unser bisheriges Containment von Saddam Hussein ziemlich gut funktionierte. Wir fanden, ein Regimewechsel im Irak müsste von innen heraus kommen. Ich finde das übrigens auch heute noch.
SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte Bush?
Cohen: Ich briefte ihn, er sagte wenig, die Regierung wechselte, und wir hörten nichts mehr.
SPIEGEL ONLINE: Bis zum 11. September 2001.
Cohen: Ja, dieses Datum änderte zwar nicht alles, aber doch vieles.
SPIEGEL ONLINE: In diesem Zusammenhang hat der unabhängige Untersuchungsausschuss zu den Terroranschlägen von 2001 auch Ihnen und Bill Clinton schwere Versäumnisse im Kampf gegen den Terror und bei der Suche nach Osama Bin Laden vorgeworfen. Fragen Sie sich nicht, ob Sie mehr hätten tun können?
Cohen: Nein. Ich habe das auch als Zeuge vor dem Ausschuss deutlich zu machen versucht. Wir hatten damals keine Möglichkeit zu einer flächendeckenden Bombardierung Afghanistans mit Cruise Missiles, wie sie nötig gewesen wäre, um al-Qaida auszuheben. Vor 9/11 gab es weder dafür internationale Unterstützung noch für eine konventionelle Bodeninvasion Afghanistans. Auch ein Einsatz von hoch trainierten Spezialtrupps entpuppte sich als unrealistisch. Immerhin haben wir versucht, was wir konnten, um Bin Laden mit gezielten Schlägen zu treffen, doch das hat nicht funktioniert. Hätten wir mehr tun können? Ich bleibe dabei: Nein. Heute sind 14.000 Soldaten in Afghanistan, und auch die haben Bin Laden bisher nicht gefunden.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Roman bleibt die Qaida auf Jahre hinaus die größte Gefahr für die USA. Fürchten Sie das in der Realität tatsächlich?
Cohen: Der Krieg gegen den Terror ist ein Krieg ohne Ende. Wir werden nie wissen, wann's wirklich vorbei ist. Das ist der Unterschied zu früheren Kriegen.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker fürchten, dass die Politiker in Washington aus diesem Klima der Angst Kapital zu schlagen versuchen, vor allem jetzt im Wahlkampf. Sehen Sie das auch so?
Cohen: Ja, das ist eine große Gefahr. Und wir haben gerade erst begonnen, uns mit diesen Fragen zu beschäftigen. Der verstärkte Heimatschutz hat seine Tücken. Ich nenne das unsere "schlimme neue Welt". Können wir die Balance wahren zwischen dem Schutz unserer Freiheiten und Bürgerrechte auf der einen Seite und dem Schutz unseres Lebens auf der anderen? Welche Rolle darf die Regierung dabei spielen? Wie viel Macht geben wir "Big Brother"? Mit all diesen Fragen müssen wir sehr vorsichtig umgehen. In Deutschland zum Beispiel werden die individuellen Bürgerrechte viel besser geschützt als bei uns.
SPIEGEL ONLINE: Eine rationale Debatte darüber scheint in den USA derzeit angesichts der enormen Bitterkeit dieses Wahlkampfs aber doch eher unwahrscheinlich.
Cohen: Ja. Der Parteienstreit hat das Land so tief gespalten wie seit langem nicht mehr. Beide Seiten beschießen sich unentwegt. Das schafft ein generelles negatives Klima, und die Menschen fühlen sich richtig nach unten gezogen. Ich glaube nicht, dass sich das auch in den nächsten vier Jahren groß ändert. Egal, wer die Präsidentschaftswahl gewinnt.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein Republikaner, der unter einem demokratischen Präsidenten diente. Als was sehen Sie sich heute?
Cohen: Als ein ehemaliger Politiker, der sich in den privaten Sektor zurückgezogen hat. Ich habe 31 Jahre in der Politik verbracht und fast jeden Tag davon genossen. Doch ehrlich gesagt, am Ende hatte ich genug von der Bitterkeit in der Politik. Regieren war einst von einer Art Mythos umwoben. Das ist längst vorbei.
Die Fragen stellte Marc Pitzke
* William Cohen: Die Verschwörer. Limes-Verlag, 2004