Irak: Blick in den Abgrund - DER SPIEGEL
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Irak Blick in den Abgrund

Fünf Bomben, 15 Minuten, 200 Tote: Das Blutbad in Sadr City zeigt, dass im Irak praktisch Bürgerkrieg herrscht. Und dass die Idee illusorisch ist, die ausländischen Truppen könnten das Land bald sich selbst überlassen oder Iran und Syrien ordnend eingreifen. Heute brannten in Bagdad vier Moscheen.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - So dicht folgen im Irak brutale Terrorangriffe aufeinander, dass man sie oft kaum noch auseinander halten kann. Doch die Bombenserie, die gestern den Bagdader Stadtteil Sadr City erschütterte, fällt aus dem Rahmen. Mehr als 200 Menschen starben - in etwa so viele wie bei den Anschlägen auf Vorortzüge in der spanischen Hauptstadt Madrid im März 2004. Die Täter gingen auch ähnlich vor. Innerhalb von 15 Minuten explodierten drei Bomben in Autos und zwei weitere Sprengsätze.

Was das Ziel der Attentäter war, ist vollkommen klar: Schiiten zu töten und den praktisch ohnehin schon tobenden Bürgerkrieg weiter anzuheizen. In Sadr City leben zweieinhalb Millionen Schiiten. Sie sind tägliche Anschläge gewohnt, aber die gestrige Serie - fünf Bomben in 15 Minuten - führte prompt zu gewalttätigen Reaktionen.

Noch am Donnerstagabend griffen schiitische Milizen die Abu-Hanifa-Moschee in der Hauptstadt an, die den Sunniten besonders wichtig ist. Heute setzte sich die neue Gewaltwelle fort, allein bis zum Mittag kamen zwei Dutzend Menschen ums Leben. Bewaffnete Extremisten attackierten ein Sunniten-Viertel in der irakischen Hauptstadt an setzten vier Moscheen und weitere Häuser in Brand. "Sie haben mit Panzerfäusten auf die Moscheen geschossen und aus Maschinengewehren gefeuert." Hilferufe der Anwohner gingen ins Leere - Krankenwagen und Feuerwehr fuhren wegen der gefährlichen Situation nicht zum Anschlagsort.

Der Irak-Eexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik fürchtet, die Bomben von Sadr City könnten eine ähnliche Dynamik entfachen wie der Angriff sunnitischer Terroristen auf die schiitische Pilgermoschee von Samarra im Februar dieses Jahres. Wochenlange Unruhen zwischen Sunniten und Schiiten waren damals die Folge gewesen, Hunderte kamen zu Tode.

Es waren längst nicht nur die Mitglieder von Terrornetzwerken, Aufständischengruppen und Milizen, die an den Ausschreitungen teilnahmen, sondern auch Zivilisten. Wie aufgeheizt die Atmosphäre jetzt ist, zeigten Anschläge auf das Büro des Schiiten-Führers Muktada al-Sadr und die sunnitische Vereinigung muslimischer Geistlicher - obwohl letztere auf ihrer Website die Bomben von Sadr City ausdrücklich als "höllisch" verurteilt und die Getöteten als Märtyrer bezeichnet hatte.

Der Regierung droht die Lähmung

"Gibt es schon ein offizielles Bekennerschreiben derer, die hinter den Angriffen auf die Schiiten stecken?", wollte heute Mittag in einem dschihadistischen Internetdiskussionsforum ein irakischer Diskutant wissen. Doch die Frage ist eher symbolisch, denn kaum jemand zweifelt daran, dass die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida dafür verantwortlich ist. Erst vor zehn Tagen hatte sich ihr Anführer, der sich Abu Hamza al-Muhadschir nennt, in einer neuen Audiobotschaft zu Wort gemeldet, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Über 20 Minuten lang beschimpft der Terrorführer die Schiiten. Die US-Truppen kommen in seiner Hasspredigt nur noch am Rande vor.

Es war al-Muhadschirs Vorgänger Abu Musab al-Sarkawi der die Strategie eines sunnitisch-schiitischen Bürgerkriegs entwickelt hatte. Je mehr Chaos im Zweistromland, desto ungestörter könne er operieren - das war das Kalkül des im Juni durch einen US-Luftangriff getöteten Jordaniers. Andere führen diesen Plan jetzt weiter. In Qaida-nahen Internetforen ist das Echo darauf sehr deutlich. "Ich hoffe, die Verluste der Schiiten steigen noch", schrieb ein Teilnehmer namens "Abu Abdallah der Iraker". Eine in demselben Forum veröffentlichte Bildergalerie mit entsetzlichen Fotos entstellter Leichen vom Tatort kommentierte eine Diskutantin, die sich "die Optimistin" nennt, mit der Bemerkung: "Ich hoffe, dass wir bald auch Bilder von Muktada al-Sadr mit abgetrenntem Kopf sehen."

Sadr ist der junge, radikale Anführer eines Teil der irakischen Schiiten und Kommandeur der Mahdi-Miliz, einer schlagkräftigen Truppe, der die Sunniten Hunderte Morde und Folterungen zur Last legen. Al-Sadr warnte heute den schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki davor, sich wie geplant Ende des Monats mit dem US-Präsidenten George W. Bush in der jordanischen Hauptstadt Amman zu treffen. Die Präsenz der US-Truppen sei Ursache allen Übels, sagte er. Sollte die Begegnung stattfinden, werde er das Parlament und die Regierung boykottieren, erklärte er. Im Moment stützt al-Sadr die Regierung noch; macht er seine Ankündigung wahr, droht im Irak der erneute totale politische Stillstand.

Gedankenspiele um Iran und Syrien

Die Regierung versucht der Gewalt offenbar mit einem neuen Ansatz beizukommen: Der Londoner "Times" zufolge soll in der kommenden Woche ein Treffen zwischen Vertretern des Irak, der USA, Großbritanniens und der Koalitionstruppen mit Vertretern mehrerer aufständischer Gruppierungen abgehalten werden. Den Minister für Aussöhnung, Akram al-Hakim, zitiert das Blatt mit den Worten: "Sie haben sich zu einer Beteiligung am politischen Prozess bereit erklärt." Terrorgruppen sollen nicht eingeladen werden. Allerdings hat bisher weder das Parlament noch das Kabinett die notwendige Zustimmung gegeben.

Dass die Mahdi-Miliz von Sadr ausgeschlossen bleiben soll, dürfte zu neuen Spannungen Anlass geben. Schon im vergangenen Jahr war von Versuchen die Rede gewesen, einige der bewaffneten Gruppen in den politischen Prozess einzubinden. Doch bis jetzt sind sie alle gescheitert. Überdies ist schmerzlich deutlich geworden, dass weder die irakischen Sicherheitskräfte noch die Soldaten der internationalen Koalition in der Lage sind, die Sicherheit auch nur in Bagdad zu gewährleisten.

Der Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten überlagert im Irak zumindest unterschwellig alle anderen politischen Fragen. So hatte der Chef der mächtigsten sunnitischen Partei, Adnan Dulaimi, den schiitischen Abgeordneten kürzlich vorgeworfen, sie seien Iran hörig.

Solche Kurzschlüsse deuten an, welche Risiken mit den derzeit diskutierten Überlegungen verbunden sind, dem schiitischen Iran oder dem sunnitischen Syrien wichtige Rollen als ordnende Regionalmächte einzuräumen. Seit den US-Kongresswahlen Anfang November, bei denen die Demokraten einen deutlichen Sieg davon trugen, haben solche Gedankenspiele in den USA Konjunktur.

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