Kanzlerbesuch in China: Win-Win Schröder - DER SPIEGEL
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Kanzlerbesuch in China Win-Win Schröder

Gerhard Schröder wurde in Peking wie ein alter Bekannter begrüßt. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao sprach von einem "Familientreffen", der Kanzler redete viel von "Win-Win". Und bald wird noch mehr geschmust: Dann gibt es nämlich eine verschlüsselte Leitung direkt aus dem Kanzleramt nach Peking.
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Peking - Eginhard Vietz hat einen einfachen Grund, warum er mit dem Kanzler nach China fliegt. "Ich will ein Foto von mir und Wen Jiabao", sagt der deutsche Mittelständler. Das Souvenir von der Kanzlerreise ist nicht für seine Trophäenwand bestimmt. Er braucht es für seinen Job: Der Handshake mit dem chinesischen Ministerpräsidenten, auf Glanzpapier gebannt, wirkt Wunder bei Behörden und chinesischen Geschäftspartnern. "Die haben so einen Respekt, alles läuft dann wie geschmiert", sagt Vietz, der seit 18 Jahren im China-Geschäft ist.

Auch im neuen chinesischen Turbokapitalismus gibt der Staat den Ton an. In der Zwitterform der sozialistischen Marktwirtschaft haben es deutsche Großunternehmen, aber besonders die Mittelständler, schwer. "China ist groß, die Kompetenzen weit verteilt", sagt ein Unternehmer. Das ist einer der Gründe, warum der Kanzler zum sechsten Mal in sechs Jahren vorbeikommt - so oft wie kein anderer westlicher Politiker. "Ohne die Reisen bekämst du nie diese lebenswichtigen Kontakte", erklärt Vietz, dessen gleichnamige Firma Weltmarkführer für Geräte zum Pipeline-Bau ist.

Die Wirtschaftsdelegation ist zufrieden mit Schröder, der chinesische Ministerpräsident strahlt wie ein Honigkuchenpferd, überhaupt sind alle sehr zufrieden am ersten Tag dieser Reise. Das Wort des Tages ist "Win-Win-Situation", knapp gefolgt von "Joint Venture". Lufthansa, Georgsmarienhütte, DaimlerChrysler, die Firmennamen auf dem Programm wechseln, die Lobeshymnen bleiben die gleichen.

Schon am Flughafen empfangen den Kanzler die neuen Symbole Chinas: Dutzende von Baukränen säumen die Landebahn. Hier baut Star-Architekt Norman Foster das neue Terminal. Zu den Olympischen Spielen 2008 soll es fertig sein. Peking wächst rasant, und zwar in Ringen. In den letzten fünf Jahren hat sich die Stadt von vier auf sechs Ringe vergrößert.

In einem Gewerbegebiet im sechsten Ring liegt das Gelände des künftigen Mercedes-Werks. Stühle sind ordentlich aufgereiht, rote Banner hängen von den Wänden. Setzen möchte sich keiner, so eisig bläst der Wind. Schröder, der übernächtigt wirkt, wird mit einem Triumphmarsch empfangen. Er macht den ersten Spatenstich für das Werk, wo künftig die C- und E-Klasse vom Band rollen soll - die ersten Mercedes-Limousinen, die in China produziert werden. "Ein Meilenstein der Unternehmensgeschichte", sagt der Asien-Vorstand von DaimlerChrysler, Rüdiger Grube. Noch nie zuvor wurde die Luxusmarke laut Grube in einem Joint-Venture mit einer ausländischen Firma gefertigt. Doch in China passiert vieles zum ersten Mal.

Der Kanzler, dem jemand Blümchen ans Revers gesteckt hat, sitzt Probe in einer C-Klasse. Beim Aussteigen sagt er auf Englisch zu den herumstehenden Chinesen: "Das ist ein teures Auto. Kann ich mir nicht leisten." Niemand lacht. Macht aber nichts, denn Schröder ist schon wieder weg. Wegen eines Schneesturms auf der Reiseroute war die Kanzlermaschine drei Stunden zu spät gelandet, entsprechend gehetzt absolviert Schröder das Programm. Überall verteilt er Lob für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit, ein bisschen Win-Win, weiter geht's. Am Ende des Tages wird die Rekordzahl von 22 Verträgen und Absichtserklärungen unterzeichnet. Gesamtwert: 1,4 Milliarden Euro. Der mit Abstand größte Abschluss ist die Lieferung von 23 Airbus-Flugzeugen an Air China.

Den höchsten Symbolwert hat jedoch der erste Vertrag, der vor einem Gemälde der Großen Mauer unterzeichnet wird: Künftig soll eine verschlüsselte Telefonleitung vom Kanzleramt zum Telekommunikationsamt des Ministerpräsidenten führen. Ein direkter Draht zwischen Peking und Berlin - besser lässt sich Nähe nicht ausdrücken. Wen fühlt sich bei seinem Gespräch mit Schröder an ein "Familientreffen" erinnert, obwohl sich die beiden Abordnungen in der Großen Halle des Volkes wie üblich steif gegenüber sitzen. Als "wahr und produktiv" lobt Wen das deutsch-chinesische Verhältnis. Schröder schmeichelt zurück, die Beziehungen seien in einem "hervorragenden Zustand".

Nichts, nicht einmal Schröders kurzzeitige Erwähnung des Worts Menschenrechte, kann die Harmonie trüben. China unterstütze Deutschlands Begehren nach einer "aktiven Rolle" im Sicherheitsrat, erklärt Wen. Das freut Schröder, der einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat anstrebt. Im Gegenzug erklärt er, Deutschland unterstütze Chinas Wunsch nach Aufhebung des EU-Waffenembargos. Die Sanktionen waren nach dem Tiananmen-Massaker vor 15 Jahren verhängt worden. Schröder, der dies schon seit längerem fordert, wendet sich damit erneut gegen einen Beschluss des Bundestags. Eine Entscheidung über das Embargo werde aber voraussichtlich nicht auf der nächsten Tagung des EU-Rats fallen, verlautet es aus Regierungskreisen. Insbesondere die skandinavischen Länder und Großbritannien haben noch Vorbehalte.

Nichts Neues also an der politischen Front. Um den Vorwurf zu kontern, sein Interesse an China sei rein wirtschaftlich motiviert, macht Schröder zum Abschluss des Tages noch zwei kulturelle Abstecher ins Nationalmuseum und eine Kunstgalerie. Er beschwert sich, dass man ihm die Wirtschaftsorientierung vorwerfe. "Ich frage mich, wieso nur?", sagt er. Wirtschaft sei schließlich nicht gering zu schätzen, sondern "Ausdruck eines richtig verstandenen Patriotismus". Am Ende gewännen alle, China, Deutschland, Unternehmen, Arbeiter. Win-Win eben.