Jugend von Bengasi: "Gaddafi? Game over!"
Jugend in Bengasi "Gaddafi? Game over!"
Hussein nennt die Nachrichten vom möglichen Angriff "Breaking news". Das Handy in der rechten Hand, das Steuer in der linken, erzählt er die Neuigkeiten weiter: Der älteste Sohn Gaddafis, Saif al-Islam, wolle jetzt Ernst machen, die Leute im Osten des Landes sollten bald eine große Überraschung erleben. "Er wird wohl versuchen, Bengasi zu bombardieren", meint Hussein, so wie er auch schon Brega und Ras Lanuf bombardiert hat. Und jetzt? "Jetzt esse ich erstmal eine Pizza" sagt er.
Der Pizza-Laden heißt "Pisa" und verkauft eine der schlechtesten und teuersten Pizzen Bengasis. Dicke Kinder sitzen am Tisch und stopfen sich die übriggebliebenen Stücke in den Mund. Angst vor der Bombardierung? Sie schütteln nur mit dem Kopf, die Käsefäden hängen ihnen noch am Kinn. Als sie hören, dass heute Abend Catchen im Fernsehen läuft, laufen sie nach Hause. Herein kommen zwei 18-Jährige mit Gelfrisur, Dior-Schuhen und Hilfinger-Jacken. Sie bestellen das Längste auf der Karte "Sirion Steak Roast with Mushrooms Onions Green Pepper and Hot Mozarella Cheese" für 60 Dinar, dem Zehntel eines Monatslohnes für einen einfachen Arbeiter.
Auf dem Flachbildschirm läuft der Nachrichtensender al-Arabija, die Moderatorin erklärt, welche Ziele Gaddafi angreifen könnte, man sieht brennende Flugzeuge abstürzen, auch über Brega und Bengasi. Einer der beiden sagt "Last supper" und grinst. Wirklich das letzte Essen? "Nein", sagt er, "Gaddafi wird nichts machen, schon von Anfang an hat er gedroht, aber herausgekommen ist nie etwas". Gaddafi sei nur am Öl interessiert, an den Städten Brega und Ras Lanuf, nach Bengasi komme er gar nicht, ergänzt sein Freund.
Auf den Handys kursieren die Videos der Schlachten
Draußen sind Sprüche an die Wände gemalt: "Gaddafi fällt" oder "Muammar, rasier Dich." Die Lieblingsbeleidigungen Gaddafis haben mit seinem Aussehen zu tun. "Shafshufa" nennen ihn die Einwohner Bengasis, ein Ausdruck, den keiner richtig übersetzen kann, der aber alle zum Lachen bringt und auf Gaddafis gekräuselte Haare anspielt. Auf den Handys kursieren Videos seiner Reden. Doch aus seinem Mund kommen dabei keine Worte, nur heiseres Bellen.
Gaddafi nehmen wenige ernst. Die Gewalt dagegen schon.
Denn auf den Handys kursieren auch die Videos der Straßenschlachten um die Katiba, den größten Militärstützpunkt der Stadt. Damals war noch kein Journalist in der Stadt, "die vergessenen Tage" nennen einige Journalisten die Zeit deshalb. Vergessen hat sie in der Stadt niemand. Wie Videos einer 1. Mai-Demonstration sehen die Filme aus, abgesehen von den Leuchtspuren der feuernden Flakgeschütze. Es sei nichts gegen den Krieg an der Front, sagen die Warfalla, Angehörige des größten Stammes in Libyen.
Die Warfalla wollen die ersten sein
Die Dubai-Street herunter, auf dem Sahet-il-Kiesla-Platz sammeln sie sich nach den Drohungen von Saif al-Islam Gaddafi. Die meisten sind wohl kaum älter als dreißig Jahre. Sie sind sauer, weil über sie gesagt wurde, sie seien unentschlossen, ob sie zu Gaddafi halten sollen oder nicht. "Wir Warfalla waren immer die ersten, die in den Krieg zogen, und wir werden auch jetzt wieder die Ersten sein", sagt ein Junge namens Saif. "Und wir werden gewinnen." Zehntausende von ihnen sollen in Bengasi leben, wenn sie sich alle nach Tripolis aufmachen, könnten sie es schaffen, sagt er. "Hört doch endlich auf herumzuballern", brüllt ein anderer, "spart euch eure Munition". Saif schießt trotzdem mit einer Kalaschnikow in die Luft, warum, weiß er selbst nicht. "Jeder muss hier kämpfen", sagt er.
Am Gerichtsplatz, zwischen den fahrenden Autos, hält der 21-jährige Amjad ein Plakat in der Hand. Es zeigt den alten Widerstandskämpfer Umar al-Muchtar, den Held Bengasis, Guerillakämpfer gegen die libysche Kolonialherrschaft vor dem Zweiten Weltkrieg. "Wir werden nicht aufgeben, entweder wir siegen oder wir sterben" steht auf dem Plakat. Das hat damals Umar al-Muchtar gesagt, das sagen jetzt beide Bürgerkriegsparteien, auch der Sohn Gaddafis.
Amjad kommt von der Front, aus der umkämpften Stadt Ras Lanuf. Er braucht keine Handyvideos von Schlachten als Beweis, er geht am Stock. Ein Granatsplitter hat ihn am linken Fuß getroffen. Das Auto, auf dem sie ihre russische MG aufbauten, geriet unter Beschuss. Er konnte rechtzeitig abspringen. Seine vier Freunde nicht. Wo hat er sie kennengelernt? "An der Front", sagt er. Angst? "Wenn ich Angst hätte, wäre ich wohl nicht hier."
Ein paar Schritte weiter, am Strand von Bengasi, zeigt Mohammed, 24, auf seinen Vater. Nur ein unscharfes Schwarz-Weiß-Bild gibt noch von ihm. Er ist gestorben in Buslim, einem der gefürchteten Gefängnisse Libyens. Seine Mörder kennt Mohammed nicht. Aber er weiß, wer ihn vor zwanzig Jahren verpfiffen hat. Der Mann lebt noch in Bengasi, das Haus kennt er, sie sind fast Nachbarn. Jahrelang hat sich Mohammed nicht getraut, zu ihm reinzugehen. Jetzt traut sich der Mann nicht raus. Und wenn doch? Mohammed zieht die Hand in einer schnellen Bewegung am Hals entlang. "Sie werden alle sterben", sagt er.
Verkehrspolizist Mustafa zieht in den Krieg
Am nächsten Morgen regelt Mustafa, 24, den Verkehr vor dem abgesperrten Gerichtsgebäude. Ob er den Schlagstock in seiner Hand schon mal benutzt habe? "Ich bin doch nicht Jackie Chan", sagt er. Was wird er Gaddafi sagen, wenn der es nach Bengasi schaffen sollte? Er lacht laut und hart über die absurde Vorstellung. "Willkommen", sagt er dann. Und das werde das Letzte sein, was Gaddafi höre. Den Verkehr regelt Mustafa nur noch heute, ab morgen wird auch er sich nach Westen in den Krieg aufmachen. Wenn er sterbe, dann nicht auf der Straße. "Entweder in Sirt oder in Tripolis". Seine Leiche soll nach Bengasi zurückgebracht werden.
Zwei Kreuzungen weiter passt Hassan auf die Geschäfte in der Innenstadt auf. Mit 16 ist er Anführer einer kleinen Gang von Freiwilligen. Nachts arbeiten, tagsüber schlafen. Gaddafi? "Game over", sagt er und dann ruft seine Mutter an, sie macht sich Sorgen um ihn. Zum Freitagsgebet komme sie trotzdem, erzählt er nach dem Gespräch. Und das, obwohl es auf dem zentralen Platz neben dem Gericht stattfindet. Wenn Gaddafi bomben wird, dann auf dem Gerichtsplatz. darin sind sich die meisten einig. Aber die Rebellen-Soldaten würden schon dafür sorgen, das es nicht so weit kommt.
"Der Krieg hat gerade erst angefangen"
Einer der Soldaten ist Said, 19. Er sitzt am Strand von Bengasi vor einem Flugabwehrgeschütz und er kann ziemlich gut erklären, wie man es bedient. Soldat will er nicht bleiben, warum, will er nicht sagen, und als man ihn fragt, was er werden will, schüttelt er nur den Kopf. "Gaddafi hat doch alles zerstört", sagt er. Sie sind für die gesamte Bucht zuständig. Wenn die Flugzeuge kämen, dann riefen sie die Kollegen in der nächsten Bucht an. Und die riefen wieder die nächste Bucht an. Per Handy. Er glaubt nicht, dass es Gaddafis Flugzeuge bis nach Bengasi schaffen. "Aber wenn die Bomben kommen, wird es brennen".
Mahmed ist seit sechs Jahren Feuerwehrmann, mit 17 habe er angefangen, sagt er. Er war dabei, als sie die Leichen aus den von der Revolution zerstörten Gebäuden der Stadt gezogen haben. Die Brandopfer seien am Schlimmsten gewesen. Alpträume habe er deswegen nicht, wie auch, er schlafe nur drei Stunden in der Nacht. Mehr als zwanzig seiner Kollegen sind bei Explosionen gestorben.
Ob er Gaddafi ernst nimmt? "Er ist ein Verrückter, er kann alles machen, sein Sohn hat es gestern gesagt. Der Krieg hat gerade erst angefangen". Und wenn er hier bombt? "Die Leute die bisher gestorben sind, sind nicht besser als wir. Wenn er hier bombt und ich noch lebe, werde ich meinen Job machen. Ich bin Feuerwehrmann".
Der Platz vor dem Gericht beginnt sich zu füllen, das Freitagsgebet beginnt. Mehr als zehntausend Menschen sind gekommen. Nach dem Gebet rufen sie Parolen, fordern der Rücktritt Gaddafis. "Der Sieg ist nahe", ruft ein Imam der Menge zu.
Gaddafis Luftwaffe lässt sich nicht sehen.