Irak US-Armee stürmt Falludscha
Bei Falludscha - "Operation Phantom Fury" heißt der Angriff. Nach US-Schätzungen wurden in der ersten Phase der Großoffensive gegen die Widerstandshochburg mindestens 42 Aufständische getötet. Auch zwei US-Soldaten kamen ums Leben. Die US-Armee nahm die 50 Kilometer westlich von Bagdad gelegene Stadt aus der Luft und mit Granaten unter Beschuss, während Bodentruppen in den Ort vorstießen. Auch mehrere Panzer drangen auf das von den Rebellen gehaltene Gebiet vor. Außer im Westen haben die US-Truppen eigenen Angaben zufolge auch schon im Nordosten "einen Fuß in der Stadt".
Artillerie, Panzer und Kampfjets nahmen das Stadtviertel Dscholan unter Beschuss, um den Soldaten den Weg zu bahnen und mögliche Bomben und Sprengfallen vorzeitig zur Explosion zu bringen. Gleichzeitig drängte ein anderes Kontingent in das Stadtviertel Askari im Nordosten von Falludscha. An dem Vorstoß von Norden waren nach Militärangaben etwa 5000 Soldaten beteiligt. Über die Rolle der irakischen Soldaten war zunächst nichts bekannt.
Rumsfeld: Sieg in Falludscha Schlag gegen Terrorismus
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte auf einer Pressekonferenz, ein Erfolg in Falludscha werde einen schweren Schlag für die Rebellen und Terroristen im Irak und für den internationalen Terrorismus insgesamt bedeuten. Er gehe davon aus, dass die Zahl der zivilen Todesopfer gering sein werde und diese selbstverständlich nicht von US-Truppen ausgingen. Wie viele Zivilisten sich in dem umkämpften Bereich befinden, könne er jedoch nicht sagen.
"Die Bevölkerung von Falludscha ist als Geisel genommen worden, und ihr müsst sie aus diesem Griff befreien", sagte Premier Ijad Alawi zu irakischen Soldaten, die er auf einem US-Stützpunkt bei Falludscha besuchte. "Eure Aufgabe ist, die Mörder festzunehmen, aber wenn ihr sie tötet, dann soll es so sein!" Der Befehlshaber der US-Truppen im Irak, General George Casey, sagte am Abend, die Offensive verlaufe nach Plan.
Rebellen leisten Widerstand
Im US-Armeerundfunk hieß es, die Aufständischen leisteten Widerstand. Ein CNN-Reporter, der die Operation als "embedded journalist" bei den US-Marines miterlebt, berichtet, er habe ständige Explosionen und Maschinengewehrfeuer aus der Stadt gehört. Außerdem seien Aufständische zu hören gewesen, die auf Arabisch "Gott ist groß" skandiert hätten. In der Stadt halten sich nach US-Angaben 1000 bis 6000 Rebellen verschanzt.
George W. Bush war nach Angaben des Weißen Hauses persönlich an der Entscheidung über die Falludscha-Offensive beteiligt. "Er ist der Oberbefehlshaber, so ist er ganz offensichtlich an der Entscheidung in diesen Angelegenheiten beteiligt", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, heute in Washington. Bush habe zuvor am Freitag mit seinen wichtigsten Ministern und Sicherheitsberatern über die Lage im Irak und besonders die Situation in Falludscha beraten.
Nach den Worten McClellans ist die wichtigste Aufgabe der Offensive, Sicherheit vor den im Januar geplanten Wahlen zu schaffen. Terroristen und Aufständische lehnten eine politische Lösung ab und versuchten Angst, Chaos und Zerstörung zu verbreiten, sagte der Sprecher. Die einzige Lösung sei deshalb, gegen diese Kräfte in die Offensive zu gehen und sie zur Verantwortung zu ziehen. "Die Terroristen und die Aufständischen werden geschlagen werden", sagte McClellan.
Alawi hatte zuvor sein Plazet für die Aktion gegeben. In Bagdad erklärte er, er habe die Genehmigung zur Befreiung Falludschas von "Terroristen" gegeben. Kommandeure der Marineinfanterie haben davor gewarnt, dass die Offensive in Falludscha zu den schwersten Häuserkämpfen seit dem Vietnamkrieg führen könnte. Rund um die Stadt sind etwa 10.000 amerikanische und irakische Soldaten zusammengezogen. Die Streitkräfte gehen davon aus, dass sich in Falludscha, das als Hochburg sunnitischer Rebellen gilt, bis zu 3000 Aufständische verschanzt haben. Mehr als die Hälfte der 300.000 Einwohner soll geflüchtet sein.
Alawi sagte, die Extremisten seien an einer friedlichen Lösung nicht interessiert. "Wir haben keine andere Möglichkeit, als die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, das irakische Volk vor diesen Mördern zu schützen und Falludscha zu befreien", sagte der irakische Ministerpräsident. In Falludscha und Ramadi gelte ab 18 Uhr der Ausnahmezustand. Ferner würden die Grenzen zu Syrien und Jordanien geschlossen sowie für 48 Stunden auch der Flughafen von Bagdad.
Erstes Ziel der Offensive war das größte Krankenhaus von Falludscha, das nach US-Angaben von Aufständischen besetzt war. Dem widersprach Krankenhausdirektor Salih al-Issawi: "Das Krankenhaus gehört niemandem, am wenigsten dem Widerstand", sagte er heute einem Reporter. Nachdem die US-Truppen die Gegend abgeriegelt hatten, trafen mehrere hundert irakische Soldaten im Krankenhaus ein und kontrollierten die Patienten.
Geistliche verurteilen Offensive
Neben dem Krankenhaus brachten die Streitkräfte auch zwei Brücken über den Euphrat sowie ein Wohngebäude in Falludscha unter ihre Kontrolle. Später stießen rund 4000 US-Soldaten in den Nordosten der Stadt vor. Die Truppen griffen unter anderem den Bezirk Jolan an, der als Kernzelle der Aufständischen gilt.
Am Nachmittag besuchte Alawi irakische Soldaten in der Nähe von Falludscha. Er sagte, vier Ausländer, darunter zwei Marokkaner, seien festgenommen worden. "Die Marineinfanteristen haben jetzt in der Stadt Fuß gefasst", sagte ein Sprecher.
Radikale Geistliche in Falludscha warfen den irakischen Soldaten vor, "die Peitsche der Besatzer" zu sein. "Diese Erklärung ist unsere letzte Warnung an euch", hieß es. Die Vereinigung Muslimischer Gelehrter, eine einflussreiche sunnitische Organisation, bezeichnete die Offensive als "illegales Vorgehen gegen die zivile und unschuldige Bevölkerung". Ein Mitarbeiter des radikalen schiitischen Predigers Muktada al Sadr forderte irakische Soldaten und Polizisten auf, nicht mit den US-Truppen zusammenzuarbeiten. Der Sturm auf Falludscha sei eine "Aggression gegen das gesamte irakische Volk".
Die Terrorgruppe um den Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi bekannte sich unterdessen zu den Anschlägen auf Polizeistationen in den Städten Haklanija und Haditha nordwestlich von Bagdad. Dort waren gestern 22 Polizisten getötet worden. Bei Gefechten nahe Lafifija kamen nach Polizeiangaben 25 Aufständische ums Leben. Rund 60 Polizisten in Zivil hätten am Sonntag eine Stellung der Rebellen angegriffen, anschließend sei es zu einem mehrstündigen Schusswechsel gekommen.
Bagdad: Drei Tote bei Anschlag auf Kirche
Bei einem Anschlag auf eine katholische Kirche in Bagdad wurden nach Krankenhausangaben 3 Menschen getötet und 40 weitere verletzt. Die Explosion vor der Kirche zerstörte die Außenmauer des Gotteshauses im Südwesten der Hauptstadt und ließ zudem ein Nachbargebäude in Flammen aufgehen. Die Polizei sprach von einer Autobombe, während Augenzeugen die Explosion auf mehrere Sprengsätze in der Nähe der Kirche zurückführten. Bereits im Oktober und August hatte es eine Serie von Bombenanschlägen auf Kirchen im Irak gegeben. Im August waren dabei elf Menschen getötet worden.
Hintergrund der Anschläge ist offenbar, dass aufständische Extremisten die kleine, aber gut in der Bevölkerung verankerte Minderheit der 650.000 irakischen Christen einschüchtern wollen.