Kampfansage Kann Putin die Macht der Oligarchen beschneiden?
Moskau - Russlands neuer Präsident Wladimir Putin tritt ein schweres Erbe an: Die russische Wirtschaft kommt nicht in Gang, die Armut in der Bevölkerung wächst, Korruption und organisiertes Verbrechen sind allgegenwärtig. Kritiker bezweifeln, dass Putin all diese Probleme allein lösen kann. Das Machtimperium von Putins Vorgänger Boris Jelzin stützte sich zu einem großen Teil auf einflussreiche Industrielle und Geschäftsleute, die so genannten Oligarchen. Sie machten Jelzins Wiederwahl im Jahr 1996 möglich und wurden im Gegenzug großzügig von ihm bedacht. Putin beteuerte nun, er werde sich von den Oligarchen distanzieren. Kritiker bezweifeln, dass ihm dies gelingen wird.
Der Groß-Industrielle Boris Beresowski, enger Vertrauter Jelzins, glaubt nicht, dass Putin eine eigene Machtbasis aufbauen kann. "Als Politiker handelt Putin pragmatisch", erklärt Beresowski, der selbst zu den russischen Oligarchen gehört. Wie alle anderen Kandidaten für das höchste Amt Russlands habe Putin beteuert, die einflussreichen Wirtschaftsbosse von der Macht fern zu halten. Bei diesen Worten Putins handele es sich aber nur um Lippenbekenntnisse.
Auch der Politikexperte Andrej Pjontkowski ist angesichts Putins Ankündigung skeptisch. "In gewisser Weise ist Putin selbst ein Produkt der Oligarchen." Vor einigen Monaten sei Putin noch ein Niemand gewesen. Erst Jelzins so genannte Familie, sein engstes Umfeld, zu dem auch Beresowski gehört, und die anderen Oligarchen hätten Putin zu dem gemacht, der er heute sei.
Aus psychologischer Sicht sei es verständlich, dass Putins erster Impuls sei, sich von diesen Leuten zu distanzieren, erklärt Pjontkowski. Die Oligarchen würden sich dies jedoch nicht gefallen lassen und alle Register ziehen, um ihre Machtbeschneidung zu verhindern.
Der Strategie-Experte des russischen Unternehmens Nikoil, Eric Kraus, glaubt nicht, dass Putin ernsthaft gegen die Oligarchen vorgehen wird. Dies wäre extrem gefährlich, sagt Kraus. Dennoch werde Putin versuchen, eine gewisse Distanz zu ihnen zu schaffen.
Ausländische Investoren würden einen solchen Schritt begrüßen. Ihnen ist der wirtschaftliche und politische Einfluss einiger weniger Wirtschaftsgrößen nicht geheuer.
Der Aufstieg der Oligarchen begann im Jahr 1996, als Jelzin zum zweiten Mal für das Amt des russischen Präsidenten kandidierte. Die Industriellen befürchteten, Jelzin werde sich nicht gegen seinen kommunistischen Herausforderer Gennadij Sjuganow durchsetzen können, und finanzierten ihm eine Wahlkampagne, die Jelzin schließlich den Sieg bescherte. Danach forderten die Wirtschaftsbosse ihren Tribut. Sie wurden zu den größten Nutznießern der Privatisierungskampagne Jelzins und sicherten sich die Sahnestücke der russischen Industrie sowie der Medienlandschaft.
Beresowski zumindest scheint eine baldige Einschränkung seines Einflusses nicht zu befürchten. Jüngst erklärte er einer russischen Tageszeitung, er stehe regelmäßig mit Putin in telefonischem Kontakt. Putin habe sogar im vergangenen Jahr an der Geburtstagsfeier von Beresowskis Frau teilgenommen.
Anatolij Verbin