Italien-Wahlkampf Die Stunde des Professors
Rom - "Ach, schon zu Ende? Mit diesem System kann man sich nicht ordentlich ausdrücken, ein schlechtes System..." Sichtlich genervt von den strengen Spielregeln einer Fernsehdebatte erhob sich Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi nach der ersten Live-Debatte mit seinem Herausforderer Romano Prodi. "Es ist schlecht gelaufen, schlecht gelaufen...", sagte er nach der Sendung: "Es war wie in einem Wachsfigurenkabinett" - und meinte damit nicht den eigenen, karottinfarbenen Teint, den er hatte auflegen lassen, sondern das Regiment von nach Sekunden bemessenen Frage-Antwort-Passagen. Hat Jesus in Zweieinhalb-Minuten-Happen gepredigt?
Berlusconi, Prodi: "Wie in einem Wachsfigurenkabinett"
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Wer "mehr Reformen als je zuvor in der Geschichte Italiens" zuwege gebracht, wer "die größten Bauprojekte der Welt" in Angriff genommen hat, der braucht sich das Wort nicht abschneiden zu lassen, oder?
"Das ist ein gutes System, weil es effektive Gleichheit ermöglicht", hatte dagegen Romano Prodi noch am Ende der Sendung gemeint, als deutlich war, dass er dieses Match nach Punkten gewonnen hatte. Eine Blitzumfrage der Zeitung "Corriere della Sera" ergab, dass Prodi 46 Prozent der Zuschauer gefallen habe, Berlusconi dagegen nur 35 Prozent.
Prodi begann die Debatte demonstrativ gutgelaunt und schnurrend vor Behaglichkeit. Er hatte den ganzen Tag Argumente und Krawattenfarben getestet und war entschlossen, den Gegner durch Missachtung zu demontieren. Das Wort "Berlusconi" sollte ihm nur zweimal, ganz am Ende, über die Lippen kommen. Gefragt, wie er denn seine Steuersenkungen finanzieren wolle, kam Prodi schnell zum Thema Steuerflucht. Es hätte nah gelegen, jene 200 Millionen Euro zu erwähnen, die Berlusconi in den Neunzigern am (eigenen) Finanzminister vorbei in die Offshore-Paradiese der Karibik transferiert haben soll - Prodi ging ritterlich darüber hinweg. Stattdessen versprach er, die von der Regierung begonnenen Großprojekte, wie die umstrittene Schnellbahntrasse durch Savoyen, weiterzuführen. Es werde nach einem Wahlsieg auch keine Politik der Rache gegenüber Berlusconis Firmenimperium geben. "Ich habe nichts gegen Mediaset." Prodi sagte zu, eine Frauenquote einzuführen und "Klartext über die Finanzrenditen" zu sprechen, sprich: die Gewinne aus Börsengeschäften zu besteuern.
Genie der selbstgemachten Zahlen
Berlusconi begann jede seine Antworten mit einem Kopfschütteln über die "verdrehte" Wahrnehmung der Wirklichkeit durch "Professor Prodi", griff dann zu Papier und Stift, um zahlen- und linienkritzelnd darzulegen, wie gut sein Land bestellt sei. Trotz der "zu 85 Prozent politischen Streiks" der linken Gewerkschaften habe seine Regierung den sozialen Frieden garantiert, die Pensionen erhöht und zehnmal so viele Großprojekte auf den Weg gebracht, als seine linken Vorgänger. Als es auf das Grundproblem der Berlusconi-Ära zu sprechen kam, den Interessenkonflikt zwischen Amt und Eigentum, erklärte "der mächtigste Italiener seit Mussolini" (Alexander Stille), sein Medienimperium sei "perfekt ausgeglichen": "Der wahre Interessenkonflikt ist der zwischen der Linken, ihren Regionalregierungen und der (Genossenschaftsbank) Lega Coop, mit Rückendeckung der naturgemäß linken Richterschaft." Prodi sei "nur der Frontmann" einer Koalition aus Betonkommunisten, Grünen und sonstigen Steuererhöhern, wiederholte er des öfteren.
Der Regierungschef wirkte angespannt, er kam nicht recht ins Spiel. Da war nicht mehr der Verführer, der vor Optimismus platzende, behände Tatmensch des letzten Wahlkampfs. Wie er da beiläufig zeichnend und kritzelnd saß, mit Zahlen und Selbstlob um sich warf, wirkte er nicht wie ein Staatsmann, sondern eher wie ein ehrgeiziger Bankangestellter, der einem Kunden einen Kredit andrehen will.
Berlusconi ist ein Genie der Zahlen, vor allem der selbstgemachten. Er scheint das statistische Jahrbuch gepaukt zu haben, jonglierte ohne jedes Nachdenken mit Prozentpunkten und wusste auf Zuruf anzugeben, in wie vielen Kabinettssitzungen er wie oft gefehlt hatte. Dass die Steuerlast unter seiner Regierung nicht wie behauptet um fünf, sondern nur um einen Punkt gesunken ist, wird schon keinem auffallen.
"Heute beginnt der Fünfjahresplan der Langeweile", hatte Berlusconis Nachdenker Giuliano Ferrara rechtzeitig vor dem Duell verkündet, ahnend, dass die Zeit der politischen Burlesken in Italien bald vorüber sein könnte. Im Studio der RAI bestätigte sich gestern Abend die Erfahrung, dass der "Cavaliere" viel von seiner Stärke einbüßt, sobald er es mit einem strikten Regelwerk zu tun bekommt. Auch der Entrepreneur Berlusconi ist deswegen auf dem französischen Medienmarkt gescheitert.
"Ein bisschen mehr Glücklichsein"
Aus den letzten Wochen war er es gewohnt, jeden Stichwortgeber mit nichtendenwollenden verbalem Selbstapplaus zu beglücken. Sein bevorzugtes Medium ist die von Zeit und Zwischenfragen ungebremste Rede, jene Stunden dauernden, geschliffenen Wörterlawinen, mit denen er seine Konvente und Kanäle füllen kann. Am Sonntag, als die RAI-Journalistin Lucia Annunziata erstmals wagte, den Premier mit kritischen Zwischenfragen zu belästigen, war Berlusconi schon nach sieben Minuten wutentbrannt aus dem Studio gelaufen. In fünf Regierungsjahren ist Silvio Berlusconi offenbar kein einziges Mal hartnäckigen Fragen im Stil angelsächsischer Medien ausgesetzt gewesen. Italiens TV-Journalisten nähern sich Sua Emittenza gewöhnlich in Demutshaltung.
Der Oppositionsführer, dem bisweilen Zahnlosigkeit und teddybärenhafte Gemütsruhe vorgeworfen werden, zeigte sich in diesen anderthalb Stunden themensicher und engagiert. Während Berlusconi unerklärlicherweise den Blick meist auf seinen Kritzeleien ruhen ließ, dachte Prodi regelmäßig daran, die Kamera ins Auge zu nehmen und "unsere Fernsehzuschauer" direkt anzusprechen. An diesem Abend war der bologneser Wirtschaftsprofessor telegener als der Großkommunikator Silvio Berlusconi. Gegen Ende der Debatte wurde Romano Prodi sogar kämpferisch und verwahrte sich heftig gestikulierend gegen die ironische Respektlosigkeit seines Gegenübers: "Ich bin der Chef einer Koalition und Sie schulden mir Respekt."
Es war die Begegnung zwischen Verkäufer und Onkelchen Habmichlieb. Zwischen einem Zahlenroboter, an dem außer der schlechten Laune nichts mehr natürlich ist - und einem Bewunderer Helmut Kohls, der als oberstes Ziel seines künftigen Regierens angibt: "ein bisschen mehr Glücklichsein".
Am Montag hatte Berlusconi noch erklärt: "Die Ergebnisse des 10. Aprils hängen viel vom Ausgang dieser ersten Debatte ab." Und er hatte seine Mitglieder der "Forza Italia" aufgerufen, die "Lauen und Unentschiedenen" zum gemeinsamen Fernsehabend einzuladen. Jetzt ist seine einzige Hoffnung, dass möglichst viele Laue und Unentschiedene lieber das Spiel Inter gegen Ajax gesehen haben.