Irak: Mit dem Ex-Feind auf Patrouille - DER SPIEGEL
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Irak Mit dem Ex-Feind auf Patrouille

Einst kamen sie, um die Iraker zu besiegen. Heute sollen US-Soldaten mit den ehemaligen Feinden Streife laufen und ihnen ihr Leben anvertrauen. Die neue Doktrin, die "Herzen und Hirne" der Iraker erreichen zu wollen, funktioniert - dennoch schlafen viele Marines neben ihrer geladenen Pistole.
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Sie sind jung, sie geben sich schneidig, unter den beigefarbenen Overalls der Wüstenkämpfer zeichnen sich Muskelberge ab. Wer sich keine Glatze geschoren hat, trägt das Haar nach Dienstvorschrift "High and Tight", an den Seiten kahl, auf dem Oberkopf raspelkurz: Die US-Marines des Außenpostens in der nordwest-irakischen Kleinstadt Rawah könnten für ein Rekrutierungsplakat der amerikanischen Elitetruppe Modell stehen.

Wären da nur nicht die Schnurrbärte. Behaarte Oberlippen sind äußerst untypisch für die Marines. Dass fast die ganze Kompanie sich einen Schnauzer stehen hat lassen, muss also Gründe haben: "Der Captain hat angeordnet, dass sich jeder, der kann, einen Schnurrbart wachsen lässt", erklärt ein Sergeant den Einheitslook. Im Irak, wo Schnauzbarttragen existenzieller Bestandteil des Mannseins ist, komme es bestimmt gut an, wenn man sich den lokalen Sitten anpasst, so die Überlegung.

Der Erfolg gibt Captain Adam Gross’ Initiative recht. 120 irakische Polizisten teilen sich in Rawah das Camp mit etwa 60 Marines. "American Moustache, very good!" strahlen einige der irakischen Polizisten auf Nachfrage. Und auch der örtliche Polizeichef gibt zu Protokoll, dass es ein sehr willkommenes Zeichen des Respekts und der örtlichen Bräuche sei, dass die Amerikaner sich nicht glatt rasierten. Captain Gross freut sich: "Wieder ein kleiner großer Sieg!"

Herzen und Hirne gewinnen

Im Januar vergangenen Jahres wurde General David Petraeus zum neuen Oberkommandeur der US-Truppen im Irak gemacht. Sein Credo: Man muss die "Herzen und Hirne" der Iraker gewinnen. Die Bevölkerung eines besetzten Landes für sich einzunehmen, ist ein Kampf, der nur im Detail, im täglichen Klein-Klein gewonnen werden kann. Mit Schnauzbärten, oder auch im langen arabischen Gewand: Die Krönung der interkulturellen Verständigungsarbeit ist, dass der US-Verbindungsoffizier zur irakischen Polizei Captain Mike Petite tatsächlich ab und an die arabische Tracht nebst Palästinensertuch trägt, die ihm die Iraker geschenkt haben. Auch dass er beim Essen mit den Honoratioren des Örtchens ohne mit der Wimper zu zucken mit den Fingern von den großen Platten mit Huhn und Reis isst, aus denen sich auch alle anderen Eingeladenen die besten Stücke herausklauben, wird Petite hoch angerechnet. "Er ist schon fast einer von uns", freut sich der Polizeichef.

Der von Petraeus seit Anfang Jahres initiierte Kurswechsel trägt Früchte: Noch 2006 war es gängige Taktik der US-Truppen von ihren großen Basen aus Vorstöße in die feindliche Umgebung zu unternehmen. Die Soldaten fuhren auf Patrouille, durchsuchten Häuser, verhafteten, wen sie für verdächtig hielten. Abends zog man sich in die Forts zurück, und überließ die Stadtviertel, in denen man sich tagsüber durch die Verhaftungen vermutlich ein paar neue Feinde geschaffen hatte, den Aufständischen. Petraeus änderte das. Er ließ die Soldaten absitzen und zu Fuß den Kontakt mit der Bevölkerung suchen. Vor allem aber dezentralisierte er seine um 30.000 auf 170.000 Mann aufgestockten Truppen. Eine Nachbarschaft sollte nicht nur ab und an ausgekehrt, sondern gehalten werden. Seitdem sitzen die Soldaten in kleinen Außenposten in den von ihnen zu kontrollierenden Stadtteilen und Dörfern – teils wie in Rawah in Wohngemeinschaft mit den irakischen Sicherheitskräften.

Man kann der Ansicht sein, dass Kriege grundsätzlich schlecht sind und die Leistung eines Soldaten deshalb nicht in besser oder schlechter unterteilt werden kann. Man kann der Überzeugung sein, dass es falsch war, einen Krieg gegen den Irak zu führen und das deshalb jeder amerikanische Soldat dort nichts zu suchen hat. Oder man kann sich die Lage der Dinge im Irak betrachten, in dem ein kurzer Krieg ein heilloses Chaos der Gewalt geschaffen hatte und feststellen, dass die multinationalen Truppen unter US-Führung nach einem Strategiewechsel die Situation nun langsam in den Griff zu bekommen scheinen.

Man darf wohl sagen, dass es zumindest in ethnisch homogenen Provinzen im Irak bergauf geht. In Al-Anbar, der größten irakischen Provinz in der Rawah am Euphrat liegt, hat das "Erwachen der Sunniten" die Kehrtwende eingeläutet. Seit deren Stammesführer im Sommer 2007 beschlossen, die Amerikaner in Zukunft nicht mehr zu bekämpfen, sondern mit den Besatzern zusammenzuarbeiten, hat sich die Lage erheblich verbessert. In Rawah wird gebaut, die Kinder spielen wieder auf der Straße. "Die Situation" ist Lieblingsthema beim abendlichen Palaver der Honoratioren des Örtchens. Sie sind sich einig: So gut war es seit Saddams Zeiten nicht mehr. Auch die USA spüren, dass der Druck nachlässt. Die US-Verluste sind von ihrem höchsten Stand im Mai 2007 mit 126 Toten in einem Monat auf 38 im November 2007 gesunken. Die Skepsis freilich bleibt, wie lange der Burgfrieden halten wird.

Dass die US-Truppen im Irak in den ersten Jahren des Krieges auf allen Ebenen eklatante Fehler begangen haben, dürfte unbestritten sein. Klar ist aber auch, dass sie dazu gelernt haben, im Kleinen wie im Großen. Wer heute als US-Marine in den Irak geschickt wird, hat einen Monat "Mojave Viper" hinter sich. Auf einem Truppenübungsplatz in Südkalifornien trainieren die Einheiten in den Attrappen irakischer Dörfer, was im echten Irak auf sie zukommt. Dabei stehen nicht nur Feuergefechte mit von Komparsen dargestellten "Terroristen" auf dem Programm, sondern auch der Austausch der im Irak überaus wichtigen Höflichkeiten wird geübt. Arabisch-Grundkurse sind Pflicht, dass sie fruchten, zeigt sich im Alltag. "Du vorne, du in der Mitte, du Funker." Das Arabisch, dass ein Lieutenant bei der Vorbereitung auf eine von Amerikanern und Irakern gemeinsam durchgeführte Patrouille zum Einsatz bringt, ist rudimentär, erfüllt aber seinen Zweck und zeigt vor allem guten Willen. Für komplexere Sachverhalte stehen ohnehin rund um die Uhr Übersetzer bereit.

"Alles passiert durch die Iraker und mit den Irakern. Hilf ihnen!" Der Leitspruch, der auf einem Din-A4-Zettel ausgedruckt im Flur des Außenpostens hängt, steht im Gegensatz zu anderen Marines-Glaubensbekenntnissen, die daneben hängen. "Sei höflich, professionell, habe einen Plan, jeden zu töten, den du triffst", steht da. Der nächste Spruch erscheint wie ein Kompromiss: "Ergreife die Initiative mit dem offensiven Geist eines Kriegers und dem Herzen eines Friedensbringers".

Schwieriger Spagat

Dass sie sich in die Rolle der wohlwollenden Hilfstruppe immer wieder neu einfinden müssen, geben die Marines offen zu. "Es ist manchmal schon ein komisches Gefühl, jetzt mit den Irakern Streife zu laufen", sagt First Lieutenant Brian Perkins. Einige der Einheimischen, die heute als Polizisten auf dem gleichen Flur wie die Marines schlafen, kennen die Amerikaner noch vom vergangenen Jahr. "Einige hatten wir verhaftet, weil wir wussten, dass sie zu den Aufständischen gehören. Wir mussten sie aber laufen lassen, weil wir nicht genug Beweise gegen sie hatten." Es ist ein Spagat, der manchem nicht leicht fällt. "Ich bin dazu ausgebildet, diese Männer zu töten, und jetzt muss ich ihnen auf Streife mein Leben anvertrauen", sagt ein Marine, der anonym bleiben möchte.

Die meisten der jungen Männer der Apache-Kompanie sind zum dritten oder vierten Mal für ein halbes Jahr in der Region stationiert. Seit die Marines in Rawah sind, haben sie durch Sprengminen, Überfälle und Angriffe 20 Mann verloren. Zwar liegt der letzte Angriff auf die Kompanie bereits drei Monate zurück, trotzdem legen einige der Marines auch in den Schlafquartieren die geladenen Pistolen am Gürtel nicht ab. Sie nehmen einen Spruch ernst, der per Schablone an viele der Wände des Camps gesprüht steht: "Complacency kills - Selbstzufriedenheit tötet".

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