Irak-Krieg "Phase zwei hat begonnen"
Bagdad - Nach Einschätzung des britischen Premiers geht der Irak-Krieg stetig voran. Die zweite Phase sei erreicht. Die alliierten Soldaten würden in den besetzten irakischen Gebieten zunehmend herzlich empfangen. Dies erklärte ein Sprecher des Regierungschefs nach einer Sitzung des so genannten Kriegskabinetts am Dienstag in London. Nach Meinung Blairs werde der letzte Stoß gegen Bagdad dann beginnen, "wenn wir bereit sind - und nur wenn wir bereit sind", fügte der Sprecher hinzu.
Heftige Gefechte wurden aus Diwanijah gemeldet. Dort sollen sich mehrere hundert irakische Kämpfer aufhalten. US-Militärsprecher McCoy teilte mit, dass mindestens 75 gegnerische Soldaten getötet und 44 gefangen genommen worden seien, darunter auch zwei Offiziere der Republikanischen Garde, der Elite-Einheit der irakischen Streitkräfte. Bei Nadschaf bemühten sich die US-Truppen weiter darum, die Stadt vollständig zu isolieren, um so die wiederholten Angriffe auf den Nachschub zu stoppen.
Im Südirak erzielten die britischen Streitkräfte im Raum Basra nach Angaben von BBC ihre bisher größten Erfolge. Die rund 200.000 Einwohner zählende Stadt Zubair 15 Kilometer südwestlich von Basra sei nach heftigen Gefechten jetzt unter britischer Kontrolle. Ein britischer Militärsprecher sprach von brutalen Straßenkämpfen.
Die US-Luftwaffe hat am Dienstag ihre Bombardements auf Bagdad und das nordirakische Kirkuk verstärkt. Über der Stadt, in deren Umland die größten Ölfelder des Irak liegen, war das Donnern von US-Kampfflugzeugen zu hören. Reuters-Korrespondent Mike Collett-White berichtete von mehreren Bombeneinschlägen. Augenzeugen berichteten, die Angriffe könnten einem Waffenlager gegolten haben.
In Bagdad konzentrierten sich die Angriffe auf Einrichtungen, die von Präsident Saddam Hussein und seinen Söhnen genutzt werden. Die US-Geschosse trafen am 13. Kriegstag einen Palast, der von Saddam und seinem Sohn Kussei genutzt wird. "Eine große, große, große Rauchwolke steigt aus dem Komplex auf", berichtete Reuters-Korrespondentin Samia Nakhoul. "Vielleicht setzen sie größere Bomben als zuvor ein." Kussei befehligt die irakische Elite-Einheit Republikanische Garde, die einen Verteidigungsring um Bagdad bilden. Auch sie standen am Dienstag erneut unter dem Beschuss der US-Luftwaffe. Ein weiterer Einschlag wurde in der Zentrale des irakischen Olympischen Komitees im Zentrum Bagdads gemeldet, das unter der Leitung von Saddams Sohn Udai steht.
US-Soldaten töten Frauen und Kinder
Die Bodentruppen rückten nach US-Angaben bis auf 80 Kilometer auf die irakische Hauptstadt vor. In Zentralirak erschossen US-Soldaten nach US-Militärangaben sieben Frauen und Kinder. Sie waren in einem Kleinbus bei Nadschaf 160 Kilometer südlich von Bagdad auf einen Kontrollpunkt zugefahren. Warnschüsse seien nicht beachtet worden, sagte ein Militärsprecher. Nur wenige Stunden später ereignete sich ein ähnlicher Fall. US-Marineinfanteristen schossen nach eigenen Angaben auf einen Lastwagen, der sich ihnen an einem Kontrollpunkt außerhalb des Orts Schatra südlich von Bagdad näherte. Sie töteten den Fahrer und verletzten seinen Beifahrer. Der Laster sei unbeladen und keiner der Männer bewaffnet gewesen, sagten die Soldaten dem Reuters-Korrespondenten vor Ort. "Ich dachte, es war ein Selbstmordattentäter", sagte einer der Soldaten, die das Feuer eröffnet hatten.
Nachdem am Samstag ein als Taxifahrer getarnter Attentäter bei einem Sprengstoffanschlag vier US-Soldaten getötet hatte, ist die Anspannung der US-geführten Truppen gestiegen. Die USA hatten stets betont, bei ihrem Vorrücken in Irak Opfer unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich halten zu wollen. Ein britischer Militärsprecher räumte am Dienstag ein, die jüngsten Zwischenfälle untergrüben die Bemühungen der US-geführten Streitkräfte, die irakische Bevölkerung für sich zu gewinnen. Dennoch hätten die Soldaten das Recht, sich selbst zu verteidigen.
Die auf Bagdad vorrückenden US-geführten Bodentruppen stießen im südirakischen Nassirijah nach irakischen Angaben auf heftige Gegenwehr. "Das Blut der Feinde fließt in Strömen", sagte ein irakischer Militärsprecher. In der nordirakischen Öl-Stadt Mossul hätten irakische Einheiten die Landung britischer Truppen verhindert. Nähere Einzelheiten nannte Informationsminister Saïd el Sahhaf allerdings nicht. Auch bei Basra im Südosten des Irak seien den britischen und US-Truppen starke Verluste zugefügt worden. Insgesamt seien sieben Panzer der Verbündeten getroffen worden.
Ring um Basra zieht sich zu
Nach Darstellung der britischen Streitkräfte, die Basra seit neun Tagen umzingeln, haben sie ihren Belagerungsring um die Stadt enger gezogen. CNN berichtete unter Berufung auf britische Militärsprecher, die Briten würden jetzt die westlichen Stadtteile von Basra kontrollieren.
Zivilisten, die aus dem belagerten Basra geflüchtet sind, berichteten, sie seien von Mitgliedern der regierenden Baath-Partei unter Druck gesetzt worden, sich nicht gegen Saddam zu erheben. Vor einigen Tagen hatte es Gerüchte gegeben, die größtenteils schiitischen Bewohner Basras hätten eine Revolte gegen Saddam begonnen.
Powell berät mit Europäern
US-Außenminister Colin Powell will am Donnerstag die europäischen Verbündeten über den Militärkonflikt informieren und eine Nachkriegsordnung beraten. Ein EU-Kommissionssprecher teilte mit, Powell werde mit dem griechischen Außenminister Georgios Papandreou, EU-Außenkommissar Chris Patten und dem EU-Koordinator für Außenpolitik, Javier Solana, zusammenkommen. Geplant sei zudem ein gemeinsames Mittagessen Powells mit den Außenministern der Nato und der EU und Powells Teilnahme an einer Sitzung des Nato-Rates. Am Mittwoch will Powell in die Türkei reisen. Powell hatte seine überraschende Reise am Montag angekündigt.
Die 15 Staaten der EU sind in der Frage des Irak-Kriegs tief gespalten. Während etwa Großbritannien, Spanien und Portugal die USA unterstützen, lehnen Deutschland, Frankreich und Belgien den Krieg strikt ab.