Iran Unerwartet starker Wählerandrang
Teheran - Bis in den Abend hinein hatten sich lange Warteschlangen vor den Wahllokalen gebildet. Ein wichtiges Signal: Denn anngesichts der rigiden Auswahl der Kandidaten wurde vor allem die Höhe der Wahlbeteiligung als Gradmesser für die Zufriedenheit mit dem islamischen Staatssystem angesehen.
Als aussichtsreichster Bewerber für die Nachfolge Chatamis, der nach zwei Mandaten nicht mehr kandidieren darf, galt Rafsandschani. Während des Wahlkampfs stellte sich der 70-jährige Geistliche als Pragmatiker dar und versprach, das Land vor "Extremisten" zu bewahren - eine Anspielung auf erzkonservative ideologische Hardliner. Große Chancen werden aber auch dem Reformer und ehemaligen Minister Chatamis für höhere Bildung, Mustafa Moin, sowie dem ultrakonservativen Ex-Polizeichef Mohammed Baker Kalibaf eingeräumt.
Doch galt auch ein Überraschungssieg der anderen Kandidaten als nicht ausgeschlossen. "Die iranische Nation hat schon immer alle Vorhersagen widerlegt", sagte ein strahlender Chatami bei seiner Stimmabgabe. Nach acht Jahren Amtszeit, in der er sich in meist aussichtslosen Kämpfen mit den ultra-konservativen Hardlinern zerrieb, wirkte der scheidende Staatspräsident gelöst wie schon lange nicht mehr. Nach Angaben des Innenministeriums war mit den ersten Ergebnissen am Samstagmorgen zu rechnen. Das Endergebnis sollte demnach am Samstag um 17.30 Uhr MESZ verkündet werden. Innenminister Abdolwahed Mussawi Lari sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Wahlbeteiligung habe schätzungsweise bei über 55 Prozent und damit höher als bei den Parlamentswahlen im Februar 2004 gelegen.
Damals gaben nur rund 50 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, die niedrigste Quote in der Geschichte der Islamischen Republik. Der Boykott wurde damals allgemein als Antwort der Wähler auf die Entscheidung des ultrakonservativen Wächterrats gewertet, fast alle reformwilligen Kandidaten für ein Abgeordnetenmandat zu blockieren. Der oberste geistliche Führer im Iran, Ayatollah Ali Chamenei, hatte seine Landsleute am Morgen eindringlich zur Teilnahme an der Wahl aufgerufen. Wählen sei ein "Akt der Frömmigkeit" und "ein Votum für das System", sagte Chamenei während seiner vom Fernsehen übertragenen Stimmabgabe in einer Teheraner Moschee. Er wies die Kritik von US-Präsident George W. Bush vom Vortag zurück, die iranische Führung verhindere eine demokratische Wahl. Knapp 47 Millionen Iraner über 15 Jahre waren aufgerufen, sich am Urnengang zu beteiligen. Die Wahl fand unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt, nachdem bei mehreren Bombenanschlägen zehn Menschen ums Leben kamen. Von den tausend Kandidaten für das Präsidentenamt hatte der Wächterrat nur sieben ausschließlich männliche Bewerber zugelassen. Die reformorientierten Kandidaten darunter wurden zudem erst nachträglich und auf Einspruch Chameneis zugelassen.