Iran-Analyse Ahmadinedschads Kalkül
Berlin - Glaubt man den Bekundungen der iranischen Nachrichtenagentur Irna, dann gibt es eigentlich keinen Grund zur Aufregung. Denn der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der in den vergangenen Tagen den Holocaust anzweifelte und den Staat Israel nach Europa verlegen wollte, habe kaum etwas gesagt, was der Revolutionsführer und seine Nachfolger nicht schon seit Jahrzehnten verkünden würden.
Ganz falsch ist das nicht. Ajatollah Chomeini hat nach der Machtübernahme 1979 den sogenannten Al-Quds-Tag eingeführt. An jedem letzten Freitag des heiligen Monats Ramadan wird seitdem nicht nur in Iran, sondern auch in anderen islamischen Ländern gegen den Staat Israel und für die Autonomie der Palästinenser demonstriert. Zugleich sind die Al-Quds-Aufmärsche ein Anlass, um die islamischen Kräfte zu bündeln und Einigkeit und Stärke zu demonstrieren.
Dieses Ziel verfolgt Ahmadinedschad auch jetzt. Das persische Wort "Afsaneh", das er in seiner Rede im Zusammenhang mit dem Holocaust benutzte, kann man mit "Fabel", "Märchen" und "Legende" übersetzen. Ahmadinedschad sagte: "Sie (die Europäer) haben eine unantastbare Afsaneh daraus gemacht, die höher bewertet wird als die Religion und der Prophet. Wer Gott, Religion und Propheten negiert, kann frei herumlaufen, aber wer diese Afsaneh in Frage stellt, dem wird mit Aufschrei begegnet. Dem wird (im Westen, Red.) kein Platz in der Gesellschaft eingeräumt."
In der westlichen Welt hat der iranische Präsident einen Sturm der Entrüstung provoziert. Doch wenn Ahmadinedschad sich solche martialischen Äußerungen erlaubt, so keineswegs deswegen, weil er ein ungeschickter und unerfahrener Politiker wäre. Möglicherweise macht er nur kühl kalkulierte Politik. Was der vorherige Präsident Chatami mit seinem "Dialog der Zivilisationen" (gemeint ist der Dialog der Kulturen) nicht gelungen ist, versucht Ahmadinedschad durch radikale Äußerungen zu erreichen: Die Führungsrolle in der islamischen Welt.
Ahmadinedschad will sich profilieren
Mohammed Chatami scheiterte damit, diese Position in einem von ihm moderierten Dialog mit dem Western zu besetzen. Nun versucht Ahmadinedschad durch seine Äußerungen sich in den "islamischen Ländern" zu profilieren, um Macht und Einfluss zu gewinnen. Das soll ihm helfen, auch im Inland seine Gegner in Schach zu halten. Mit dem heraufbeschworenen Kriegsszenario will er das Volk hinter sich einigen.
Diese Rechnung ist teilweise aufgegangen. Das erste Mal hat Ahmadinedschad, der als ungehobelt, unfähig und als Witzfigur gilt, etwas gesagt, womit sich ein Teil der Bevölkerung identifizieren kann. Seine Kernaussage für das palästinensische Volk ist auf Sympathie gestoßen. Für einen Teil der iranischen Bevölkerung, der seit einem Vierteljahrhundert in den iranischen Medien mit Bildern von zerstörten Häusern in Palästina konfrontiert wird, ist die Frage einer Autonomie für Palästina ebenso emotionsgeladen und bedeutend wie die Ablehnung des Antisemitismus in der westlichen Welt.
Dennoch kann man nicht von einer einhelligen Ablehnung des Staates Israel in Iran sprechen. Im Gegenteil. Radio Israel, ist - in persischer Sprache ausgestrahlt - eine beliebte Informationsquelle in Iran, um zu erfahren, was in iranischen Medien seit nahezu drei Jahrzehnten zensiert wird.
Die jüdisch-iranische Geschichte ist dennoch präsent
Die aus Iran stammenden Juden sind in Israel angesehene und einflussreiche Bürger. Staatspräsident Mosche Kazaw ist gebürtiger Iraner. Auch Verteidigungsminister Schaul Mofaz wurde in Iran geboren. Sie alle haben teilweise heute noch Freunde und Verwandte, die in Iran leben.
Die scharfen Attacken Ahmadinedschads auf Israel stehen auch in klarem Kontrast zur Geschichte des Landes, das er repräsentiert. Denn Juden leben schon seit vielen Jahrhunderten in Iran. Das friedliche Zusammenleben zwischen Persern und Juden hat historische Wurzeln. Der persische König Kyros ermöglichte den nach Babylonien exilierten Juden die Rückkehr in ihre Heimat und die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem. In der Bibel wurde er daher sogar als "Messias Gottes" (Jes. 45,1) bezeichnet. Trotz der rapiden Abnahme der jüdischen Bevölkerung seit der iranischen Revolution ist die jüdische Gemeinde Irans zahlenmäßig noch immer die größte in der islamischen Welt.
Um diese Zusammengehörigkeit zu beschreiben, sagte mir ein Iraner, der vor einem Jahr Jerusalem besuchte, ihm sei noch nirgendwo auf der Welt so viel Sehnsucht nach der Heimat Iran begegnet wie in Israel. Dort habe er ein Konzert des berühmten Musikers Sattar - ein iranischer Sänger aus Los Angeles - besucht. Die meisten Menschen im Saal hätten vor Freude oder wegen der Sehnsucht nach Iran laut geweint. Eine solche Szene sei ihm in einem anderen Land noch nie vorgekommen, obwohl sich auch dort Exil-Iraner nach der Heimat verzehren. Als er durch die Straßen ging, habe er häufig iranische Musik aus Fenstern und Läden gehört. Als die Juden iranischer Herkunft erfahren hätten, dass er ein Landsmann ist, hätten sie ihn nicht losgelassen und ihn mit Fragen über die jüngsten Entwicklungen in Iran durchlöchert.
Widerspruch in Iran gegen die Hetze des Präsidenten
Weil die gemeinsame persisch-jüdische Geschichte in Iran durchaus bekannt und präsent ist, wird Ahmadinedschad im Land auch widersprochen. Die in Iran erscheinende Zeitung "Aftab" zitiert den Abgeordneten Moris Motamed, der die jüdische Minderheit im Parlament vertritt. Die Äußerungen Ahmadinedschads seien eine Beleidigung der Juden in der ganzen Welt. Sie seien deplatziert; einmal weil ein Staatspräsident vermeiden sollte, das Verhältnis Irans zum Rest der Welt zu belasten und Iran international auszugrenzen, und zweitens weil es offensichtlich ist, dass eine historische Tragödie dieses Ausmaßes (sechs Millionen unschuldige Menschen wurden ermordet) durch Fotos und Filme dokumentiert ist.
Die Reformpartei "Jebheye Mosharekat" hat nach Informationen der Nachrichtenagentur Ilna eine Erklärung herausgegeben, in der Ahmadinedschad offen kritisiert wird: "Leider werden die Äußerungen Ahmadinedschads als offizielle iranische Politik bewertet, die teuer bezahlt werden muss mit politischen und wirtschaftlichen Rückschlägen und einer Gefährdung der nationalen Interessen und der Sicherheit des Landes." Ahmadinedschads Äußerungen werden als "unbegründete Provokation" gebrandmarkt, die "weder den Iranern noch dem unterdrückten palästinensischen Volk" nützen würden: "Es führt nur dazu, den Zusammenhalt des Westens gegen Iran zu stärken, wie es sich bereits durch zwei aufeinander folgende Verurteilungen der Äußerungen Ahmadinedschads durch den Sicherheitsrat der Uno gezeigt hat."
Amir Farshad Ebrahimi, ein im Exil lebender iranischer Journalist, der als Jugendlicher zusammen mit Ahmadinedschad in einer Hisbollah-Gruppe tätig war, sagte heute an seine ehemaligen Kampfgenossen gerichtet: "Alle Welt weiß, dass Sie Staatspräsident in Iran geworden sind - nur sie selbst nicht! Sie reden noch so, als ob Sie in einer kleinen Moschee vor eine Gruppe von Revolutionswächtern sprechen, die sie mit Ihren Äußerungen begeistern wollen!"
Auch das iranische Establishment wird offenbar unruhig. Einer der mächtigsten Männer in Iran, Ali Akbar Rafsandschani, Vorsitzender des Schlichtungsrats, der zwischen dem von Chamenei geführten Wächterrat und der Regierung vermitteln soll, hat die Äußerungen Ahmadinedschads jetzt durch die Blume kritisiert. Während eines Freitagsgebets in Teheran hat er mit ungewöhnlich milden Tönen über die Entwicklung im Nahen Osten gesprochen und die Errichtung eines Palästinenserstaats als einen Fortschritt bezeichnet, der fortgesetzt werden sollte.
Auch deshalb brodelt es nun in der Teheraner Gerüchteküche. Ahmadinedschad könne nicht nur wegen seiner ungeschickten Äußerungen in der Außenpolitik, sondern auch wegen innerpolitischer Probleme vorzeitig abgesetzt werden, flüstert man sich zu. Seinen Ölminister - wichtigste Figur im Kabinett - konnte er vor einer Woche erst im vierten Wahlgang mit knappem Ergebnis im Parlament durchsetzen. Einem Präsidenten, der fest im Sattel sitzt, wäre das nicht passiert.
Die Publizistin Nasrin Bassiri, 60, ist in Iran geboren und lebt seit 21 Jahren in Deutschland. Sie leitet die persische Redaktion von Radio Multikulti Berlin.