Gewalt bei Massendemos im Irak Kopfschüsse gegen die Wütenden
Der Sarg eines Demonstranten, der bei einer Anti-Regierungs-Demonstration in Bagdad getötet wurde
Foto: Hadi Mizban/ AP/ DPANun, da das Internet nach rund einer Woche im Irak wieder zurück ist, zirkulieren erschütternde Aufnahmen in den sozialen Medien:
- Mit Schlagstöcken bewaffnete Milizionäre durchkämmen Wohnviertel, dringen in Läden und Häuser ein, verprügeln die Männer.
- Ein junger Mann in Jeans und mit freiem Oberkörper geht wütend auf einen Milizionär zu; er ist noch etwa zwei Meter von dem Kämpfer entfernt, da ermordet ihn dieser mit einem Kopfschuss.
- In einem anderen Video ist zu sehen, wie ein junger Iraker gerade live von einer Demonstration in seine Handykamera spricht, bevor ihn ein Kopfschuss niederstreckt.
- Irakische Journalisten berichten von Scharfschützen, die unbewaffnete Demonstranten erschossen.
Solch Terror auf den Straßen von Bagdad oder Basra ist auch im Irak nicht an der Tagesordnung. Mehr als 100 Menschen wurden nach Angaben des irakischen Militärs in Bagdad und Städten im Südirak von den Sicherheitskräften erschossen, seit die Proteste am 1. Oktober losgingen. Mehr als 6000 Menschen wurden verletzt.
"Übertriebene Gewalt jenseits der Einsatzregeln"
Der irakische Präsident Barham Salih sprach in einer Fernsehansprache von "inakzeptablen" Attacken. Das irakische Militär schrieb in einer Stellungnahme von "übertriebener Gewalt jenseits der Einsatzregeln", man wolle die befehlshabenden Offiziere, die diese "falschen Handlungen" durchgeführt hätten, zur Verantwortung ziehen.
Regierungsgegner haben in Bagdad eine Barrikade errichtet
Foto: Hadi Mizban/ AP/ DPA"Es wird nun untersucht, wer hinter dieser Gewalt steckt, denn der Verteidigungsminister und der Innenminister wissen es nicht", sagt Renad Mansour, Irak-Experte des Thinktanks Chatam House in London. "Viele sagen, dass es sich um kriminelle Elemente handelt. Aber es ist wichtig, festzuhalten, dass es sich um Bewaffnete handelt, die mit großer Präzision Kopfschüsse oder Brustschüsse abgeben - es handelt sich um sehr gut ausgebildete bewaffnete Gruppen, die nicht unter der Kontrolle des Staates stehen."
Es klingt unglaublich, dass selbst der Verteidigungsminister, zuständig für das Militär, oder der Innenminister, zuständig für die Polizei, nicht wissen könnten, wer hinter der brutalen Repression steckt. Doch tatsächlich sind die staatlichen Strukturen im Irak schwach; paramilitärische Gruppen sind oft stärker.
Milizen setzen auf Brutalität und Einschüchterung
Seit dem Einmarsch der USA 2003 in den Irak und der Auflösung der irakischen Armee ist es nicht wirklich gelungen, den Staat wiederherzustellen. "Zum Teil liegt dies auch daran, dass internationale Akteure lieber mit nichtstaatlichen Gruppen zusammenarbeiten", sagt Irak-Experte Mansour.
Er meint damit Irans Unterstützung für irakisch-schiitische Milizen, aber auch die deutsche Hilfe für die irakisch-kurdischen Peschmerga im Nordirak. "All diese bewaffneten Gruppen unterstehen nicht dem Staat, sondern einer politischen Partei. Sie stehen über dem Staat und über dem Gesetz", sagt Mansour. Die Milizen würden derzeit auf Brutalität und Einschüchterung gegen die Demonstranten setzen, um das bestehende System zu verteidigen.
Noch haben die Proteste zwar nicht aufgehört, allerdings erzählen einige junge Iraker aus Bagdad am Telefon, dass sie nun Angst haben. Fast jeder scheint jemanden zu kennen, der verhaftet wurde - oft nicht auf der Straße, sondern in den eigenen vier Wänden.
Ein verletzter Mann in Bagdad - die Einsatzkräfte gehen brutal vor
Foto: Hadi Mizban/ AP/ DPADie Proteste haben bisher keine erkennbaren Anführer. Sie entstanden aus einem gemeinsamen Gefühl der Wut. Viele junge Iraker sind es leid, in einem Land zu leben, wo vieles nicht funktioniert - keine zuverlässige Strom- und Wasserversorgung, keine Jobs, keine Perspektive, stattdessen Korruption, Misswirtschaft und die unheimliche Macht der Milizen.
Der Irak ist ein sehr junges Land, zwei Drittel der rund 40 Millionen Iraker sind unter 30 Jahre alt. Jedes Jahr drängen Hunderttausende Uni-Absolventen auf den Arbeitsmarkt, doch es gibt für sie kaum Jobs.
Einige der jungen Universitätsabsolventen hängen nun auf Plakaten in Bagdad; neben ihren Namen steht, was sie studierten. Es sind die Porträts getöteter Demonstranten.