Irak Siegeszug der Aufständischen
Bagdad - Die schwersten Angriffe starteten die US-Truppen erneut gegen Falludscha. Bei Luftangriffen wurden Dutzende Menschen getötet. Nach Angaben eines Militärsprechers wurde auch ein Gebäude angegriffen, in dem sich drei Verbündete des jordanischen Extremisten Abu Mussab al-Sarkawi versteckten. Klinikmitarbeiter gaben die Zahl der Toten mit neun an, unter ihnen zwei Kinder.
Falludscha liegt 50 Kilometer westlich von Bagdad und ist eines der Zentren des sunnitischen Widerstandes gegen die US-Truppen und die irakische Übergangsregierung. Anfang Mai hatte sich die US-Armee aus der Stadt zurückgezogen, als bei heftigen Kämpfen hunderte Iraker getötet worden waren. Falludscha war auch die Stadt, in der die geschändeten Leichen getöteter US-Soldaten vom Mob an der Brücke über den Euphrat aufgehängt wurden. Seitdem haben die US-Truppen und ihre irakischen Verbündeten die Kontrolle über die Stadt mit ihren 300.000 Einwohnern verloren. Am Mittwoch gaben das erstmals auch Offizielle des Pentagons in der Öffentlichkeit zu.
In Falludscha sind nun junge Kämpfer zu sehen, die in neuen amerikanischen Pick-Ups durch die Straßen fahren. Sie tragen oft ausgeleierte schwarze Hosen und Shirts und sind meistens noch keine 20, in seltenen Fällen 30 Jahre alt.
Von der Falludscha-Brigade, die mit Unterstützung der irakischen Nationalgarde für die Sicherheit in der 300.000 Einwohner zählenden Stadt sorgen sollte, ist fast nichts mehr zu sehen. Die Macht liegt in der Hand von sechs Personen, die sich unter Führung von Scheich Abdullah al Dschanabi zu einem Mudschahidin-Schura-Rat zusammengeschlossen haben.
US-Generalmajor John Batiste ist zwar zuversichtlich, dass die sunnitischen Aufständischen in Falludscha bald bezwungen werden können. Aber Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Generalstabschef Richard Myers sind längst nicht so optimistisch. Erfolge im Kampf gegen die Widerstandskämpfer hingen von der Ausbildung der irakischen Soldaten ab, die bei den Militäroperationen die Führung übernehmen sollen.
US-Konteradmiral Gregory Slavonic berichtete, bei den Angriffen der Aufständischen auf seine Soldaten im Irak gebe es "keine Änderung der Taktik. Sie setzen noch immer Panzerfäuste, am Straßenrand versteckte Sprengsätze und Werfgranaten" ein. Allein durch Sprengsätze kamen nach US-Angaben 38 Prozent der getöteten Soldaten ums Leben.
Ähnlich prekär wie in Falludscha ist die Lage auch in Bakuba, Ramadi oder Samarra. Dort rückten amerikanische Truppen am Donnerstag wieder in die Stadt ein, die sie erst Ende Juni geräumt hatten. Sie versuchten die Ordnung in dem Ort wieder herzustellen, begannen mit der Errichtung von Straßenkontrollen.
Massiv bombardiert wurde auch die Stadt Talafar nahe der Grenze zu Syrien. US-Verbände griffen in den Morgenstunden mit Panzern und Artillerie an. Diese Stadt, 70 Kilometer westlich von Mossul gelegen, gilt als Nachschubzentrum der Aufständischen. Mindestens 17 von ihnen sollen bei den Kämpfen getötet worden sein.
Augenzeugen berichteten, bewaffnete Männer hätten in der zum Teil von Turkmenen bewohnten Stadt den US-Truppen heftigen Widerstand geleistet. Der Leiter des Gesundheitsamts der Provinz Ninive, Rabie Jassin, teilte mit, es seien mindestens 27 Menschen getötet und 70 verletzt worden. Er kritisierte, dass die US-Truppen weder Sanitäter noch Medikamente in die Stadt ließen.
Irakische Soldaten drangen am Donnerstag in Nadschaf in den Amtssitz des radikalen Schiiten-Führers Muktada al-Sadr. Die rund 60 Soldaten hatten den Auftrag, nach Waffen zu suchen. Al-Sadr befand sich zum Zeitpunkt der Razzia nicht in dem Gebäude. In dem Gebäude seien keine Waffen gefunden worden, sagte Major Jasser. In Nachbarhäusern habe man aber Mörser und Munition sichergestellt.
Nach dreiwöchigen Kämpfen zwischen den Anhängern al-Sadrs und amerikanischen Truppen hatte der schiitische Großajatollah Ali Sistani am 26. August ein Friedensabkommen vermittelt, das den irakischen Streitkräften die Kontrolle über Nadschaf einräumte.
Aber auch in Nadschaf kann von Kontrolle keine Rede sein. Dort wurden vor drei Wochen zwei französische Journalisten und ein iranischer Diplomat entführt. Sie sind nun angeblich in einer Kleinstadt südlich von Bagdad, aber noch immer in den Händen ihrer Kidnapper. Alwin Schröder