Iranisches Atomprogramm: Im nuklearen Nebel - DER SPIEGEL
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Iranisches Atomprogramm Im nuklearen Nebel

Der Stopp des iranischen Atomprogramms ist ein Erfolg westlicher Droh- und Verhandlungspolitik. Aber die jüngste Analyse der US-Geheimdienste stellt bisherige Annahmen zum Wirken und Wollen Teherans auf den Kopf - und bringt die Widersacher Bush und Ahmadinedschad gleichermaßen in Erklärungsnot.
Von Claus Christian Malzahn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Über das innere Machtgefüge in Iran weiß man heute noch weniger als vor 30 Jahren über die politischen Strukturen im Kreml. Damals wie heute grenzen politische Analysen bisweilen an Astrologie. Man hält sich an vordergründiger politischer Rhetorik fest, weil der Blick hinter die Kulissen verstellt ist.

Die iranische Atomforschungsanlage Natans (Archivfoto vom März 2005): Faustpfand für Ahmadinedschads brachiale Drohungen

Die iranische Atomforschungsanlage Natans (Archivfoto vom März 2005): Faustpfand für Ahmadinedschads brachiale Drohungen

Foto: DPA

Das jüngste US-Geheimdienstdossier über den Stand der iranischen Atompolitik hat den nuklearen Nebel, in den sich der iranische Präsident seit seinem Amtsantritt hüllte und der zuletzt auch in Washington die Agenda bestimmte, ziemlich weggeblasen. Mahmud Ahmadinedschads Vernichtungsrhetorik vor allem gegenüber Israel wurde oft und gern mit Hitlers Genozidankündigungen vor 1939 verglichen. Doch nach den jüngsten Erklärungen wirken die brachialen Drohungen des iranischen Präsidenten ("Eine Welt ohne Israel") eher wie Einlassungen aus dem Führerbunker: Auch im April 1945 wurden dem deutschen Volk noch Wunderwaffen versprochen. Es gab keine, sowenig, wie es heute offenbar eine iranische Atombombe gibt.

Gab und gibt es aber in Teheran den Willen, eine solche nukleare Wunderwaffe zu bauen? Bis ins Jahr 2003 offensichtlich schon. Noch im Dezember 2001 äußerte sich der ehemalige iranische Staatspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani wie folgt:

"Die Anwendung einer einzigen Atombombe würde Israel völlig zerstören, während sie der islamischen Welt nur begrenzte Schäden zufügen würde. Die Unterstützung des Westens für Israel ist geeignet, den Dritten Weltkrieg hervorzubringen, der ausgetragen wird zwischen den Gläubigen, die den Märtyrertod suchen, und jenen, die der Inbegriff der Arroganz sind."

Rhetorik und Politik

Das Zitat galt nicht nur Politologen wie beispielsweise Daniel Jonah Goldhagen als klarer Beleg für den iranischen Vernichtungswillen gegenüber Israel. Wer einen Völkermord ankündigt, so sein Argument, der führt ihn, wenn er die Mittel dazu hat, eben auch aus. Tatsächlich gibt es in der Geschichte dafür viele Beispiele. Doch seit gestern können auch die amerikanischen Neokonservativen die hetzerische Rhetorik und die praktische Politik in Iran nicht mehr gleichsetzen.

Denn wenn die Informationen der US-Geheimdienste zutreffen, muss die iranische Führung im Jahr 2003 eine simple Kosten-Nutzen Rechnung aufgestellt haben, deren rationales Ergebnis auch Israel – trotz der eher zurückhaltenden Reaktion - verblüffen muss: Eine Atombombe lohnt sich nicht für das Mullah-Regime – jedenfalls nicht in einer Situation, in der Europa mit Sanktionen droht und die amerikanische Armee in Bagdad steht.

Bisher hatte man wegen der antisemitischen Kriegsrhetorik Ahmadinedschads kaum den Eindruck, dass Teheran Argumenten zugänglich ist oder auf ein Drohszenario reagieren würde. Darin steckt die eigentliche Brisanz der Geheimdienst-Erkenntnisse: Teheran reagiert offenbar rationaler, als man bisher angenommen hat. Dahinter steckt vermutlich kein heimlicher Anfall von Philantropie, sondern der Willen der Theokraten zum Machterhalt.

Deswegen bedeuten die US-Erkenntnisse auch nicht, dass die westliche Drohkulisse nun überflüssig geschweige denn unnötig gewesen wäre. Im Gegenteil. Sie hat offenbar Wirkung gezeigt – und zwar seit der Zeitenwende 1990 zum ersten Mal. In Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan und im Irak haben sich die Despoten verschätzt und bezahlten dafür mindestens mit Machtverlust, manchmal mit dem Leben – in Iran war man offenbar klüger.

Die jüngsten Erkenntnisse bedeuten sowohl für Bush wie für Ahmadinedschad eine Zäsur – beide befinden sich im Erklärungsnotstand. Denn wenn es stimmt, dass der amerikanische Präsident seit Monaten über den Stand der Erkenntnisse informiert ist, dann fragt man sich, warum und mit welchem Ziel er das böse Wort vom Dritten Weltkrieg noch im Oktober im Munde führte - und Sicherheitsberater gleichzeitig Richtung Israel durchstellen lassen, ein US-Angriff auf iranische Atom-Anlagen sei angesichts der neuen Lage eher unwahrscheinlich. Dazu muss Bush sich erklären - die Mikrofone sind bereits auf live geschaltet.

Für Ahmadinedschad aber ist die Sache wesentlich brenzliger. Ohne Bombe steht er fast so nackt da wie der Kaiser ohne Kleider. Jetzt bleibt ihm bloß noch das Leugnen des Holocausts und die Verspottung der Nazi-Opfer als antiwestlicher Diskurs – ob er sich damit allein zum Zampano der islamischen Welt aufschwingen kann, darf man bezweifeln.