Kabul "Tötet alle wilden Hunde!"
Seit dem Bürgerkrieg gibt es kein öffentliches Schlachthaus mehr in Kabul. Wer eine Ziege hat, schneidet ihr die Kehle gleich vor der Haustür durch und lässt das Blut in den Rinnstein laufen.
Es sei schwer gewesen, sagt Badakhschi, die Taliban vom Sinn eines Feldzuges gegen die Hunde zu überzeugen: "Einige Mullahs sagten, es sei nicht gut, ein Tier zu töten. Der Koran spreche nur von schwarzen Hunden mit zwei weißen Flecken über den Augen. Die müsse man umbringen, weil sie vom Teufel seien. Es gab dann einen religiösen Streit."
Mohammed Badakhschi ist der Chef der Kabuler Stadtreinigung. Er ist dafür zuständig, dass in einer zu Ruinen gebombten Stadt kein Müll herumliegt. Sein Schreibtisch ist leer, bis auf ein Glas grünen Tees. Badakhschi ist ein schwerer alter Mann. Er erzählt, dass zur Endzeit der Taliban die Lebensmittel und damit der Müll so knapp waren, dass Hunde auch Menschen angegriffen hätten.
"Die meisten Hunde lebten in der Umgebung der Friedhöfe und buddelten die Leichen aus," sagt er und trinkt einen Schluck Tee. "Wir suchten also im Koran und fanden ein Zitat des Hadis i-Scherif. Es lautet: Du musst den Übeltäter töten, bevor er Übel anrichten kann. Das zeigten wir den Mullahs." Dann hätte es losgehen können mit der Hunde-Tötungskampagne. Aber es gab Probleme mit dem Gift.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte Bedenken, den Taliban Strychnin auszuhändigen: "Sie hatten Angst, die Taliban würden das Gift gegen Menschen einsetzen." Es hätte, sagt Badakhschi ohne besondere Betonung, Fälle von Brunnenvergiftungen gegeben, im damaligen Kampfgebiet im Norden.
Den Übeltäter ausrotten, bevor er Übles tun kann. Draußen stehen die Männer. Sie haben Wolldecken um sich geschlungen wie Togen, und betrachten schweigend den wolligen, langhaarigen Hund, der zwischen ihnen im Schneematsch liegt. Der Hund hechelt und hält die Augen dabei starr geöffnet. Krämpfe zerren an dem mageren Körper, immer wieder zieht sich der Magen zusammen, als wolle er etwas Sperriges, Böses hinauswürgen.
Lähmendes Strychinin
Strychnin lähme, so heißt es in den pharmakologischen Büchern, bestimmte Nervenbahnen im Rückenmark. Die so verursachten Krämpfe laufen bei vollem Bewusstsein ab. Sie sind wegen der Zerrungen von Sehnen und Gelenkkapseln äußerst schmerzhaft. Es besteht die Gefahr eines Muskel- oder Sehnenrisses.
"Das ist der erste Hund. Wir wollten es an ihm ausprobieren", sagt einer der Männer. Er trägt über seiner Wattehose einen Gürtel mit Hammer und Sichel auf der Schnalle. Überbleibsel der Roten Armee.
Der Mann sagt: "Der Hund wollte das Fleisch nicht essen. Wir mussten ihn füttern. Aber es funktioniert. Jetzt kann es losgehen. Ingenieur!" Er ruft zu einem Mann herüber, der laut und fröhlich durch die Gruppe der städtischen Hundefänger läuft. "Ingenieur, wir brauchen noch einen Bulldozer für das Hundegrab."
Al-Qaida-Hunde
Der Ingenieur trägt sein Hemd trotz der Kälte offen. In seiner Jacketttasche steckt ein Kamm. "Die Hunde lebten in der ersten Frontlinie", sagt er gutgelaunt. "Ich habe gesehen, wie Hunde die Leiche eines gefallenen Taliban-Kämpfers fraßen." Er klopft auf eine Plastikaktentasche, auf der das Logo eines Hygiene-Kongresses in Ghana steht: "Unser Planziel ist 90 bis 100 Hunde pro Tag. Wir müssen sie töten. Alle. Es sind Afghanische Schäferhunde. Vielleicht sind auch ein paar Ausländer darunter. Al-Qaida-Hunde." Er lacht.
Es gebe auch Probleme mit den Kindern: "Die Kinder schätzen die Hunde. Sie werfen Steine nach unseren Leuten." Der weiße Hund im Schneematsch rührt sich nicht mehr. Jemand wirft ihn auf die Pritsche eines Müllwagens. Er sieht jetzt aus wie ein nasser Lumpen.
In islamischen Ländern gilt der Hund als unreines Tier, weil er sich von Abfällen ernährt. Strenggläubige Muslime vermeiden es, vom Schatten eines Hundes gestreift zu werden. Dennoch soll der Prophet das Töten von Hunden verboten haben, wie er auch das Töten von Ameise, Wiedehopf und Würger untersagt. Deswegen erließen die Taliban zu Beginn ihrer Herrschaft ein Tötungsverbot für Hunde.
Sie untersagten es auch, Vögel in Käfigen gefangen zu halten. Alle Kanarienvögel im Land mussten freigelassen werden. Die meisten kamen um. Nach dem Koran darf auch ein Hund nur so lange von Menschen versorgt werden, wie er Nutzen bringt. So konnte sich trotz der Islamisierung der schon von Herodot erwähnte "Arische Molosser" verbreiten, ein ungemein starker Hirtenhund, der die Ziegen- und Schafsherden gegen Löwen beschützte. In Europa sind die Liebhaber besonders kräftiger Kampfhunde in Clubs für Molosser organisiert.
Das Hygieneamt Kabuls ist ein auffallend unversehrter Betonbau gegenüber einer Panzerkaserne. Im Büro des Direktors sitzen acht Männer um einen Eisenofen, dessen Rohr quer durch eine Glasscheibe geleitet ist. Ein Mann steht auf und reicht wortlos einen handgeschrieben Zettel herüber.
Bitte fragen Sie
Darauf steht: "Ich heiße Ghulam Sarwar. Mein Vorname ist Abbasy. Mein Beruf ist Arzt. Bitte fragen Sie." Sarwar war Schüler der deutschen Amanie-Oberrealschule. Er ist Vorsitzender der Umwelt-Gesundheitsdienstes in Kabul. Sein Deutsch hat er sich über die Kriegs- und Taliban-Jahre bewahrt. Jetzt ist es etwas eingerostet und ungebräuchlich. Aber es funktioniert.
"Mit dem Terrorismus ist glücklicherweise Schluss", lässt er den Dolmetscher sagen. "Jetzt sind die wilden Hunde dran." Im Verwaltungsbezirk Kabul gebe es etwa zehntausend freilebende Hunde, davon zwei Drittel im Stadtgebiet. "Die drei Dürrejahre haben die Herden vernichtet. Die Schäfer sind in die Städte gezogen. Die Hunde auch."
Etwa ein Dutzend Menschen, meist Kinder, würden jährlich an den Bissen tollwütiger Hunde sterben. Sarwar reicht einen zweiten Zettel herüber: "Desalb begint eine Campaign gegen Wild Hunde und Domestic Hunde für (Vakzination) und töten alle wild Hunde."
Eine Frau tritt in das Büro. Sie trägt Schuhe mit hohem Absatz unter der Burka und in der Hand eine Plastiktüte mit der Aufschrift "Pleasure light". Der Name einer Zigarettenmarke. Die Frau hustet und hält sich dabei die Hand vor die Burka. Dann schlägt sie das Gesichtsgitter hoch: "Sorry."
Syma Farmoly hat in Indien Pharmazie studiert. Sie sagt: "Zum Neujahrstag kommt die Burka weg. Noch ist es zu kalt, und ich habe keine Winterkleider mehr, mit denen ich auf die Straße gehen könnte." Sie habe unter den Taliban für Care International gearbeitet, als Gesundheitserzieherin. "Es war offiziell genehmigt. Aber ich hatte immer Angst. Ein Minister erlaubt etwas, aber ein einfacher Talib konnte immer Schwierigkeiten machen."
Ihr Mann ist Finanzexperte. Den Taliban war er verdächtig, zu gebildet, zu intelligent. Sie warfen ihn ins Gefängnis, schlugen ihn. Ihr Mann sei seitdem etwas verwirrt und habe Angst, auf die Straße zu gehen.
Die Gefahr kontrollieren
Farmoly ist eine von drei Frauen, die an der Kabuler Hunde-Tötungskampagne beteiligt sind. Sie gehen in Schulen und vor Moscheen, klappen die Burkas hoch und klären die Menschen per Megafon über die Gefahren der Tollwut auf. Farmoly und ihre beiden Kolleginnen sind die ersten Frauen der Stadt, deren Stimme laut zu vernehmen ist. Es gebe, sagt sie, in ganz Afghanistan kein Labor für Tollwut-Diagnosen: "Alle anderen Krankheiten können wir mit Antibiotika begegnen. Tollwut ist bei uns immer tödlich. Wir haben keine Impfstoffe für die Prophylaxe. Wir müssen die Gefahr kontrollieren." Was heißt das? "Alle Hunde töten."
Im "Viertel der Güte", in Khair Khana, leben die Schlächter. Frühmorgens wehen kalte Staubböen zwischen den Lehmhütten und den aufeinander gestapelten Containern, in denen die Fleischhändler sich eingerichtet haben. Es ist Freitag, der heilige Tag. Der Tag des besten Geschäftes. Tiere hängen an Gestängen. In den Lehmgruben zwischen den Containern liegen blutige Haufen, Gedärme einer Ziege oder eines Kalbs. Der Geruch nach Blut und Innereien ist stärker als die Windböen. In einer Grube hocken Männer um eine Ziege. Starren Blicks schlägt sie ihre Läufe auf den Boden. Ein vielleicht zwölfjähriger Junge macht das Messer sauber.
Sein Vater kniet am Hinterlauf der Ziege und bläst Luft hinein, damit die Haut sich besser löst. Dann schießt jemand. Und ein zweites Mal. Oben an der Straße steht ein Mann, ein Milizmann. Er hat nur noch seinen linken Arm. Mit dem hält er seine Kalaschnikow an die Backe und schießt in Richtung eines Holzstapels, ein erstauntes Japsen, ein Jaulen, das in immer verzweifelteres Winseln übergeht. Stille.
Vor wenigen Monaten noch durchstreifte Nher Ahmad, so heißt der Mann, die Berge nördlich Kabuls und jagte Taliban-Soldaten. In der Shomali-Ebene riss eine Rakete ihm den Arm vom Leib. Jetzt ist er Polizist, zieht durch das Viertel der Güte und schießt Hunde. Ahmad trägt die Mütze von Kommandant Massud. Er hat den Krieg gewonnen.
Er sagt: "Kommt heute Abend wieder. Dann beginnt die Großoffensive. Abends ist keiner auf der Straße. Dann ist freies Schussfeld." Ein Trupp bärtiger, ebenfalls schwerbewaffneter Männer kommt auf ihn zu, ebenfalls im Räuberzivil der Nordallianz, ebenfalls Polizisten. Sie haben einen dicken Mann dabei, auf den sie von Zeit zu Zeit mit einem Stock einschlagen.
Ahmad sagt, gestern Morgen sei ein Kollege von Hunden angegriffen worden: "Er rief um Hilfe, aber der Holzhändler hat weggeschaut. Deswegen haben wir ihn verhaftet." Der dicke Mann duckt sich unter den Schlägen, ohne ein Wort des Protestes. Drei Monate wird die Kampagne gegen die wilden Hunde von Kabul dauern. Im April, wenn der König wieder in der Stadt sein wird, wenn das neue Jahr angefangen hat und die Universität wieder geöffnet, wird es keine Hunde mehr geben. Wenn alles gut geht.
Noch zu Taliban-Zeiten versuchte die deutsche Hilfsorganisation Hammer Forum, Informationsplakate gegen die Tollwut zu drucken. Das Rote Kreuz hatte Geld gegeben. Sie legten ihre Entwürfe der Religionspolizei vor. Die Taliban sagten, das Rote Kreuz sei ein christliches Symbol und müsse weg. Auch sei es unislamisch, Augen abzubilden. Auf den Plakaten, die überall in Kabul hängen, haben die Menschen deshalb keine Gesichter.