Kalifornien Alle mögen Arnold
Los Angeles - Die Menge klatscht sich warm. Fans, Schaulustige, viele Familien mit Kindern, dazwischen Touristen, die mitklatschen, ohne zu wissen, wofür. Es gibt Hot Dogs umsonst und Coke in enormen Plastikbechern.
Die Sonne brennt heiß über den Universal Studios in Hollywood, dem größten Vergnügungspark der Welt. Nebenher werden hier auch noch Blockbuster produziert. Auf einer Bühne steht der schnieke Schauspieler Rob Lowe und peitscht die Meute ein. "Seid ihr auf den Gouverneur gespannt?", brüllt er. "Wir haben eine tolle Show für euch!" Dann dirigiert er einen Sprechchor: "Ar-nold! Ar-nold! Ar-nold!"
Arnold Schwarzenegger kehrt an die Stätte seiner Triumphe zurück. Hier hat er seinen ersten Kino-Kulthit gedreht, "Conan der Barbar", und alle späteren, zuletzt "Terminator 3". Das war, kurz bevor der gebürtige Österreicher zum Gouverneur von Kalifornien aufstieg. Schwarzenegger siegte im November über den faden Demokraten Gray Davis. Und so ist es hier jetzt nicht mehr der Hollywood-Star Schwarzenegger, dem sie entgegenfiebern, sondern der Polit-Star Schwarzenegger.
Regieren wie ein Regisseur
Als ob das einen Unterschied macht. Ein Star ist ein Star, und bei Schwarzenegger, 56, verwischen die Konturen besonders - selbst heute noch, fünf Monate nach seinem Einzug ins Kapitol von Sacramento. Denn der Action-Held a.D. hat sich, allen Spöttern zum Trotz, zu einem der erfolgreichsten, respektiertesten Politiker der USA gemausert. Es ist seine größte Rolle, und er meistert sie mit Oscar-reifer Überzeugungskraft: Selbst Demokraten lieben den Republikaner - ein Meisterstück in dieser ideologisch gespaltenen Nation.
Das Geheimnis des Muskelmanns offenbart sich an diesem Vormittag hier in Hollywood, einer eigentlich linksliberalen Bastion: Schwarzenegger bleibt Schwarzenegger - ein patentierter Kassenmagnet. Er inszeniert sein Regierungsamt wie einen neuen Film, seine Auftritte wie Promotion-Events, seine Reden wie applauswirksame Zeilen eines "Teminator"-Drehbuchs, die man nur ihm abkauft, sonst keinem. Was endgültig die These belegt, dass Politik nichts anderes ist als Entertainment.
Die Szene in den Universal Studios ist akribisch choreografiert, weniger für die Fans als für die Dutzenden Kameras. Eine Stunde lang wird das Publikum angeheizt. Auf der Bühne steht, als bunt-telegene Kulisse, ein bestelltes Empfangskomitee, fein nach Größe gestaffelt. Dessen politisch korrekte Ausgewogenheit (Männer-Frauen, alt-jung, schwarz-weiß) trägt die Message "tolerant und allumfassend". Will sagen: Arnold mag alle, alle mögen Arnold.
Der Erzfeind kommt zum Dinner
Da ist was dran. Mit Charme, Machismo und Geschäftssinn verkauft sich Schwarzenegger als politischer Superhero - mit Erfolg: In Umfragen hängt er inzwischen selbst den Präsidenten George W. Bush weit ab. Der "neue Sheriff im Ort" (Lowe) entpuppt sich in der Realität des Regierens als nicht minder gewiefter Profi wie in der Illusion Hollywoods, wo ihn viele ähnlich unterschätzt haben.
Als Meister der Selbstdarstellung, schlägt er die ärgsten Rivalen in Bann, als seien sie zahlende Kinogänger. "So eine Einigkeit haben wir hier lange nicht mehr erlebt", staunt der Demokrat Fabian Núñez, der Sprecher des notorisch verzankten Landesparlaments. "Dieser Gouverneur hat die Kalifornier endlich zusammen gebracht." In Wahlkampfzeiten wie diesen, da der Rest der USA in bitterem Parteienstreit versinkt, will das was heißen.
"Er ergreift den Stier bei den Hörnern", lobt der demokratische Abgeordnete Xavier Becerra Schwarzeneggers ansteckenden Tatendrang. Kaliforniens Rechnungsprüfer Steven Wesley, ebenfalls ein Demokrat, erinnert sich an die erste offizielle Begegnung: "Der Gouverneur kam in mein Büro und fragte: Steve, willst du mit mir zusammenarbeiten? Und ich sagte sofort: Absolut!" Sogar der gestürzte Erzfeind Gray Davis ist mittlerweile ein regelmäßiger Dinner-Gast bei den Schwarzeneggers.
Inhaltsleerer Rausch
Das alles erreicht Schwarzenegger fast mit Charisma und physischer Präsenz allein. Als er endlich in einer Limousine auf dem Universal-Gelände anrollt, von einer Leibgarde aus Cops auf funkelnden Harley-Davidsons flankiert, und durch einen schwarzen Vorhang auf die Bühne tritt, gerät die Masse außer sich. Aus den Lausprechern dröhnt der "Four-Tops"-Klassiker "I'll be there", und selbst die Touristen aus Tokio singen selig mit: "Ich werde da sein, mit der Liebe, die dich beschützen wird."
Schwarzenegger trägt seine übliche Uniform: weißes Poloshirt, das sich über der Brust spannt, schwarze Windjacke, Freizeithose. Er sagt ein paar nette Worte in seinem sorgsam gepflegten Alpen-Akzent, verspricht, "Kalifornien wieder zum goldenen Traum am Meer" zu machen, und das war's auch schon. Alles in allem hat der Auftritt nicht mal fünf Minuten gedauert, bei einer Stunde Vorspiel.
Es bleibt das gleiche Gefühl wie nach einem lauten Action-Film: Adrenalin pumpt durch die Adern, auch wenn man nach fünf Minuten schon wieder vergisst, was man da gerade gesehen hat. Kinofans, Wähler oder Politiker - für Schwarzenegger sind sie alle nur Publikum: Er versetzt sie in einen inhaltsleeren Rausch, gibt ihnen, was sie wollen, bleibt dabei aber streng bei seinem Manuskript. "Ohne seine Bewunderer", schreibt die "New York Times", "ist er wie eine Stradivari ohne Saiten."
Geschäfte mit Kuba-Zigarren
Schwarzenegger hatte auch keine Zeit zu verlieren. Kalifornien, sagt Freund Rob Lowe, "ist ein Staat am Abgrund" - finanziell, wirtschaftlich, moralisch. Der neue Gouverneur warf sich in die Arbeit, verzichtete auf sein Gehalt - und setzte gleich alles auf eine Karte. Indem er einen riskanten, kontroversen Plan zur Refinanzierung der Landesschulden durch eine neue 15-Milliarden-Dollar-Anleihe am Parlament vorbei zur Volksabstimmung brachte, stellte er sich im März mit zur Disposition.
Und gewann haushoch, 63 zu 37 Prozent. Nicht von ungefähr: Wochenlang war er im roten Reisebus durch die Provinz getingelt, um persönlich für sein Kreditprojekt zu werben. Das hat ihm das Parlament, die Nemesis von Vorgänger Gray Davis, vollends gefügig gemacht. "Dies ist ist zentral für seinen Erfolg", sagt die Politologin Elizabeth Garrett. "Von nun an kann er mit der Drohung der Volksabstimmung regieren und mit seiner Popularität bei den Leuten, wenn die Legislative nicht gehorcht."
Die Parteien so an einen Tisch gezwungen zu haben, darauf ist Schwarzenegger selbst "am meisten stolz". Im Statehouse empfängt er die Bittsteller in einem offenen Atrium, wo er, ganz präsidentiell, seine geliebten Kuba-Zigarren pafft (20 Fuß vom Eingang entfernt, wie es das Nichtraucher-Gesetz vorschreibt). "Hier werden viele Geschäfte erledigt", sagt er. "Wer kann zu einer guten Zigarre schon Nein sagen."
Seine Männlichkeit bewahrt
Die Geschäfte, die Schwarzenegger so macht, halten sich nicht an Parteilinien, auch nicht die eigenen. Zum Beispiel seine Umweltpolitik. Er will die Abgase senken und die Küsten unter Schutz stellen, propagiert Sonnenenergie und erneuerbare Stromquellen, ernannte die linke Aktivistin Bonnie Reiss zu seiner Öko-Beraterin. Auch bei einem anderen Reizthema fährt er nicht gerade auf Republikaner-Kurs: "Von mir aus gerne", sagt er zur Schwulenehe.
Den Spaß am Leben verliert er bei all dem nicht. Sonntags jagt der Gouverneur gerne mit seiner Biker-Clique auf dem Motorrad über den Highway. Er ist nebenher Chefredakteur der Fitness-Magazine "Muscle & Fitness" und "Flex". Und wenn er in Sacramento ist, trainiert er in einem ganz normalen Sportstudio. "Viele verlieren in der Politik ihre Männlichkeit", sagt der Schauspieler Tom Arnold, ein Mitglied seiner Motorrad-Gang. "Er bewahrt sie sich."
"We love you, Arnold!"
Mit Blick auf höhere Weihen? Die Gerüchte, er wolle eines Tages Präsident werden, hat Schwarzenegger jetzt selbst neu angefacht. Immerhin wäre er, mit seinem Sex-Appeal, fürs ganze Polit-Spektrum ein Traumkandidat. Schon nennen ihn einige hier "Mr. President". Ob er denn den vom republikanischen Senator Orrin Hatch angeregten Verfassungszusatz unterstütze, auch Einwanderern die Möglichkeit zu geben, das höchste Staatsamt zu bekleiden, sofern sie seit mindestens 20 Jahren US-Bürger seien? "Ja, das sollte ich mir mal ansehen", grinst Schwarzenegger, der 1983 eingebürgert wurde. "Klingt wirklich gut." Bis dahin aber muss er noch viele Jubel-Termine absolvieren wie in den Universal Studios. "We love you, Arnold!", brüllt ihm einer aus der Menge hinterher, als er sich von der Bühne macht. Schwarzenegger setzt sein bestes Kameragrinsen auf. Dann wendet er sich ab, so dass ihn die Leute nicht mehr sehen können, und sofort weicht sein Smile einer harten, grimmig-entschlossenen Miene.