Irak Eine Stadt kündigt den Terroristen
Rawah - Der Polizeichef von Rawah ist heute Abend ein glücklicher Mann. Das Abendessen mit den Offizieren der US-Marines, die in seiner Stadt in Iraks Provinz Anbar stationiert sind, war ein voller Erfolg. Das Tischgespräch bei Hühnchen und Kebab kreiste um die beiden Frauen, Kinder und Enkelkinder des Polizeichefs. Sein Plan, eine dritte Frau zu nehmen, wurde von den Amerikanern mit einem Grinsen kommentiert.
Nachdem der Besuch die neue Couch-Garnitur des Polizeichefs gebührend bewundert hat, gibt es jetzt Tee und gute Nachrichten. Ein Untergebener reicht eine lange Liste herein: 79 junge Männer aus Rawah wollen der Polizeitruppe ihres Städtchens beitreten. Für Polizeichef Tarek Subhi Hussein ein neuer Beweis, dass das Schlimmste vorbei ist in seiner Stadt. "Die Männer von Rawah wollen ihr Leben in die Hand nehmen und ihre Familien schützen."
Rawah ist nach europäischen Maßstäben ein Kaff: einige Tausend Flachdachhäuser, ein paar Gemüsegärten und staubige Palmen. Eine Hand voll Kramläden, dazwischen Stände, an denen das im Irak so knappe Benzin in alten Plastikflaschen verkauft wird. Die Kanalisation ist undicht, stinkende Pfützen Abwasser stehen in den Straßen. Wie die meisten Städte und Städtchen der größten irakischen Provinz Al-Anbar liegt Rawah am Euphrat, der sich in großen Schleifen durch die Mondlandschaft der irakischen Wüste wälzt. Vielleicht 25.000 Einwohner leben hier, viele von ihnen ehemalige Militärs.
Vor dem Krieg war Rawah ein Ort für pensionierte Funktionäre des Saddam-Regimes. Saddams Handelsminister stammte aus Rawah und sorgte dafür, dass seine Heimatgemeinde in relativem Wohlstand lebte. Die vier Polizisten der Gemeinde schoben eine ruhige Kugel. Dann kam der Krieg und nach ihm der Terror. Rawah wurde zum regionalen Zentrum der Aufständischen. Erstes Ziel der lokalen "Al-Qaida im Irak"-Kämpfer: Die in Rawah stationierten US-Truppen, erst Einheiten der Armee, später US-Marines.
"In den ersten zwei Wochen, nachdem wir Marines im Juli 2006 hier in die Region kamen, haben wir sieben Männer verloren", sagt First Lieutenant James Brobyn, Zweiter Offizier der in Rawah stationierten Apache Kompanie der 3. Light Armored Reconnaissance. Vier starben, als ein Selbstmordattentäter ein mit Sprengstoff beladenes Auto in ihren Außenposten steuerte, drei, als ihr Fahrzeug auf eine Sprengfalle fuhr. Angefangen hat die Offensive der Aufständischen Anfang 2005, sie zog sich hin bis Mitte diesen Jahres: Fast täglich wurden die US-Marines in und um Rawah angegriffen. Wenn nicht durch Selbstmordkommandos oder Sprengfallen, dann mit Raketen, Granaten oder durch Gewehrfeuer. Die Marines verloren allein in Rawah 20 Mann.
Anfangs unterstützte die Bevölkerung den Kampf "gegen die Besatzer", erzählt Polizeichef Subhi. Das änderte sich, als die Städter selbst ins Visier der Aufständischen rückten. "Die Terroristen wollten Rawah zu einem Zentrum von al-Qaida machen und nahmen Rache, wenn Leute das nicht wollten." Mehr als 20 Bürger starben, weil sie zufällig zugegen waren, wenn die Marines angegriffen wurden. Andere wurden nachts in ihren Häusern ermordet, weil die irakischen und ausländischen Militanten der "al-Qaida im Irak" eine Rechnung mit ihnen offen hatte. Der besondere Hass der Terroristen galt den 16 Männern, die sich kurz nach dem Krieg zum Polizeidienst gemeldet hatten. Nur elf überlebten ihn. Einer wurde geköpft, sein Kopf in einer Bananenkiste auf den Marktplatz gestellt. Der Vater eines anderen Polizisten starb, als sein Haus gesprengt wurde. Aus Angst um ihre Familien gaben die meisten Beamten ihren Job auf, zum Schluß stemmten sich nur noch vier gegen eine Übermacht der Gewalt. "Polizist zu sein war ein Todesurteil", sagt Subhi.
"Die Leute hatten es satt"
Wie also kommt es, dass sich allein heute 79 Mann für den Polizeidienst beworben haben? Auch der letzte Anschlag ist vergleichsweise lange her: fast einen Monat. Damals warf ein Aufständischer eine Handgranate über die Mauer des Außenpostens der etwa 60 im Stadtzenrum von Rawah stationierten Marines. Rawah erweckt den Anschein von Normalität. Tagsüber bolzen Jungs auf den Straßen, im Café in der kleinen Markthalle spielen die jungen Männer Billard. Mütter nehmen ihre Töchter mit zum Einkaufen. Selbst nachts sind Leute auf der Straße. Grüppchen von Männern stehen vor hell erleuchteten Friseurläden um kleine Feuer, wärmen sich die Hände und plaudern.
"Die Leute hatten es irgendwann einfach satt", sagt Subhi. Was die Männer der Stadt wollten, sei eine Zukunft für ihre Familie, deshalb hätten sie sich entschlossen, mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten. Wo die Bevölkerung in Angst erstarrt war, begann sie nun, die Marines zu informieren, wenn ein Terrorist nachts ein Sprengfalle installierte. Andere gaben Tipps, wenn sie Verdächtige in der Stadt sahen. Trotzdem sei die Situation nach wie vor explosiv, sagt der Polizeichef und ruft ein paar Bilder auf seinem Laptop auf. Es sind die Waffen- und Sprengstofffunde der vergangenen Wochen: genug Material für ein gutes Dutzend Autobomben und Sprengfallen, Sturmgewehre und Munition für einen langen Kampf. Ganz so friedlich, wie Rawah scheint, ist es nicht. Jetzt macht auch die Vorsicht Sinn, mit der sich die schwer bewaffneten Marines und Polizisten auf 20 Patrouillen täglich die Straßen entlang tasten. Der Feind ist nicht weg, er ist nur nicht sichbar. "Die sind natürlich noch da draußen", sagt Polizeichef Subhi.
Möglich gemacht wurde das Ende der Schreckensherrschaft des Terrors in Rawah durch das sogenannte "Erwachen der Sunniten" in Anbar. Die einflussreichen Scheichs der Provinz ordneten Mitte des Jahres den Seitenwechsel an, Rawah folgte. Die sich entschärfende Lage ermöglichte es den Marines, ihre Taktik zu ändern. Wo sie vorher nur in gepanzerten Fahrzeugen Streife fahren konnten, konnten sie es nun wagen, zu Fuß auf Patrouille zu gehen.
"Hirne und Herzen gewinnen" lautete die Devise und wer sieht, wie überwiegend zutraulich sich die Leute auf der Straße den in ihrer Ausrüstung Angst einflössend martialisch aussehenden Soldaten nähern, glaubt, dass sie das zumindest an der Oberfläche geschafft haben. Gleichzeitig übertrugen die Amerikaner dem anwachsenden lokalen Polizeikorps Rawahs mehr Verantwortung: Die Männer sollten selbst für die Sicherheit ihrer Familien arbeiten. Die Marines seien in Rawah, um die Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren und diesen Job nach und nach an die irakische Armee und Polizei zu übergeben, sagt First Lieutenant Brobyn. "Wir sind hier, um uns überflüssig zu machen."
Dass das funktioniert, zeigt sich, als Polizeichef Subhi spät am Abend eine eilige Botschaft erhält. Späher hätten ein lokales Qaida-Schwergewicht auf einer Farm außerhalb der Stadt gesichtet, berichtet ein Polizist. Was sich daraufhin abspielt, ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür, wie man den Verantwortungstransfer richtig macht. Der Terrorist soll verhaftet werden, so viel ist klar. Könnten die Marines das vielleicht übernehmen und mit ihren gepanzerten Fahrzeugen vorfahren, ist die erste Idee der Iraker. Die anwesenden US-Offiziere sind höflich zurückhaltend, geben aber zu bedenken, dass schweres Gerät viel Lärm macht und den Gesuchten warnen könnte. Auf sich selbst zurück geworfen, arbeiten die Polizisten schließlich einen Plan aus, in dem die Marines nur noch als Verstärkung eingeplant sind. Ein paar Stunden später in den frühen Morgenstunden wird die Strategie der Polizei aufgehen, der Verdächtigen allein von der irakischen Polizei verhaftet werden. Einen großen kleinen Sieg nennen die Marines das.
Derzeit wachen 345 irakische Polizisten und 100 Marines über Rawah: Wenn 450 Mann eine Stadt gerade so eben ruhig halten können, dann ist es trotz der besseren Lage noch lange nicht friedlich in Al-Anbar. Wie viele seiner Nachbarstädte steht Rawah noch mitten im Krieg, aber vielleicht in seiner entscheidenden Phase.
In den nächsten Monaten werden sich Antworten auf die vielen Fragen heraus kristallisieren, die derzeit noch offen sind. Was wird passieren, wenn die Marines sich irgendwann zurückziehen? Ist die lokale Polizeitruppe stark genug, die Ruhe aufrechtzuhalten? Was wird, wenn das Geld knapp wird und sich die hoffnungsfrohen Polizeianwärter auf der Straße wiederfinden? Werden die Frustrierten ihre neu erlernten Fähigkeiten in den Dienst der Aufständische stellen? "Ich hätte zu gerne eine Glaskugel, um in die Zukunft dieser Stadt zu schauen", sagt First Lieutenant Brobyn, dessen Apache Kompanie schon zum vierten Mal für ein halbes Jahr im Irak stationiert ist. "Ich hoffe, dass die Leute von Rawah es schaffen werden, dass es vorwärts geht."