Kampf um Bengasi: Ashrafs erste Schlacht - DER SPIEGEL
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Kampf um Libyen: aus dem Fotoalbum eines Gaddafi-Soldaten

Kampf um Bengasi Ashrafs erste Schlacht

Ashraf M. fühlte sich als Held, wollte Bengasi von Terroristen befreien: Mit einem Trupp von Regierungssoldaten zog der ehemalige Leibwächter des Gaddafi-Clans Mitte März ins Gefecht. Sie kämpften sich in die Stadt vor - dann griff die Nato an. Ein Frontbericht.
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Er hatte das Bild seines einzigen Sohnes Abdul dabei, auf seinem Handy, das er in der Brusttasche seiner Armeejacke trug. Er hörte die Flugabwehrgeschütze in Bengasi schießen, die Mörser, die Gewehrkugeln, die in der Nähe einschlugen. Er wurde taub vor Lärm und stumm vor Angst.

Er fragte sich, was er eigentlich in diesem Krieg machte und warum er nicht bei seinem dreijährigen Sohn war. Ashraf M. war Gaddafi-Soldat. Es war der 19. März, der erste Tag in seinem ersten Krieg. Er war noch nie so weit von Tripolis weg - und alles, was er wollte, war nach Hause zu kommen.

Der Freund eines Freundes hat ihn abgeholt, vor einem kleinen Haus in Abu Salim. Wir würden ihm nur einen Gefallen tun und ihn im Auto mitnehmen, sagt er. Er plaudert über Harmloses, tastet sich vorsichtig heran. Abu Salim ist das Viertel, in dem als letztes gegen die Rebellen in Tripolis gekämpft wurde. Viele hier waren Anhänger Muammar al-Gaddafis oder zumindest keine Freunde der Rebellen.

Wir fahren nach Norden, in die Innenstadt, vorbei an den zerschossenen, russischen Schützenpanzern vor Bab al-Asisija und an den Schriftzügen "Gaddafi - Go to hell". Er schaut heraus. Gaddafi fand er gut, sagt er, bis er diesen Krieg selbst erlebte. Er hat immer noch ein Bild von ihm auf der ersten Seite seines Fotoalbums, Fußball spielend, im hellblauen Trainingsanzug. Zwei Tage später zeigt er es mir stolz in einem Straßencafé.

Ein Foto seines Sohns begleitet ihn in den Krieg

Seine Nachbarn und Freunde wissen, dass er mitgekämpft hat, aber es stört sie nicht, meint er. Den Rebellen versucht er trotzdem aus dem Weg zu gehen. Es kann nicht jeder ein Held sein in dieser Stadt, in der sich jetzt viele mit Gewehren fotografieren lassen, die sie nie bedient haben.

Er hatte das Foto seines Sohnes, das ihn in den Krieg begleitete, zu Hause aufgenommen, am 17. März, kurz nach Mitternacht. Es ist ein Abschiedsfoto. Gerade hatte er den Anruf aus der Kaserne bekommen, dass er sich am Flugplatz einzufinden habe. Er setzt Abdul einen Pfadfinderhut auf, er drückt ihm seine Kalaschnikow in die Hand. Auf dem verwackelten Foto sieht man, wie sein Sohn die Zunge herausstreckt. Es sieht aus, als ob sie zu einem Abenteuerurlaub aufbrechen wollen.

Eigentlich hatte Ashraf gedacht, er müsse gar nicht in diesen Krieg. Nach seiner Grundausbildung vor acht Jahren arbeitete er als einer von 16 Personenschützern für Mohammed al-Gaddafi, den ältesten Sohn des ehemaligen Machthabers. Chinesische und russische Ausbilder trainierten ihn in Nahkampf, Fahrzeug- und Personenschutz. Trotzdem bleibt er als Freiwilliger für Einsätze in der Armee gemeldet.

Gefechtsübungen gibt es nicht

Noch in der Nacht auf den 17. März fliegt er nach Sirt. Er bekommt eine große Militärmütze mit Ohrenschützern und eine alte Armeejacke und fährt gegen 6 Uhr aus der Stadt heraus. Eine Gefechtsübung gibt es nicht. Am Abend, kurz nach 23.30 Uhr, beschließt der Uno-Sicherheitsrat mit der Resolution 1973 die Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. In Bengasi jubeln die Rebellen.

Ashraf weiß davon nichts, weder von einer Uno-Resolution noch einer Flugverbotszone. Er weiß auch nichts von den "Storm Shadow"-Marschflugkörpern der britischen Tornados, nichts von den 19 Kampfflugzeugen der US-Luftwaffe, darunter B-2-Tarnkappenbomber, "Harrier"-Senkrechtstarter und F-15- sowie F-16-Kampfjets, dazu jeweils vier Maschinen der dänischen und der italienischen Luftwaffe, die alle über Libyen im Einsatz sein werden.

Ashraf fährt am nächsten Morgen gegen sechs Uhr aus der Stadt heraus. Er steuert einen Mitsubishi Lancer, mit zwei weiteren Soldaten, ebenfalls bewaffnet mit Kalaschnikows. Er schätzt die Fahrzeugkolonne auf etwa 200 Wagen. Wie viele Panzer vor ihm fahren, weiß er nicht. Die Männer tragen Sonnenbrillen, spielen mit einem Nachtsichtgerät herum und hören Musik. Ihre Aufgabe hört sich leicht an, sie sollen das Gelände sichern, sobald die Panzer Bengasi erobert haben.

Der letzte Krieg in Libyen, ein Grenzkrieg mit dem Tschad, war 1987 beendet. Die Soldaten der Armee sind jung, die meisten unter 30, wie die Rebellen. Für Ashraf ist der Tschad-Krieg nicht mehr als eine frühe Kindheitserinnerung. Gekämpft hat er noch nie.

Am Abend hält Ashraf in der Wüste, irgendwo zwischen Ras Lanuf und Brega. General Mahdi al-Arabi gibt ihnen letzte Instruktionen: Bis morgen habe man den Platz vor dem Gericht in Bengasi zu befreien. Es werden sich dort Menschen als Anhänger von Gaddafi ausgeben und Plakate von ihm hochhalten, man solle sich aber vor ihnen hüten, denn es seien nur Spione al-Qaidas. Ashraf sagt, er glaubte, dass die Stadt von Qaida-Terroristen erobert worden sei, im Staatsfernsehen habe man Bilder von Männern mit langen Bärten gezeigt. Er sah keinen Grund, es nicht zu glauben.

Gaddafis Sohn Mutassim macht den Truppen Mut

Danach spricht Mutassim Billah Gaddafi zu ihnen, Sohn Gaddafis und Oberstleutnant der Armee, der den Angriff auf Bengasi befehligte. Er trägt Uniform und Helm, steht auf dem Dach seines Wagens, etwa 20 Meter von Ashraf entfernt, und erzählt, dass alles in Ordnung sei, sie würden es schaffen, die Stadt zu befreien. Danach klettert er herunter und schüttelt die Hände seiner Offiziere. "Er hat uns Mut gemacht", sagt Ashraf.

Zu diesem Zeitpunkt machen in Bengasi Gerüchte die Runde: Die Kämpfer seien Söldner aus dem Tschad und aus dem Niger, hoch bezahlt mit 2000 Dollar am Tag, voll mit Viagra, um die Frauen der Feinde zu vergewaltigen. Vielleicht seien auch Libyer dabei, aber dann seien sie von der Angst getrieben, weil ihre Familien in Tripolis seien. Später hieß es, in den Panzern seien an Ketten gefesselte Panzerfahrer gefunden worden, die in ihren eigenen Maschinen erstickten.

So, wie es Ashraf jetzt erzählt, handelte es sich eher um einen unerfahrenen Haufen, der seit zwei Nächten nicht geschlafen hatte. Söldner aus dem Niger oder Tschad hatte Ashraf nirgendwo gesehen, nur die Tuareg-Kämpfer aus dem Südwesten des Landes seien mit ihnen gekommen. Ihm wurde zwar mehr Geld versprochen für den Einsatz, aber er bekam seinen üblichen Sold, 500 Dinar im Monat, etwas weniger als 300 Euro. Er wohnt noch bei seiner Familie, ein eigenes Haus oder eine Wohnung kann er sich nicht leisten.

Sie feuern aus ihren Kalaschnikows

Er erreicht Bengasi in den frühen Morgenstunden des 19. März, zwischen 7 und 8 Uhr, schätzt er. Bis dahin fahren sie durch Breda und Adschdabija, ohne aufgehalten zu werden, auf leeren Straßen und vorbei an zerschossenen Häusern.

Einen der letzten Wagen in der Kolonne fährt er. Deshalb hört er den Lärm des Krieges, bevor er ihn sieht. In seiner Erinnerung feuern zuerst die Panzer Gaddafis, dann schießen die Rebellen zurück. Danach steigen die Männer aus ihren Mitsubishis und feuern aus ihren Kalaschnikows auf die schemenhaften Gestalten, die irgendwann, irgendwo auf den Dächern auftauchten.

Wenn einer sein Magazin leergeschossen hat, übernimmt der Nächste aus dem Wagen, während man nachlädt. Das letzte Mal hatte Ashraf vor einem Jahr geschossen, bei einer Bodyguard-Übung in Tripolis. Diesmal war es keine Übung. Er lernt schnell, er macht einfach das, was alle vor ihm auch machen.

Den ganzen Tag geht er im Lärm von Dutzenden Panzern und Hunderten von Kalaschnikows voran. Langsam, Meter für Meter, zwischendurch fahren sie den Wagen nach. Es war ein einziger, langer Alptraum, sagt Ashraf. 60, 80, 100 Magazine? Er weiß es nicht mehr, verlor irgendwann das Gefühl für die Zeit.

Er kann sich an die Plastikflasche erinnern, auf der Kühlhaube des Wagens, in der das Wasser von den Detonationen vibrierte. Er kann sich an den Lauf seines Gewehrs erinnern, dass so heiß vom Schießen wurde, dass er es abkühlen ließ, weil er Angst hatte, dass die Kugel sonst im Lauf stecken bleibt oder das Rohr platzt. Er kann sich nicht daran erinnern, jemanden getroffen zu haben. Es ist ein Satz, den schon viele Soldaten vor ihm gesagt haben.

Auf einmal ist es taghell, Autos explodieren

Als es Nacht wird, hören sie auf zu schießen, sie können nichts erkennen, da die Nachtsichtgeräte nicht ausreichen. Nur die Panzer feuern weiter. Er ist sich sicher, dass sie die Stadt erobern werden. Sie waren bis jetzt nicht aufgehalten worden.

Irgendwann, nach 2 Uhr, 3 Uhr morgens steht er in Garjunis, einem Stadtteil im Süden von Bengasi unter einer Brücke. Auf einmal wird alles still. Die Panzer stoppen. Niemand schießt. Er bildet sich ein zu hören, wie die Kiefer seiner Kameraden mahlen, das weiß er noch, dann ein Rauschen, vielleicht von einem Flugzeug. Dann blitzt es um ihn.

Vorher hatten die Wolken den Vollmond verdeckt, es war so dunkel, dass er seine eigenen Füße nicht erkennen konnte. Doch auf einmal ist es taghell, dann kracht es. So laut, dass er eine Zeit lang taub ist, die Autos explodieren um ihn - manche, weil sie von einer Rakete getroffen wurden, andere, weil die Druckwelle sie auseinanderschleuderte.

Um ihn hört er wieder Schreie. "Wer bombardiert uns? Wer bombardiert uns?" Sind es die eigenen Leute, sind es die Rebellen? Ashraf versteht nicht, was passiert. Erst Tage später werden ihm seine Eltern zu Hause von der Nato erzählen. Eigentlich hätte er ein Held von Bengasi werden sollen, umjubelt von den Einwohnern, deren Stadt er vor den Terroristen gerettet hat. Jetzt schreit ein Offizier: "Rückzug, Rückzug!" Sie sollen die Lichter der Autos ausmachen. Er dreht sich um - und wird den Mann nie wieder sehen. Auch sein Freund Ismael Abdulati ist weg. Er hat einen der Munitionslaster bewacht.

Er findet ein Auto, nicht sein eigenes, der Zündschlüssel steckt noch. Es ist wieder dunkel, die Flucht ist chaotisch, sie fahren gegeneinander, gegen Betonblöcke, die die Rebellen auf die Straße gewuchtet haben. Er denkt, er muss sterben.

Um 7.13 Uhr geht an diesem Tag in Libyen die Sonne auf, dann ist er in Adschdabija. Brennende Panzer säumen seinen Weg, es ist die Nachhut, die er erst jetzt sieht. Ashraf schafft es zurück nach Ras Lanuf, in der Kaserne trifft er auf Tuareg-Kämpfer, er traut ihnen nicht. Sie sagen ihm, er soll niemandem verraten, dass sie in Bengasi gescheitert seien und hier warten. Ashraf bekommt Angst.

Die Rebellen, heißt es, sind voll mit Viagra

Was, wenn er jetzt Ärger bekommt? Was, wenn seine Truppe isoliert oder getötet wird, damit niemand erfährt, was in Bengasi passiert ist? Hier beginnt seine Flucht, die ihn erst in einem leeren Wassertank nach Slitan führt, einer Stadt in der Nähe Misuratas, und später in einem Armeetransporter zurück nach Tripolis.

Er schafft es, weil er seine Uniform ablegt und seine alten zivilen Klamotten wieder anzieht, weil er ein paar Freunde hat, und auch, weil der Rückzug nach den Angriffen der Nato so unorganisiert ist, dass die Armee einfach den Überblick verloren hat, welcher Soldat wo sein soll. So wie er hätten es viele aus seiner Truppe geschafft abzuhauen, meint Ashraf.

Er meldet sich kurz bei seiner Familie, dann schläft er alle zwei, drei Tage woanders, benutzt nicht das Telefon, auch keine SMS. Armeeangehörige fragen seine Familie, wo er sei. Sie sagen, er kam nicht zurück. Er hat Angst um sie. Als Tripolis fünf Monate später erobert wird, macht Ashraf nichts, außer Warten, vorsichtshalber.

Er hatte gehört, die Rebellen würden Frauen vergewaltigen und den Leuten ihr Geld stehlen. Sie seien voll mit Viagra und außerdem hoch bezahlt.