Jemen: Einfallstor des Extremismus - DER SPIEGEL
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Jemen: Terroristenbasis im Wüstenland

Foto: AMR NABIL/ AP

Jemen Einfallstor des Extremismus

Der Jemen rückt immer stärker ins Visier von Terrorfahndern. Das instabile Land im Südwesten der Arabischen Halbinsel hat sich zur Hochburg von al-Qaida entwickelt. Ermittler sehen vor allem die islamistische Zelle um den Bin-Laden-Vertrauten Nasser al-Wuhaischi als Gefahr.
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"Arabia Felix", glückliches Arabien - so wurde der Jemen einst bezeichnet. Doch die Heimat des Weihrauchs ist heute bitterarm, der Wüstenstaat am südwestlichen Ende der Arabischen Halbinsel ein offenes Tor für islamistische Terroristen. Dem Zustrom der Kämpfer aus Pakistan und Somalia hat die Regierung in Sanaa unter Präsident Ali Abdullah Salih nicht viel entgegenzusetzen. Auch bei dem jüngsten Anschlagsversuch auf die USA, der wohl auf eine Synagoge in Chicago zielte, führen die Spuren in den Jemen. Von dort waren die beiden Paketbomben per UPS-Frachtflugzeugen verschickt worden, die in Dubai und im britischen Nottingham abgefangen werden konnten.

Jahrzehntelang waren der Nord- und der Südjemen in einen osmanisch kontrollierten und einen sozialistischen Teil getrennt. Doch seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren haben die konservativen Kräfte des Nordens die Oberhand gewonnnen. Die Scharia gilt, die Frauen leben voll verschleiert. In dem von bürgerkriegsähnlichen Stammeskämpfen erschütterten Staat kontrolliert die geschwächte Zentralregierung nicht alle Landesteile. Korruption und mangelnde Ausrüstung tragen zur mangelnden Schlagkraft bei.

Im Nordwesten, in der Provinz Saada, versuchen die Streitkräfte seit 2004, die schiitische Bewegung "Gläubige Jugend" niederzuschlagen, die sich gegen sunnitisch-wahhabitische Bekehrungskampagnen wenden. Im Südjemen gilt es, die separatistische Hirak-Bewegung unter Kontrolle zu bringen, zu der der ehemalige südjemenitische Präsident Salim al-Bid und prominente Islamisten gehören. Hinzu kommen die gut bewaffneten Stämme etwa in der Provinz Shabwa, die die Regierung in Sanaa nicht anerkennen.

Schwerster Anschlag richtete sich 2000 gegen US-Zerstörer

Seit Jahren gilt der Jemen, das Herkunftsland der Familie Bin Laden, als Rückzugsgebiet für islamistische Qaida-Terroristen. Schon im Oktober 2000 sprengten sich bei dem bisher folgenschwersten Anschlag im Land in der Hafenstadt Aden Selbstmordattentäter mit ihrem Boot nahe des US-Zerstörers "USS Cole" in die Luft: 17 US-Soldaten wurden getötet.

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Terroralarm: Sprengstofffunde in Luftfrachtpaketen

Foto: Khaled Abdullah/ REUTERS

Im Januar 2009 wuchs die Rolle, die das arabische Land im Terrorismus spielt: Radikale jemenitische und saudi-arabische Islamisten schlossen sich zur "al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" zusammen, zur schlagkräftigen AQAP, die die USA inzwischen als bedrohlicher als die Mutterorganisation al-Qaida einstuft.

Ihr Anführer: Nasser al-Wuhaischi, ein enger Verbündeter von Osama Bin Laden, der zugleich die Zusammenarbeit mit den Terrorzellen in Pakistan und mit der somalischen Schabab-Miliz befördert. Taktisch motiviert, versucht er auch den Schulterschluss mit den südjemenitischen Separatisten. Im Internet droht AQAP mit Anschlägen gegen westliche Ausländer auf der gesamten arabischen Halbinsel und will den Fall der mit den USA verbündeten saudischen Königsfamilie.

Die laut dem jemenitischen Außenminister rund 300 AQAP-Terroristen haben den Jemen zur Operations- und Trainingsbasis für weltweite Anschläge gemacht. Nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden werden dort auch Islamisten aus Deutschland und anderen westlichen Ländern militärisch trainiert.

Schon im August 2009 versuchte ein AQAP-Selbstmordattentäter den saudischen Anti-Terror-Beauftragen, Prinz Mohammed Bin Naif, zu ermorden. Am Weihnachtstag 2009 sollte der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab ein US-Passagierflugzeugs über Detroit im Namen der AQAP in die Luft sprengen. Der damals 23-jährige Attentäter hatte die hochexplosive Substanz PETN in seiner Unterwäsche versteckt - die gleiche, die nun in den Paketbomben per UPS verwendet wurde.

Im Fokus der USA: der Prediger Anwar al-Awlaki

Im Januar 2010 erklärte die Regierung des Jemen al-Qaida den Kampf, offen unterstützt durch die US-Regierung, die hier eine zweite Terrorfront eröffnete. 150 Millionen Dollar stellte Washington für die Ausbildung und Ausrüstung militärischer Einheiten zur Verfügung, das Training vor Ort übernahmen rund 50 US-Elitesoldaten.

Nach Berichten amerikanischer Medien erwägen die Geheimdienste auch die Stationierung von Aufklärungsgeräten und Drohnen - wie im Nordwesten Pakistans. Im Fokus der US-Bemühungen steht dabei der aus den USA stammende einflussreiche Prediger Anwar al-Awlaki, der als Drahtzieher mehrerer Anschläge gilt und auch den Abdulmutallab indoktriniert haben soll. Al-Awlaki steht auf der CIA-Liste der meistgesuchten Extremisten, die zur Festnahme oder Tötung ausgeschrieben sind.

Doch die Luftangriffe der Armee auf Stellungen der Terroristen wie zuletzt Mitte Oktober 2010 konnten al-Qaida bisher nicht von dort vertreiben. Am Freitag gab der Jemen bekannt, dass seine Armee die jüngste Kampagne gegen AQAP vorerst ergebnislos beendet habe.

Es wurde kritisiert, dass die Aktionen auch viele Zivilisten getötet hätten. So kam im Mai auch der Vize-Gouverneur der Provinz Marib, Dschabir al-Schabwani, durch eine Rakete der US-Armee ums Leben. US-Präsident Barack Obama kündigte am Freitagabend an, die US-Regierung werde die Zusammenarbeit mit dem Jemen verstärken, um Attentate zu verhindern und die AQAP zu zerstören.

Mord von Touristen ist Programm

Al-Qaida und andere ihr nahe stehende Organisationen planen und verüben jedoch nicht nur Anschläge im Ausland und auf US-Ziele im Jemen, wie im September 2008 auf die US-Botschaft in Sanaa, bei der mindestens 16 Menschen ums Leben kamen. Auch im Inland gehen sie gegen nicht-muslimische Ausländer vor, etliche Morde an Touristen aus Deutschland und anderen Staaten gehen auf ihr Konto.

Früher waren die Urlauber aus dem Westen durch - meist unblutige - Entführungen in bestimmten Provinzen bedroht. So kamen in Schabwa der verschleppte frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, und seine Familie nach drei Tagen wieder frei. Die Stämme versuchen, etwa durch Entführung von Ausländern, den Bau von Straßen oder die Freilassung von inhaftierten Stammesmitgliedern zu erpressen.

Reiseveranstalter, die nach wie vor Urlaubstouren im Jemen anbieten, meinen der Bedrohung vorzubeugen, indem sie sich unter den bezahlten Schutz von Stammesangehörigen etwa in der Sandwüste Rub al-Chali stellen. Doch die Anschläge in jüngster Zeit endeten für die Touristen tödlich: Im März 2009 kamen bei einem Selbstmordanschlag vor der Unesco-Stadt Schibam vier Südkoreaner ums Leben. Sie standen auf einem beliebten Aussichtspunkt mit Blick auf die jahrhundertealte Lehmstadt.

Im Januar 2008 waren es Belgier, die im malerischen Wadi Dohan durch Heckenschützen ums Leben kamen, zuvor wurden im Juli 2007 acht Spanier vor dem Mondtempel des antiken Marib getötet. Sie alle bewegten sich auf der beliebtesten Sightseeing-Route des Landes.

Diese fatalen Attentate haben die Touristen, für viele Jemeniten ihre einzige Einnahmequelle, endgültig verschreckt. Auch warnt das deutsche Auswärtige Amt inzwischen ausdrücklich vor Reisen in die touristisch bedeutsamen Provinzen Marib, Shabwa und Hadramaut. Waren es vor fünf Jahren trotz Entführungsgefahr noch geschätzt über 330.000 Urlauber pro Jahr, sind es heute nur wenige tausend, die sich in das ehemals "glückliche Arabien" wagen.

Mit Material von dpa und Reuters