Kabul: Welcome to Mullah's Restaurant - DER SPIEGEL
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Kabul Welcome to Mullah's Restaurant

Die Stammgäste wechselten die Kopfbedeckung, die Speisekarte blieb: Im "Herat Restaurant" schmieden Kabuls Mächtige ihre Allianzen, bei Hammelspieß und Limonade. Egal unter welchem Regime.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kabul - Es gibt in Städten Orte, an denen sich Wirklichkeit unverschämter zeigt als anderswo. Kabul macht da keine Ausnahme, und Azim Niazis bleiches, von blinkenden Plastikschlangen durchzogenes "Herat Restaurant" hat in den letzten Monaten mehr an Weltgeschichte gesehen als jede andere Grillhalle der Stadt.

Das "Herat" liegt an der Great Trunk Road, auf der die burkablauen "World Food Programm"-Lastwagen von Peschawar herüberkommen und die Blinkgirlanden ins Schwingen bringen. Ein paar dutzend Tische, einen Blechofen in der Mitte, ein Aquarium und seit der Befreiung einen Fernseher, auf dessen Schirm gerade ein Krokodil eine Gazelle unter Wasser reißt.

Das "Herat" hatte nie geschlossen. Nicht unter den Mudschahidin, nicht unter den Taliban und unter der Nordallianz schon gar nicht. An den Tischen haben die Taliban-Minister gesessen und ihre Miranda getrunken, unter den Girlanden bestellten die al-Qaida-Offiziere ihr Chicken-Kebab, vor dem Aquarium umarmten sich die Kommandeure der Nordallianz mit den Exilanten aus Iran oder Turkmenistan, während die ersten Journalisten in Khakiwesten zögernd am Eingang Platz nahmen und nach den Magenpillen tasteten.

Azim Niazi hat das alles erlebt. Immer gleich unbewegten Gesichts. Zwei dutzend Tische um einen Eisenofen geschart, eine Empore für die Patriarchen und natürlich das Porträt von Kommandant Massud, dem Heiligen der Nordallianz. Der Türsteher hat nur ein Bein. Er heißt Mohammed Zarif, und wo sein linker Arm war, hängt der Ärmel schlapp herunter. Aber er sieht aus wie der junge Elvis, und deswegen liebte ihn seine Freundin, auch nachdem die Rakete ihn fast zerrissen hatte, und sagte ihren Eltern: "Wir heiraten. Wenn ihr nicht wollt, dann eben ohne euch."

Der Autowäscher Mohammed Nassim vorm Eingang hat sein Holzbein links und links nur einen Stumpf von Arm. Azim hat die beiden Mohammeds eingestellt, weil sie sonst keine Arbeit finden und jeweils eine ganze Familie durchzufüttern haben.

Gerade ist "Die Kommission" ins Nebenzimmer gegangen. 21 Frauen und Männer, allesamt verdiente oder verbannte Honoratioren, denen von der Uno aufgetragen worden ist, die Loya Jirga, den großen Rat, vorzubereiten. Es gibt Rettichscheiben, Fleischröllchen, Reis mit Karotten und Rosinen, Kebab und Fladenbrot.

Ohne größere Umstände werden die Reste von den Kellnern auf einen Teller gepackt und vor die Tür getragen. Unter den hellblau plissierten Stoffglocken kommt dann kurz eine Hand zum Vorschein, greift das Essen und zieht es ins Innere: Auch Bettlerinnen tragen Burka.

Azim, der eigentlich Bauingenieur ist, eröffnete sein "Herat" 1994, als die Ruinen nach dem Bürgerkrieg noch rauchten und kein Ingenieur, der noch bei Sinnen war, seine Zukunft an etwas Konstruktives hätte hängen mögen. Aber essen müssen auch die Schlächter.

Nach zwei Jahren erschienen die Taliban in der Stadt. Azim versteckte Fernseher und Musikanlage bei sich zu Hause im Keller und montierte einen Ventilator ab, dessen Markenlogo einen Arbeiterkopf zeigte: Jedes Abbild etwas Lebenden sei unislamisch, hatten die Taliban erklärt. Die Werbeplakate des Fremdenverkehrsamts ("Besuchen Sie Afghanistan") konnten bleiben, ebenso die Girlanden: "Die ersten Taliban standen mit offenen Mündern davor." Die meisten hatten ihr Dorf vorher nie verlassen und ahnten nicht, dass es auf der Welt Himmlisches geben könnte wie rot und blau blinkende Plastikschläuche Made in China.

"Es hatte sich eigentlich nicht viel verändert", antwortet Azim, als er die islamistische Revolution beschreiben soll: "Nur dass die Stammkunden jetzt immer Turban trugen und nicht mehr zum Barbier gingen. Und das Zwangsbeten störte die Küchenabläufe."

Obwohl er selbst sich bis zum Schluss weigerte, eine Mütze zu tragen und den Bart wachsen zu lassen, wurde Azims "Herat Restaurant" zur Kantine der Taliban-Führung. Vom Polizeichef über den Kommandeur des Zentralen Armeekorps, Mullah Dedela, bis zu Mullah Durabi kamen sie alle ins "Herat": "Sie aßen immer viel Joghurt und Quark zum Hammel und tranken nie Pepsi, immer nur Miranda." Außerdem hätten die Mullahs stets die Rechnung bezahlt. Anders die Araber und Pakistaner, die jetzt ebenfalls öfter auftauchten: al-Qaida Offiziere. "Die Terroristen haben wenig oder gar nicht bezahlt. Ich habe mich immer im Hintergrund gehalten, wenn die kamen, weil mein Bart zu gepflegt war."

Die Taliban-Diktatur verschwand, ohne dass im "Herat" die Speisekarte geändert hätte werden müssen. Die Stammgäste wechselten die Kopfbedeckung, ersetzten Turban durch Massud-Kappe, und Azim stellte den Fernseher wieder auf. Als nach dem Petersberger Abkommen die neuen Politiker in ihre Ministerien zogen, war es das "Herat", das den Ministern Hammelspieße und Joghurt lieferte. "Wer aus dem Exil in Tadschikistan oder Pakistan zurück nach Kabul kommt, der geht zuerst hierher, um zu sehen, wer von den alten Freunden schon wieder in der Stadt ist", sagt Azim, und es scheint zu stimmen: Immer wieder gehen Männer mit Karl-May-Gesichtern aufeinander zu, drücken die Bärte zu einer Art Bruderkuss zusammen und deuten eine Umarmung an mit einer Hand auf dem Herzen. Das Ritual der Positionierung im neuen machtpolitischen Raum wird gefestigt durch Hammel-Kebab und Miranda (oder jetzt auch: Pepsi).

Drei Monate nach der Befreiung tragen die Bettlerinnen am Eingang immer noch ihre Burka. Aber sie haben jetzt Englisch gelernt: "Please Mister, Bakschisch" heißt es, wenn die Arme durch die Scheiben der NGO-Allradlimousinen hakeln. Das ist eben die neue Zeit. Selbstverständlich, sagt Azim Niazi, könnten auch Frauen ohne männliche Begleitung in sein Restaurant kommen, Schaschlik bestellen und Miranda trinken. "Ist das schon einmal passiert?" "Nein", sagt er, "noch nie."