Irak Untergrundkrieg gegen die Besatzer
Berlin - Die militärische Bilanz liest sich fast wie die aus den Tagen des Kriegs gegen Saddam Hussein und seine Truppen. Zwei Angriffe auf die US-Truppen endeten am Donnerstag mit mehreren Toten unter den Besatzungssoldaten.
Zuerst attackierten Unbekannte in der rund 50 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegenen Ortschaft al-Iskandarija ein Ambulanzfahrzeug und töteten einen Amerikaner. Wenig später meldete der arabische TV-Sender al-Dschasira, Iraker hätten auf einer Schnellstraße im südlichen Stadtteil al-Daura ein Militärfahrzeug unter Beschuss genommen und schließlich angezündet. Angeblich starben bei dieser Attacke drei amerikanische GIs. Die Zahl der bei Gefechten getöteten US-Soldaten seit dem Kriegsende Anfang Mai stieg damit auf 20.
Kurz vor den tödlichen Attacken waren am Mittwoch Hunderte von Irakern durch die Straßen Bagdads gezogen. Mit einem ganzen Arsenal von Kalaschnikows schossen sie aus Protest in die Luft und skandierten anti-amerikanische Parolen. "Niemand ist größer als Allah", riefen die Männer, "und Amerika ist der Feind unseres Gottes." Grund für die Demonstration war die Beerdigung eines von US-Soldaten getöteten irakischen Militärs, der an einer Kundgebung teilgenommen hatte.
Noch spielen die amerikanischen Militärs und US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Attacken der Iraker gegen die Besatzer herunter. Allerdings gestanden in den letzten Tagen mehrere Regierungsbeamte gegenüber amerikanischen Zeitungen ein, dass im Irak längst ein neuer Krieg begonnen habe. Wochen nach der Befreiung des Landes formiert sich zunehmend Widerstand gegen die Besatzungsmacht USA, der immer häufiger in gut geplanten und tödlichen Attacken endet. Anonym sprechen Militärführer aus, dass die neuen Angriffe den einst geplanten raschen Abzug der Besatzer unmöglich erscheinen ließen. "Wie schnell wir abziehen können, entscheidet nun wieder der Feind", so das Fazit eines Soldaten.
"Der nächste Krieg"
Die US-Zeitungen bereiten ihre Leser bereits auf ein wesentlich längeres Kriegsgeschehen im Irak vor. Bereits vergangene Woche schrieb der bekannte Autor Michael Gordon in der "New York Times" einen langen Essay mit der Überschrift "Der nächste Krieg". Im Gegensatz zu dem Sturm auf Bagdad werde der Kampf gegen den inneren Widerstand im Irak "Monate, wenn nicht Jahre" dauern, prophezeite Gordon und listete die zahlreichen Attacken auf US-Soldaten auf. Die Logik dieses neuen Kriegs sei von Aktion und Reaktion geprägt. Dieser Logik nach wären die Attacken vom Donnerstag die Folge der heftigen Militäroperation der USA in der vergangenen Woche. Es ist leicht auszumalen, dass eine solche Spirale der Gewalt sich über Monate fortsetzen kann.
Was die US-Militärs vor Ort besonders aufschreckt, ist der Grad an Organisation der neuen Gegner. "Was früher spontan und kaum koordiniert erschien, hat sich zu gut geplanten und professionell ausgeführten Anschlägen entwickelt", sagte ein hoher Befehlshaber schon vor den Angriffen vom Donnerstag der "Washington Post". Ganz gezielt würden schlecht zu schützende Ziele wie kürzlich ein Krankentransport oder humanitäre Koordinationseinrichtungen der US-Armee für Attacken ausgesucht. Diese würden nach altbekannten Guerilla-Taktiken angegriffen - immer häufiger mit Erfolg. Material für Anschläge brauchen die Täter nicht lange zu suchen. Automatische Waffen und sogar Panzergranaten sind im ganzen Irak trotz der Entwaffnungskampagne der US-Truppen noch immer leicht verfügbar.
Wer die Drahtzieher der Attacken sind, ist bisher unklar. US-Militärs vermuten Getreue Saddam Husseins als Auftraggeber. Willige Guerilleros dürften noch ausreichend im Land sein. So zum Beispiel die versprengten Gotteskrieger, die zu Hunderten für den Dschihad über Syrien, Iran und die Türkei in den Irak gekommen waren. Nach dem verlorenen Krieg könnten diese nun einen neuen Kampf eröffnen, um den US-Besatzern wenigstens noch maximal zu schaden, so die Vermutung. Außerdem dürften sich noch Tausende Saddam-Anhänger in den Metropolen und auf dem Land verstecken. Sie haben im neuen Irak wenig Chancen auf eine Zukunft und dürften deshalb für gewagte oder gar selbstmörderische Anschläge bereit sein.
Freie Wahlen in weiter Ferne
Wie ernst die USA die neue Bedrohung nehmen, zeigte sich an der groß angelegten Militäroperation vergangene Woche. Zum ersten Mal seit Kriegsende fielen im Norden des Landes wieder Bomben. Hunderte GIs marschierten auf, um ein von Geheimdiensten identifiziertes Versteck von Saddam-Anhängern auszuheben. Bei den Kämpfen kamen nach offiziellen Angaben mehr als 70 Iraker ums Leben, Hunderte wurden verhaftet, darunter auch Dutzende ausländischer Kämpfer aus den benachbarten Ländern, die sich mit den regimetreuen Irakern verbündet hatten.
Geradezu absurd wirkte zwischen diesen Meldungen der letzten Tage die erste Umfrage im Irak nach dem Krieg. Forscher des neu gegründeten "Zentrums für Forschung und strategische Studien" hatten 1000 Menschen in Bagdad befragt. Demnach dulde eine knappe Mehrheit der irakischen Bevölkerung die Besatzung ihres Landes - wohlgemerkt bis zur Bildung einer Regierung. Gleichwohl glauben laut der Umfrage nur sechs Prozent, dass die Besatzer zum Wohle des Irak im Land sind. 59 Prozent äußerten sich überzeugt, dass es den Truppen um Interessen ihrer Länder gehe.
Seit die US-Regierung Paul Bremer als neuen Nachkriegsverwalter eingesetzt haben, ist die Wahl einer irakischen Regierung in weite Ferne gerückt. Erst kürzlich ließ Bremer in der für die Schiiten heiligen Stadt Nadschaf die freie Wahl eines Stadtparlaments verhindern. Obwohl die US-Armee bereits alles organisiert hatte, schaltete sich der ehemalige Terror-Berater der US-Regierung ein und setzte lieber von ihm favorisierten Iraker als Verantwortliche ein. Für Radikale eignen sich solche Geschehnisse prächtig zur Anti-USA-Propaganda und als Beweis, dass man gewaltsam gegen die USA vorgehen kann, um die Macht im Irak wiederzuerlangen.
Neue Feinde im Norden
Im Norden des Irak hat die US-Armee ein weiteres Problem. Durch die heftigen Militärschläge in den vergangenen Wochen drohen dem Militär die bisher verbündeten Kurdenführer von der Fahne zu gehen. Als nach der Operation Kundschafter der US-Armee durch das Gebiet reisten, mussten sie sich heftige Drohungen anhören, berichtet das Magazin "Newsweek" in seiner aktuellen Ausgabe. Demnach hätten mehrere Führer signalisiert, dass sie für die Loyalität ihrer Anhänger nicht mehr garantieren könnten. Ein Armeevertreter drückte es drastischer aus: Die Kurden seien nur für den Krieg "gemietet" gewesen.
Grund für die schwindende Treue könne laut dem Bericht auch das "friendly fire" auf einen hohen Kurdenführer sein, dessen Haus auf der Suche nach Saddam-Getreuen fälschlich bombardiert wurde. Er starb bei dem Angriff. Stimmt die Befürchtung, haben die USA durch diesen Fehler mehr als 700.000 neue Feinde gewonnen.
Matthias Gebauer