Iran: Der Sponti als Präsident - DER SPIEGEL
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Iran Der Sponti als Präsident

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad mag kein Intellektueller sein und keine außenpolitische Erfahrung haben. Aber wer ihn unterschätzt, macht einen Fehler. Denn Ahmadinedschad bestimmt Tempo und Inhalt der Atom-Debatte - und treibt den Westen vor sich her.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad kurz nach seinem Amtsantritt die Absicht äußerte, Israel von der Landkarte auszuradieren, und die Deutschen aufforderte, den Juden einen Teil von Deutschland als Entschädigung für den Holocaust zu geben, da sprang ihm der Direktor des Hamburger Orient-Instituts, Udo Steinbach, zur Seite. Man dürfe diese Sätze nicht zu ernst nehmen. Ahmadinedschad sei außenpolitisch "vollkommen unerfahren". Wenn Experten ihre Worte wiederkäuen müssten, hätte Steinbach jetzt schwere Verdauungsprobleme.

Denn der außenpolitisch vollkommen unerfahrene Iraner beweist beinahe jeden Tag aufs Neue, dass er ein äußerst begabter und einfallsreicher Amateur ist, während die Profis aus Politik und Politikwissenschaft nur ihre Hilf- und Ratlosigkeit im Umgang mit ihm demonstrieren. Ahmadinedschad mag kein großer Intellektueller sein, der seine Theorien auf Variablen stützt, die er je nach Bedarf einsetzt. Vielmehr ist er ein Naturtalent, sozusagen ein Sponti mit einem Gespür für den richtigen Moment. Mal droht er mit einem Ausstieg aus dem Atomwaffensperrvertrag, mal lässt er die iranischen Atomanlagen entsiegeln und erklärt, sein Land schere sich "einen Dreck" um Uno-Resolutionen.

Gleich darauf stellt er den Vereinten Nationen Bedingungen, unter welchen Voraussetzungen ihre Inspektoren wieder nach Iran kommen dürfen. Als nächstes fordert er die Vereinten Nationen auf, sofort gegen die USA einzuschreiten, und bietet der Bundesrepublik eine Rolle als Vermittler und Vorreiter an, "um den Atomstreit aus der Sackgasse herauszuführen". Im nächsten Zug ermahnt er den Sicherheitsrat der Uno, "nichts zu tun, was ihm später Ärger" bereiten könnte, denn: "Eine Intervention des Sicherheitsrates wäre ein Schritt von der Kooperation zur Konfrontation." Kurzum: Ahmadinedschad fährt mit jedem Schlitten, der sich ihm in den Weg stellt.

Banalitäten und Platitüden

Und nun hat er einen echten Scoop gelandet , wie man von der Konfrontation zur Kooperation übergehen könnte. Genau genommen ist es nicht einmal ein Brief, sondern eine Predigt, die er ins Englische übersetzen zu lassen nicht für nötig gehalten hat. Deswegen dauerte es eine kurze Weile, bis der Inhalt bekannt wurde. Alles, was in dem Brief steht, sind Banalitäten und Platitüden, die man von ihm schon öfter gehört hat: Der Liberalismus und die Demokratie westlichen Stils hätten versagt, die Anschläge vom 11. September seien mit Hilfe von Geheimdiensten durchgeführt worden, die Gründung Israels sei widerrechtlich erfolgt, der Krieg im Irak mit Lügen begründet worden.

Aber es kommt nicht darauf an, was in dem Brief steht, sondern nur darauf, dass sich der iranische Präsident nach 27 Jahren völliger Funkstille an seinen amerikanischen Kollegen wendet und ihm Vorschläge macht, die keine sind, wie unter anderem den, man sollte gemeinsam für eine bessere Welt eintreten. Das reicht, um auf die Titelseiten aller Zeitungen zu kommen.

Ahmadinedschads "asymmetrische Kriegsführung"

Ahmadinedschad hat es wieder geschafft, er bestimmt den Lauf der Ereignisse, gibt den Ton und das Tempo vor. Die Welt steht Kopf und der außenpolitisch völlig unerfahrene Doktor der Verkehrswissenschaft freut sich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn, dem alle entgegen kommenden Autos im letzten Moment ausweichen. Auch wenn man ihn nicht mag, kann man nicht umhin, ihn für diese bravouröse Leistung zu bewundern.

In der Welt der Militärs hat dieses Verfahren, einem an sich überlegenen Gegner seinen Willen aufzuzwingen, schon einen Namen. Man spricht von einer "asymmetrischen Kriegsführung". Zum Beispiel: Terroristen, die keine Uniformen tragen, am liebsten zivile Ziele angreifen und sich an keine der Regeln halten, die auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen gelten, verlangen, dass man sie entsprechend der Haager Landkriegsordnung und der Genfer Konvention behandelt, wenn sie Pech haben und erwischt werden. Sie wissen, ein Rechtsstaat kann es sich nicht leisten, mit ihnen so zu verfahren, wie sie es verdienen.

Wie ein antiautoritäres Kind

Was Ahmadinedschad praktiziert, ist asymmetrische Diplomatie. Während die Europäer, die Amerikaner und die internationalen Institutionen wie die Atomenergiebehörde und die Vereinten Nationen an Regeln gebunden sind, ihre Maßnahmen untereinander abstimmen und koordinieren, macht er, was er will, und treibt so alle vor sich her. Wie ein antiautoritäres Kind, das alles anfasst, was es in die Finger kriegen kann, weiß, dass die Eltern erst dann eingreifen werden, wenn es mit brennenden Streichhölzern um sich wirft, probiert Ahmadinedschad aus, wie weit man ihn gehen lässt.

Bis jetzt läuft alles nach seinem Plan. Amerika, der Westen, die Uno, sogar Russland reagieren wie ein Therapeut, der einem bekennenden Amokläufer gegenübersitzt: Nur nicht provozieren, der Irre könnte böse werden.

Aber Ahmadinedschad ist nicht irre, ganz im Gegenteil, er ist nur unberechenbar. Er hat keinen Masterplan, er denkt nur bis zur nächsten Ecke, wie Gigi, der Straßenkehrer in Momo: "Ein Schritt, ein Besenstrich, ein Atemzug." Das macht seine Stärke aus. Heute droht er den USA, morgen bietet er Bush die Zusammenarbeit an. Ob er zur Fußball-WM nach Deutschland kommt, ist völlig unwichtig. Allein die Absichtserklärung hat gereicht, um die Deutschen aufzuscheuchen. Dennoch muss man ihn ernst nehmen.

Ein Mann, der mit dafür verantwortlich ist, dass eine halbe Million iranische Kinder im irakisch-iranischen Krieg als Minensuchhunde verheizt wurden, ist auch zu jedem anderen Verbrechen in der Lage.

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