Jeremy Corbyn: Die erste Rede des neuen Labour-Chefs
Neuer Labour-Chef Jeremy Corbyn Pazifist, Fahrradfahrer, Shootingstar
Auf einer trinkfesten, partywütigen, monarchieverrückten Insel von Fleischliebhabern war ein vegetarischer, Fahrrad fahrender, teilzeit-abstinenter Republikaner wie Jeremy Corbyn nicht unbedingt die nächstliegende Wahl für den Chefposten in der größten Partei. Und dennoch steigt Corbyn an diesem sonnigen Herbsttag in Brighton als Sieger auf die Bühne.
Er hat es geschafft, er ist Labour-Vorsitzender, und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil er anders ist. Nun also seine erste große Rede.
Er wolle und könne Premierminister werden, sagt er. Vor wenigen Monaten noch hätten die meisten Briten das für so wahrscheinlich gehalten wie den Einzug von Yang Guang in die Downing Street, dem männlichen Pandabären aus dem Zoo von Edinburgh. Der überraschende Aufstieg des Jeremy Corbyn lässt sich auch als Trotzreaktion gegen sämtliche politische Naturgesetze erklären, die in Großbritannien bislang galten.
Er sei als Vorsitzender gewählt worden, ruft Corbyn vom Podium, weil er eine sanftere, fürsorglichere Gesellschaft anstrebe. "Mich treiben die Werte der britischen Mehrheit an", sagt er. "Ich liebe dieses Land, deshalb will ich es fairer, anständiger und gerechter machen."
Der Parteitag soll sein großer Triumph nach der Wahl zum Vorsitzenden werden, aber die Woche fing nicht gut an. Am Sonntag kippte seine Partei die Abstimmung über die "Trident"-Nuklearwaffen, auf die sich Corbyn gefreut hatte. Er ist ein entschiedener Atomgegner und will verhindern, dass das britische Waffenarsenal erneuert wird. Die Labour-Delegierten stimmten dennoch dafür, das Thema von der Tagesordnung zu streichen - seine erste kleine Niederlage.
Außerdem sind etliche Genossen, anders als der Pazifist Corbyn, für einen Militäreinsatz im Nahen Osten. Er sei zwar für ein starkes Militär, sagt er an diesem Nachmittag, aber globale Konflikte ließen sich nur politisch lösen, nicht mit Waffengewalt. Das gelte auch für Syrien. "Die Antwort liegt nicht darin, ein paar Bomben abzuwerfen." Aber selbstverständlich wolle er keine Ansagen von oben machen. "Ich glaube fest daran, dass Führung aus Zuhören besteht."
Taktieren, Kompromisse schmieden, wählbar werden
Corbyn ist 66, fast die Hälfte seines Lebens saß er als Abgeordneter für Islington-Nord im Unterhaus, seinem Londoner Wahlkreis. Seine politische Laufbahn baute er auf Opposition auf - gegen die Tories natürlich, gegen Sozialkürzungen, gegen die Nato, gegen Krieg, gegen Atomwaffen, oft gegen seine eigenen Leute. Seit 1997 stimmte er über 500 Mal gegen die Parteilinie. Er fühlte sich wohl in dieser Nische, seine Karriere war nicht darauf ausgerichtet, an die Macht zu kommen.
Darum war er auch nie ein guter Redner. Jahrzehntelang predigte er zu den Bekehrten, aber auch das hat sich geändert. Jetzt steht Corbyn vor der Aufgabe, eine Partei zu vereinen, die so zerrissen ist wie seit Anfang der Achtzigerjahre nicht mehr, als sich der gemäßigte von dem radikalen Flügel abspaltete und die Sozialdemokratische Partei gründete. Corbyn muss seine Feinde innerhalb der Labour-Partei überzeugen, er muss taktieren, Kompromisse schmieden, wählbar werden.
Noch einmal sagt er, dass er Großbritannien liebe. Es wird klar, worum es an diesem Nachmittag vor allem geht: um einen alten Rebellen, der in die Mitte strebt und ein bisschen zum Zwangspatrioten wird. Corbyn war von den Tories und der konservativen Presse nichts weniger als Verrat vorgeworfen worden, weil er sich als Labour-Chef geweigert hatte, die Nationalhymne mitzusingen.
Corbyn will beweisen, dass er es ist, der den britischen Mainstream repräsentiert, nicht David Cameron und seine korrupten Konservativen. "Cameron bekam 55 Millionen Pfund an Spenden von Hedgefonds", ruft Corbyn. Die Tories seien die Partei für die reiche Minderheit.
"Pragmatischen Idealismus"
Bemerkenswert ist auch, worüber er nicht spricht. Er fordert nicht mehr - wie zuvor -, die Verstaatlichung der Eisenbahn, die Wiedereröffnung von Kohlezechen, die Renaissance der Schwerindustrie und die Abschaffung der Nato. Er sagt auch nicht, wie hilfreich die IRA angeblich beim Friedensprozess in Nordirland gewesen sei. Wie es aussieht, würde er den radikalen Ballast von früher am liebsten vor dem Konferenzzentrum in Brighton verklappen, weit draußen auf dem Meer. Corbyn will moderater sein, lockerer, weniger rebellisch. "Pragmatischen Idealismus" nannte das sein Schatten-Finanzminister John McDonnell am Montag.
Es war keine große, nicht einmal eine mittelmäßige Rede. Corbyn wiederholte sich, verhaspelte sich an wichtigen Stellen und redete wie ein Anfänger in den Applaus hinein. Aber das war den Anwesenden egal. Auf die Delegierten machte seine Authentizität den größten Eindruck, seine angebliche Unverstelltheit, immer wieder unterbrechen sie ihren Vorsitzenden mit stehenden Ovationen.
Jeremy Corbyn hat begriffen, dass er nicht mehr nur dagegen sein kann. Er muss sich anpassen, vielleicht ist das sein größtes Problem. Auf dem Parteitag war die Enttäuschung spürbar, als seine Fans erfuhren, dass Jeremy die Rede vom Teleprompter ablesen würde. Er muss sich nun inszenieren lassen, ob er will oder nicht. Wohl oder übel trug er eine Krawatte, auch das war ein Zugeständnis an den neuen Job.
Der Auftritt diente vor allem dazu, dem Land das Projekt Corbyn schmackhaft zu machen. Er will zeigen, dass er nicht nur einige Monate als Parteichef überleben kann, sondern in der Lage ist, das alte Schlachtross von Labour zu neuen Siegen zu führen. Nächstes Jahr wählen die Schotten ein neues Parlament und die Londoner einen neuen Bürgermeister. Nach diesem Tag in Brighton sind die Erwartungen an Corbyn nicht nur hoch. Sie sind gigantisch.
Zusammengefasst: Jeremy Corbyn ist der neue Chef der britischen Labour-Partei. Er will Ministerpräsident werden, muss aber erst einmal die zerrissenen Sozialdemokraten auf Linie bringen. Seine Karriere war untypisch, viele Jahre galt er als Revoluzzer. Oft stimmte der Pazifist und Vegetarier auch gegen die Vorgaben seiner eigenen Partei. Doch nun muss er selbst gestalten.