Kalifornien: Arnold for President? - DER SPIEGEL
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Kalifornien Arnold for President?

Der Wähleraufstand ist geglückt: Schwarzenegger wird Gouverneur von Kalifornien. Jetzt muss der Schauspieler beweisen, dass er mehr zu bieten hat als Muskeln und flotte Sprüche.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Der Showdown ist kurz und brutal, seiner Filme würdig. Keine Minute verstreicht nach Schließung der kalifornischen Wahllokale, bis CNN und die anderen TV-Networks das vorläufige Ergebnis ausrufen - unisono und mit solcher Deutlichkeit, dass von Vorläufigkeit keine Rede mehr sein kann: "Schwarzenegger in, Davis out."

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Fotostrecke: Die Gouverneurswahl in Kalifornien

Foto: DPA

Ein Ende, so typisch kalifornisch wie der Vorspann: In einem Ballsaal in L.A. wird der strahlende Sieger seinen jubelnden Parteifreuden vom witzelnden Talkmaster Jay Leno präsentiert, auf dessen TV-Couch dieser erst elf Wochen zuvor seine Kandidatur verkündet hatte. "Diese Nacht", ruft Leno (und meint das durchaus ernst), "ist Beweis dafür, wie wichtig ein Auftritt in der 'Tonight Show' sein kann."

Arnold Schwarzenegger, 56 Jahre alt, ist heute noch gebräunter, glatter, gelackter, gefönter als sonst. Eine Wachsfigur mit poliertem Teint, himbeerfarbenem Haar und manikürten Fingernägeln. Die Maskenbildner haben sich an diesem Abend sichtlich verausgabt, um ihn für die größte Rolle seiner Karriere herzurichten.

Doch er ist auch nervöser als sonst. Der Action-Held stutzt und stottert und stolpert über seinen Akzent; seine Siegesrede ist länger als der Take eines Kinofilms. "Heute hat mir Kalifornien das größte Geschenk von allen gemacht", sagt er. "Ich werde alles tun, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Ich werde Euch nicht enttäuschen, ich werde Euch nicht hängen lassen". Schließlich ist es auch ein historisches Ereignis: 31 mal haben sie hier seit 1911 versucht, einen Gouverneur zu kippen. Jetzt, beim 32. Mal, hat's geklappt.

In Gottes Hand

Die Zeit der Witze ist vorbei. Sie waren einem sowieso längst über, die Zoten vom Terminator, dem Gouvernator und dem Schwarzenschnitzel. Die CNN-Verantwortlichen verboten ihrer Crew am Wahlabend jede Anspielung auf Schwarzeneggers Karriere und Herkunft.

"Ich will's allen recht machen", sagt Schwarzenegger - eine abenteuerliche Ambition in der Politik. Doch so viel ist anders in dieser Nacht. Dieser Republikaner redet wie ein Liberaler. Und das politische Hollywood, als Demokraten-Bastion bekannt, liegt einem treuen Freund des dort verhassten Präsidenten George W. Bush zu Füßen. Dieser wiederum, selbst kein schlechter Schauspieler, freut sich: Kalifornien ist das größte Staatenstück im nationalen Wahlkuchen. Wer hier den Fuß in der Tür hat, hat's im November 2004 leichter.

Das Wahlergebnis war weniger knapp als von den meisten erwartet. Weit über 50 Prozent der Kalifornier entschieden sich, den bisherigen Gouverneur Gray Davis nach nur sechs Monaten wegen Unfähigkeit aus dem Amt zu jagen. Wer von den 135 schillernden Kandidaten, die sich als Alternative anboten, den Zuschlag bekam, stand dabei nie in Frage.

Doch bis zuletzt gab Schwarzenegger den Underdog. Kokett hat der sich nachmittags bei der Wahlhelferin vorgestellt. "Nachname?", hat sie ihn gefragt. "Schwar-zen-egger", spricht er Silbe für Silbe langsam und deutlich aus, auf Österreichisch und nicht, wie so viele Europäer nach ein paar Jahren Amerika-Aufenthalt, in angeberischem Pseudo-Englisch. Und dann, ganz am Ende, sprach er den ersten tiefgehenden Satz seines Wahlkampfs: "It's up to God now" - jetzt liegt's in Gottes Hand.

Gott hat Humor, zumindest in Kalifornien. Der Sieg des Manns aus Muscle Beach ist für Außenstehende nicht weniger grotesk als der vorausgehende Wahlkampf, in dem 3500 Dollar Gebühr und 65 Unterschriften reichten, um einen auf den Stimmzettel zu bringen - wovon eine erlauchte Gesellschaft Gebrauch machte: Porno-Aktricen, Anti-Feministen, Ärzte, Ingenieure, TV-Produzenten, Gastronomen und der Ex-Organisationschef der Olympischen Spiele von Los Angeles.

So viele Wendungen hatte dieser Wahlkampf, dass bis zuletzt keiner wagte, das Ergebnis vorherzusagen. Selbst die haarsträubenden Vorwürfe gegen Schwarzenegger - erst Frauenfeindlichkeit, dann sexuelle Belästigung und schließlich Hitler-Verehrung - kamen zu spät, um etwas ändern zu können, und viel zu spät für die zwei Millionen Briefwähler, die schon vorher abgestimmt hatten

Organisierter Wähleraufstand

Schwarzenegger ist er der erste US-Gouverneur, der selbst mal ein Pinup war, mal im "Boykini", mal splitternackt. Doch darüber wundert sich keiner mehr in diesem Staat, dessen Bewohner nie glaubten, dass man politische Erfahrung braucht, um Politik zu machen. Was Ronald Reagan kann, kann Schwarzenegger erst recht.

Denn er erreicht immer, was er sich in den Kopf setzt - wie seine Helden in Realität (die alten Römer) und Fiktion (James Bond). Einwanderer, Bodybuilder-Champion, Filmstar, nun das. "Der höchste Schauspieler", nannte er sich einmal, mit rascher Korrektur: "Der höchst bezahlte Schauspieler." Machthunger sagen sie ihm nach, Zielstrebigkeit ist's allemal, Erfüllung innerster Träume: "Ich habe immer von sehr mächtigen Menschen geträumt - Diktatoren und solche Sachen." Oder dieser Traum: "Ich, ein König, auf der Spitze des Berges - und kein Platz für jemand anderen, okay?"

Kein Platz mehr für Gray Davis, so viel steht fest. Ironisch, wo doch Schwarzenegger nicht Schwarzeneggers wegen gewonnen hat, sondern gerade Davis' wegen: So unbeliebt wie Davis war hier bisher kein anderer kalifornischer Politiker. Das konnten auch Bill Clinton, Al Gore und fast alle Präsidentschaftsbewerber nicht mehr ändern, die als Wahlkampfhelfer eingeflogen wurden.

Es war ein organisierter Wähleraufstand des weißen Wohlstands. 72 Prozent der Kalifornier missbilligten Davis am Ende. Und 83 Prozent - über viermal so viele wie bei Davis' Amtsantritt 1998 - sehen die Wirtschaft Kaliforniens "in schlechtem Zustand", ein Euphemismus angesichts des 38-Milliarden-Dollar-Defizits.

Gedrechseltes Immigranten-Image

Wie dieses Loch entstehen konnte (vor allem bei einem 12-Milliarden-Dollar-Überschuss, den Vorgänger Pete Wilson Davis hinterlassen hatte), darüber werden sich die Experten noch lange zanken. Die US-Rezession ist nicht unschuldig. Der Dotcom-Crash von 2000 auch nicht, der Silicon Valley zum Tal der Tränen machte. Das Landesparlament tat mit seinem "verfassungswidrigen Geldrausschmeißen" (Wilson) das Seine. Und Gray Davis tat nichts, dem entgegenzuwirken - im Gegenteil.

Dass er das kalifornische Desaster nicht mehr allein mit seinem Film-Motto "Hasta la vista, baby" in den Griff bekommen wird, weiß Schwarzenegger wohl. Nicht umsonst hat er den Investorenguru Warren Buffett als Finanzberater engagiert. Für die Details stützt sich Schwarzenegger auf Experten. Er selbst beschränkt sich auf die eigene Imagepflege. Ein Image, das jahrzehntelang von anderen geschaffen, gedrechselt und poliert worden ist: Trainern, Mäzenen, Buchautoren, Fotografen, Regisseuren, Drehbuchschreibern, PR-Agenten, Stunt-Doubles, digitalen Effektzauberern. Aber auch vom Selfmade-Mann Schwarzenegger selbst. Die Saga seines kargen Immigrantentums jedenfalls hat er clever zu Wahlkampfzwecken zurechtgezwirbelt, um sich die hier so wichtigen Latino-Stimmen zu sichern. Freilich ging es ihm nie so elend wie den Mexikanern, die ihren Traum von Amerika bis heute mit dem Verdurstungstod in der südkalifornischen Wüste bezahlen; Schwarzeneggger, damals bereits "Mr. Europe" und "Mr. Universe", jettete bequem in die USA, auf Spesenkosten seines Verlegers.

Land der unbegrenzten Wahlen

Nun muss er beweisen, ob er mehr ist als nur ein alternder, wenngleich geschäftsbewusster Muskelprotz. Und wenn das nicht klappt, so lästern sie schon, könne man ihn ja einfach wieder abberufen. "Recall! Recall!", skandierten die düpierten Davis-Fans am Wahlabend: California - Land der unbegrenzten Wahlen. Oder Schwarzenegger geht von selbst wieder, weil ihm doch, wie so oft im Leben, schnell langweilig wird bei dem, was er macht.

Kommt die Lex Arnie?

Arnold for President? Dass er als nächstes in Ronald Reagans Fußstapfen tritt, verhindert (bisher noch) die US-Verfassung, die nur gebürtige Amerikaner ins Weiße Haus lässt. Doch auch das könnte sich bald ändern: Der repulikanische Senator Orrin Hatch hat kürzlich fast unbemerkt einen neuen Verfassungszusatz als Entwurf in die Wege geleitet: Demnach dürfte jeder Präsident werden, der mindestens 20 Jahre lang US-Bürger war.

Die Zahl ist wohl kein Zufall. Arnold Schwarzenegger jedenfalls hat gerade sein 20-jähriges Jubiläum als US-Bürger gefeiert.

Allerdings gehen Verfassungsänderungen in den USA langwierige und komplizierte Verfahren voraus. Und am Ende müssten beide Häuser des US-Kongresses (Abgeordnetenhaus und Senat) mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zustimmen. Doch es ist kaum zu erwarten, dass die Demokraten dem Einwanderer Schwarzenegger den Weg ins Weiße Haus ebnen. Washingtons politisches Establishment wird Schwarzenegger künftig nicht mehr unterschätzen. Hasta la vista, Gray Davis.