Iran und Atom: Washington verliert die Geduld - DER SPIEGEL
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Iran und Atom Washington verliert die Geduld

Mehr als zwei Jahre lang haben sich die Vereinigten Staaten zurückgehalten und den Europäern höflich beim Verhandeln mit Iran zugeschaut. Jetzt drängen immer mehr Politiker auf Taten: Mindestens Boykott, auch ein Militärschlag wird ins Spiel gebracht.
Von Kirsten Grieshaber
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - In den USA hat kaum jemand je geglaubt, die EU könnte Iran mit strengen Worten und wirtschaftlichen Versprechungen dazu bewegen, das umstrittene Atomforschungsprogramm aufzugeben. Aber sie haben überraschend lange geschwiegen, um die europäischen Verbündeten nicht schon wieder mit Alleingängen zu verärgern. Doch die Stimmen derer, die Taten statt Worte fordern, werden lauter.

Seit Iran vergangene Woche die von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA verhängten Siegel an drei Atomforschungsanlagen eigenmächtig entfernt hat, kochen in den USA die Emotionen hoch und die Weltmacht lässt ihre Muskeln spielen. Der einflussreiche US-Senator John McCain erklärte, dass die USA auf einen Militärschlag gegen Iran vorbereitet sein müssten. "Die militärische Option ist die letzte Option. Alles andere muss zuvor ausgeschöpft sein. Es wäre aber verrückt zu sagen, dass wir unter keinen Umständen einen Militärschlag einsetzen würden", sagte der Republikaner dem Fernsehsender CBS.

McCain, der auch als künftiger US-Präsidentschaftskandidat gehandelt wird, beschrieb den Atomstreit mit Iran als "die härteste Situation, vor der wir seit dem Ende des Kalten Krieges stehen, abgesehen von dem Krieg gegen den Terrorismus". Nur eine Entwicklung sei verheerender als ein US-Angriff und das sei "ein mit Atombomben bewaffneter Iran". Auch wenn die USA bereits im Irak militärisch involviert seien, hieße dies nicht, dass sie "keine militärischen Optionen" hätten.

Starke Worte - doch auch McCain weiß insgeheim, dass es zunächst bei rhetorischen Versuchen, die iranische Führung zu beeindrucken, bleiben wird. Denn ein Militärschlag gegen Teheran beziehungsweise die Atomanlagen halten Experten unisono für politisch gefährlich und militärisch sinnlos. Einen Alleingang gegen Iran können die USA sich nicht leisten - China und Russland müssten mit ins Boot. Der diplomatische Feldzug gegen die Mullahs steht deshalb noch ganz am Anfang.

Ahmadinedschad bedient jedes Klischee

Dennoch - den Beteuerungen aus Teheran, das jahrelang geheim gehaltene Atomprogramm diene lediglich der friedlichen Nutzung und nicht der Herstellung von Atomwaffen, haben die Amerikaner nie Glauben geschenkt. Nicht umsonst setzte US-Präsident George W. Bush das islamische Regime schon vor Jahren auf seine Liste der Schurkenstaaten und erklärte, dass die Mullahs Teil der von ihm identifizierten "Achse des Bösen" seien.

Seit die EU-Troika aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien die Verhandlungen mit Iran letzte Woche für gescheitert erklärt hatte und in London eine Sondersitzung der IAEA für Anfang Februar einberief, hat sich Bush noch nicht öffentlich zur Eskalation im Atomstreit geäußert.

Seine Außenministerin Condoleezza Rice meldete sich jedoch gestern während ihre Afrikareise aus Liberia zu Wort und drängte ebenfalls darauf, dass die Internationale Atomenergiebehörde "so schnell wie möglich" zusammentreffen müsse, um den Fall Iran vor den Uno-Sicherheitsrat zu bringen.

Entsprechend den Richtlinien muss die IAEA den Sicherheitsrat anrufen, der wiederum bevollmächtigt ist, Wirtschaftssanktionen gegen Iran zu verhängen, wenn die Regierung trotz eines anders lautenden Uno-Beschlusses nicht einlenkt. Einigen amerikanischen Politikern geht ein ökonomischer Boykott jedoch nicht weit genug. Sie befürchten, dass Iran mögliche Atomwaffen gegen seinen erklärten Todfeind Israel einsetzen könnte - eine Sorge, die durch Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad noch weiter gefüttert wurde.

Erst vor einigen Wochen hatte er gewettert, man müsse Israel von der Landkarte wischen. Diese Woche kündigte er an, eine Konferenz zum Holocaust zu organisieren, die offenbar dem Zweck dienen soll, den Massenmord an den Juden zu leugnen. Ahmadinedschad bestätigt damit eben jenes Bild des gefährlichen, durchgeknallten iranischen Politikers, das man in den USA seit der Geiselnahme 1979 von den Aktivisten der islamischen Revolution in Iran hat.

Baradei schließt Gewalt nicht aus

Das Misstrauen der USA gegenüber Ahmadinedschad wurde zudem durch Äußerungen des Chefs der Uno-Atombehörde, Mohammed el-Baradei, bestärkt. Ausgerechnet der Friedens-Nobelpreisträger, der sonst für seine sehr bedachte und zurückhaltende Art bekannt ist, schließt Gewalt gegen Iran inzwischen nicht mehr aus. "Diplomatie ist nicht nur Reden. Diplomatie braucht auch Druckmittel und, in extremen Fällen, Gewalt", erklärte Baradei in einem Interview mit "Newsweek".

Er schließe auch nicht länger aus, dass Iran neben den der IAEA bekannten Aktivitäten ein weiteres geheimes Atomwaffenprogramm vorantreibe. "Wenn sie das Atommaterial haben und wenn sie ein paralleles Waffenprogramm unterhalten, dann sind sie wirklich nicht weit - ein paar Monate - von der Waffe entfernt", sagte Baradei.

Der demokratische US-Senator Evan Bayh erklärte daraufhin, dass man die Entwicklung des iranischen Atomwaffenprogramms signifikant verlangsamen könne, wenn man bestimmte Ziele militärisch angreift. "Aber das sollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Option sein", sagte er während eines CNN-Interviews. "Wir müssen alles andere versuchen, um zu verhindern, dass wir vor dieser Entscheidung stehen." Sowohl Bayh als auch McCain betonten aber, dass man zunächst alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen müsse, um eine weitere Eskalation zu verhindern. McCain sagte, die Vereinigten Staaten müssten definitiv wirtschaftliche Sanktionen durchsetzen, auch wenn sie deswegen höhere Ölpreise zahlen müssten.

Die iranische Regierung ließ sich durch die amerikanischen Drohgebärden nicht weiter einschüchtern, sondern schob noch eine weitere Provokation nach: Der viertgrößte Öl-Exporteur der Welt warnte, dass er auf Wirtschaftssanktionen des Westens mit einer rapiden Erhöhung des Rohölpreises reagieren werde - eine Maßnahme die besonders die ölabhängigen Industrienationen hart treffen würde.

So war es nicht überraschend, dass am Montag sowohl die Öl- als auch die Goldpreise an den internationalen Märkten stark anzogen. Eine Unze Gold wurde erstmals seit 1981 wieder für über 562 Dollar gehandelt. Der hohe Preis gilt unter Experten als Krisenindikator, da viele Menschen ihr Vermögen in kritischen Zeiten in stabile Goldanlagen investieren.