Kabul: Nur die Ärmsten sind geblieben - DER SPIEGEL
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Kabul Nur die Ärmsten sind geblieben

Tausende von Menschen haben Kabul bereits verlassen. Geblieben sind nur diejenigen, die für die Flucht kein Geld haben. Und sie sind vollkommen verzweifelt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kabul - Während die Bomben auf Kabul fallen und Flugabwehrfeuer durch die Nacht schallt, beten Mohammed Kasim, seine Frau und ihre sieben Kinder darum, dass ihr Haus verschont bleibt. Die Mauern beben, die Tür zittert. "Meine Kleinen schreien und weinen, meine Frau betet laut, und mein Herz pocht bis in meinen Kopf", sagt der 35-jährige Schneider. Die Familie lebt in der Nähe des Flughafens, einem der Hauptziele der US-Angriffe. "Ich möchte an einen sicheren Ort ziehen, weit weg vom Flughafen", erzählt Kasim. "Aber ich habe dafür kein Geld."

Diejenigen, die noch in Kabul leben, sind die Ärmsten der Armen. Wer es sich leisten konnte, hat die Stadt bereits vor Wochen verlassen. "Jeden Tag muss ich darum kämpfen, wenigstens ein Stück Brot zu verdienen", sagt Kasim. "Ich habe Osama noch nie gesehen, und ich weiß nichts über das Problem zwischen ihm und Amerika. Aber wir leiden."

Während nächtlicher Angriffe können die Bewohner Kabuls ihre Häuser nicht verlassen, denn die regierenden Taliban haben eine Ausgangssperre verhängt. Doch auch tagsüber sind die Leute nicht gern draußen: "Wir eilen zurück in unsere Häuser", sagt der Friseur Mohammed Aschraf.

Die meisten Menschen in Kabul waren vor den Angriffen auf die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen angewiesen. Die Verteilung kam nun völlig zum Erliegen. "Die Menschen leben in einem Zustand von Angst und Hoffnungslosigkeit", sagt Aschraf.

"Lieber gleich sterben"

Der Bauer Adam Chan hat seine gesamten Habseligkeiten auf einen Lastwagen geladen und flieht mit seinen zwei Frauen und elf Kindern aufs Land. Denn das Viertel Kalai Saman in Kabul, wo die Familie wohnte, ist zu gefährlich geworden. Die Chans lebten in der Nähe des so genannten TV-Bergs, wo sich ein Funkturm der Taliban und Flugabwehrstellungen befinden. Der Turm wurde früher für Fernsehübertragungen genutzt, bevor die Taliban das Fernsehen verboten hatten. Ganz in der Nähe wurde in der Nacht zum Dienstag ein Uno-Gebäude von Bomben zerstört, vier Menschen kamen darin ums Leben.

Nach Schätzungen von Bewohnern Kabuls fliehen täglich etwa 30 Familien aus der ohnehin weitgehend zerstörten Hauptstadt. Der Schneider Kasim sagt, dass er die Hoffnung auf Frieden aufgegeben habe. "Besser wäre, wenn sich die Welt zusammentut und eine große Bombe fallen lässt, die uns alle umbringt", sagt er. "Das wäre besser als dieser langsame Tod."

Von AP-Korrespondent Amir Shah