Jemen Anti-Terror-Kampf im Abendprogramm
"Allahu akbar", schreit der bärtige Mann mit dem verwegenen Blick, als er den Sprengsatz zündet. Die Explosion reißt zwei Geländewagen in Stücke. Mission erfüllt, die Ungläubigen sind tot. Erst aus den Abendnachrichten erfährt der junge Attentäter Mabruk, wer das Ziel des Anschlags war: Touristen aus Europa und ihr jemenitischer Fahrer - sein eigener Vater. Es ist eine Szene aus einem Spielfilm: Ein paar Filmminuten später stellt der Terrorrekrut, bewaffnet mit einer Panzerfaust, jenen zur Rede, der ihn für die Extremistenzelle geworben hatte: "Ich bin ruiniert. Mein Vater ist tot. Warum habt ihr uns unschuldiges Blut vergießen lassen?"
Das ist die Botschaft von "Die verlorene Wette", dem ersten jemenitischen Spielfilm: Ihr tötet eure eigenen Angehörigen, stürzt eure Familien ins Unglück und schadet dem Vaterland. In dem Streifen tragen die Terroristen angeklebte Bärte, sprechen gewähltes Hocharabisch statt des jemenitischen Dialektes, sie kehren nach Jahren im Ausland ideologisch verblendet in den Jemen zurück. In den Heiligen Krieg schicken sie arme Schlucker ohne Job und Perspektive, die Anführer selbst sind Angsthasen, die zittern, wenn Anti-Terror-Einheiten sie stellen.
"Unsere Botschaft kommt an", ist Filmemacher Fadl al-Olofi überzeugt. "Wir wollen vor allem die jungen Leute erreichen, auf die haben es die Extremisten abgesehen. Ihre Eltern und Geschwister müssen rechtzeitig erkennen, wenn Fanatiker sie auf den falschen Weg locken." Der 39-jährige Olofi hat Filmwissenschaften in Moskau studiert. Bei den Dreharbeiten für eine Ramadan-Serie im Sommer 2007 lernte er eine spanische Reisegruppe kennen, die gerade zu den archäologischen Stätten des antiken Marib aufbrach. Vor dem Mondtempel riss sie ein Attentäter mit in den Tod: der erste Selbstmordanschlag auf Touristen im Jemen - und Vorbild für den ersten Film des Landes.
Das Geld für die 100.000-Dollar-Produktion bekam Olofi vom Innen- und Informationsministerium. Jemenitische Ermittler stellten für das Drehbuch Verhörprotokolle inhaftierter Kämpfer zur Verfügung, die Armee gar einen Kampfhubschrauber für den Showdown. Die Schnitte sind schnell, die Kamerafahrten rasant, der Soundtrack dramatisch. Da es keine Kinos gibt in dem konservativen islamischen Land, wird die DVD für umgerechnet 50 Cent verkauft und der Film wieder und wieder im Staatsfernsehen und vor Schulklassen gezeigt. Mobilfunkbetreiber erinnern ihre Kunden mit Kurznachrichten aufs Handy an die Termine der Ausstrahlung.
"Wir müssen den Terror ausrotten"
"Im Kampf gegen den Terrorismus zählt jedes Mittel", betont der Medienberater des Präsidenten, Faris Sanabani. Die Messlatte für die filmische Aufklärungsarbeit hängt er niedrig. "Wenn wir bloß einen von diesem Irrweg abbringen, ist es gut. Wenn es fünf oder zehn sind, umso besser." Für den Rest seien Armee und Geheimdienste zuständig. "Wir müssen den Terrorismus ausrotten, wir haben keine andere Wahl", sagt Sanabani beschwörend. "Der Jemen ist das schwächste Glied in der Region, mit zahllosen Berghöhlen, großen Wüsten und einer 2000 Kilometer langen Küste, die wir kaum kontrollieren können. Ohne fremde Hilfe schaffen wir das nicht."
Seit 2002 lässt sich Staatschef Ali Abdullah Salih von den USA im Kampf gegen den Terrorismus unterstützen - eine Kooperation, die im eigenen Land auf Widerstand stößt. Lange galt der Jemen als Rückzugsraum von al-Qaida. Nach den Anschlägen auf das US-Kriegsschiff USS Cole im Jahr 2000 und den französischen Öltanker Limburg 2002 blieb das verarmte Land weitgehend verschont von islamistischer Gewalt. Doch mit der Ruhe ist es vorbei, seit al-Qaida den Jemen zum Schlachtfeld erklärt hat. Ausländische Urlauber, Ölanlagen und die US-Botschaft in Sanaa wurden in den vergangenen Monaten zum Ziel blutiger Anschläge. Erst Mitte März sprengte sich ein 18-Jähriger in die Luft und tötete vier Südkoreaner, die gerade den Sonnenuntergang über den Lehmhochhäusern der Weltkulturerbestadt Schibam beobachteten.
Die Regierung machte al-Qaida für diesen Anschlag verantwortlich - Zellen des Terrornetzwerks aus Saudi-Arabien und dem Jemen hatten sich Anfang des Jahres zusammengeschlossen. Anführer auf der Arabischen Halbinsel ist der Jemenit Nassir al-Wahishi, einst persönlicher Sekretär von Osama bin Laden, dessen Familie ebenfalls aus dem Jemen stammt. Zusammen mit 23 anderen mutmaßlichen Terroristen war Wahishi vor drei Jahren aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Sanaa entkommen - durch einen 300 Meter langen Tunnel zur benachbarten Moschee.
Dichter gegen Terroristen
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Machthaber mit den Gotteskriegern mitunter auch gemeinsame Sache machen. Im Bürgerkrieg von 1994 kämpfte die nordjemenitische Armee gemeinsam mit Afghanistan-Veteranen gegen sozialistische Sezessionisten im Süden, die die Vereinigung der beiden Landesteile rückgängig machen wollten. Heute lässt sich die Armee im Krieg gegen schiitische Rebellen im Grenzgebiet zu Saudi-Arabien von sunnitischen Extremisten unterstützen. Die Regierung lasse den Fundamentalisten freie Hand, kritisiert der Fraktionschef der oppositionellen Sozialisten, Aiderus al-Nagib. "Sie hat bei Weitem nicht alles gegen den Terrorismus getan, was sie hätte tun können. Einige Qaida-Leute haben schließlich gute Freunde in der Regierung."
Das ist auch der Grund, warum manche in dem Film "Die verlorene Wette" eine bloße Image-Kampagne sehen, die sich mehr an den Westen richte und zur Terrorbekämpfung kaum tauge. Der Anti-Terror-Film ist nicht die erste ungewöhnliche Maßnahme gegen religiöse Fanatiker im Jemen. Nach dem 11. September 2001 schickte die Regierung Stammesdichter in Dörfer, die gegen Terror und Gewalt reimten. In den Gefängnissen mühten sich Religionsgelehrte, Islamisten von einer friedlichen Auslegung des Korans zu überzeugen. Nicht immer mit Erfolg: Einige Teilnehmer des Dialogprogramms endeten als Selbstmordattentäter im Irak.
Der knapp zweistündige Film hat zumindest für lebhafte Diskussionen in den nachmittäglichen Runden gesorgt, bei denen sich jemenitische Männer zum Kauen von stimulierenden Qatblättern treffen. Islamisten monieren, die angeklebten Bärte und die langen Gewänder der Filmterroristen machten ehrwürdige Scheichs lächerlich - die genauso aussehen. Auf den Filmplakaten brandmarkten sie "Die verlorene Wette" als unislamisch. Regisseur und Schauspielern werfen sie den Abfall vom Glauben vor - keine geringe Anschuldigung, denn Apostasie belegt die Scharia mit dem Tod.
Weil die Schauspieler solche Angriffe befürchteten, musste Filmemacher Olofi eine Weile suchen, bis er die Crew zusammen hatte. Mona al-Asbahi traute sich: sie spielt die Frau eines geläuterten Terroristen. Nun aber sorgt sich die 23-Jährige um ihre Familie. "Die Leute wissen ja, wo wir wohnen", sagt die aus TV-Serien bekannte Schauspielerin. Olofi selbst gibt sich gelassen. "Ich fürchte mich nicht. Im Gegenteil, die Extremisten bekommen es jetzt mit der Angst zu tun, weil wir zeigen, wie sie in Wahrheit sind."