Iran "Sanktionen sind ein stumpfes Schwert"
SPIEGEL ONLINE: Herr Fürtig, die USA fordern Wirtschaftssanktionen gegen Iran. Wie stark würden diese das Land treffen?
Fürtig: Ich bezweifle, dass sie viel bewirken würden. Denken wir an den Irak: Gegen Bagdad wurde 1991 ein sehr lange anhaltendes Verdikt verhängt - und etliche führende Industrienationen haben es gebrochen. Im Uno-Sicherheitsrat zeichnet sich ja bereits ab, dass Russland und China Wirtschaftssanktionen nicht mittragen. Iran muss sich akut keine Sorgen machen.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern wäre Iran verwundbar?
Fürtig: Iran ist exportabhängig. 80 Prozent der Devisen-Einnahmen stammen vom Erdöl. Doch der Energiehunger und speziell der Bedarf an Erdöl war weltweit nie so hoch wie in den vergangenen drei, vier Jahren. Der enorm gestiegene Erdölpreis zeigt das. In dieser Weltmarktlage wird es Iran immer möglich sein, Geld zu verdienen auch an Sanktionen vorbei.
SPIEGEL ONLINE: Was würden Sanktionen in Iran bewirken?
Fürtig: Das Land ist seit 1979 in einer schwierigen Situation. Erst die nachrevolutionäre Krise, dann der achtjährige Krieg gegen Irak, der blutigste Krieg, der je zwischen Entwicklungsländern geführt wurde. Das heißt, Irans Bevölkerung ist Entbehrungen gewöhnt. Wenn man sich gegen internationalen, westlichen und insbesondere amerikanischen Druck zur Wehr setzen muss, führt das zu einer Wagenburgmentalität.
SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hätte es für Iran, wenn er auf seinem Öl sitzen bliebe?
Fürtig: Verheerende. Doch dazu wird es nicht kommen. Mittlerweile gibt es extrem enge Geschäftskontakte zwischen Iran, Indien und China vor allem auch in der Erdöl verarbeitenden Industrie. Iran hat in diesen Ländern sehr viel investiert.
SPIEGEL ONLINE: Kann es sich der Westen leisten, auf iranisches Öl zu verzichten?
Fürtig: Kurzfristig schon. Es gab in der Vergangenheit immer wieder prowestliche Ölförderstaaten. Saudi-Arabien hat weltweit die größten Reserven und mittelfristig die Kapazität, iranischen Erdölausfall zu kompensieren.
SPIEGEL ONLINE: Iran versucht bereits, seine Exporte in Euro statt in Dollar in Rechnung zu stellen. Was steckt dahinter?
Fürtig: Das ist ein Versuch, sich dem Diktat des Dollars und damit der Macht der USA zu entziehen. Ich bin skeptisch, ob Iran dies gelingen wird, denn die Opec wird weiter in Dollar abrechnen. Iran will sich damit an der EU orientieren und so ein strategisches Gegengewicht zu den USA schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Die EU hat sich dem bisher entzogen.
Fürtig: Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch in Europa Staaten ausbrechen werden. Die Anreize, dies zu tun, sind einfach zu groß.
SPIEGEL ONLINE: Es wird keine einheitliche Front Europas mit den USA gegen Iran geben?
Fürtig: Die EU als solche wird sich eng an die USA halten. Aus Brüssel wird man nichts anderes hören. Doch einzelne Staaten werden ausscheren.
SPIEGEL ONLINE: An welche Länder denken Sie?
Fürtig: In erster Linie an die Franzosen. Sie haben es sich in der Vergangenheit nie nehmen lassen, eine nationale Außenpolitik zu betreiben. Sanktionen gegen Iran sind auch von daher ein stumpfes Schwert.
Das Interview führte Alexander Schwabe