Karadzic Letzte Zuflucht Belgrad?
Die Verfolger waren nah dran. Mitte Januar dachten die Soldaten der Stabilisierungstruppe in Bosnien (Sfor) den gesuchten Radovan Karadzic endlich in der Serbenhochburg Pale erwischt zu haben. Doch der frühere Präsident der bosnischen Serbenrepublik Srpska - laut Anklage einer der schlimmsten Kriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg - hatte seinen Arztbesuch schon hinter sich. Die Häscher waren zwei Stunden zu spät.
Seit fast neun Jahren konnten sich Karadzic und sein berüchtigter General Mladic immer wieder dem Zugriff entziehen - oft in letzter Minute: Mal entwischte der studierte Psychiater Karadzic seinen Verfolgern nach einem Kirchgang, dann nach einem Besuch seiner Mutter in Montenegro. Mladic hingegen erschien einfach nicht zu der Beerdigung seiner Mutter, bei der die Sfor auf ihn gewartet hatte.
Dabei ist ein Fahndungserfolg überfällig: Karadzic und Mladic wurden bereits 1995 wegen des Vorwurfs des Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995 angeklagt.
Die beiden Gesuchten setzten ihre politischen Ziele rücksichtslos mit Massenmord um: Sie "reinigten" die serbischen Gebiete Bosniens von Muslimen und waren 1995 für das Massaker an mindestens 8000 Männern in der Uno-Schutzzone Srebrenica verantwortlich. Insgesamt starben in dem Krieg 200.000 Zivilisten.
"Belgrad ist ein sicherer Hafen"
Die Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, Carla del Ponte, hatte kürzlich prophezeit, dass der mittlerweile 58-Jahre alte Karadzic noch in diesem Jahr verhaftet wird - allerdings hatte sie das auch schon 2002 und 2003 behauptet.
Nun sagt del Ponte, die Mladic und Karadzic würden sich "gut beschützt" in Belgrad verstecken. Insgesamt würden 15 angeklagte Kriegsverbrecher den Schutz des "offiziellen" Belgrads genießen und seien in der 1,6-Millionen-Stadt untergetaucht. "Belgrad ist ein sicherer Hafen für Flüchtlinge", sagte del Ponte. Sie berief sich bei ihren Informationen auf zuverlässige Quellen.
Doch die serbische Regierung wies ihre Behauptung umgehend zurück. Derartige Beschuldigungen kämen seit Jahren von ihr, nie aber habe sie ausreichende Beweise liefern können, sagte Ministerpräsident Zoran Zivkovic. Lapidar fügte er hinzu, die serbischen Staatsorgane hätten keine Kenntnisse über die Aufenthaltsorte der beiden.
Der Chef der Radikalen Partei, Tomislav Nikolic, mokierte sich offen über del Pontes Behauptung. Er sagte, die US-freundliche serbische Regierung würde nicht einen Moment mit der Festnahme zögern, wenn sie tatsächlich wüsste, wo Karadzic steckt: "Warum nennt sie uns nicht die Adresse? Wie kann man prüfen, ob er sich hier versteckt? Sie könnte auch sagen, er ist in London."
Doch ganz ausgeschlossen ist del Pontes These nicht: Karadzic könnte sich heute in Serbien sicherer fühlen als zur Regierungszeit des im vergangenen März ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjic. Der hatte den jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic an das Uno-Gericht ausgeliefert.
Abermals forderte del Ponte nun die Europäische Union, die USA und Russland auf, Druck auf Serbien und Bosnien auszuüben, die Kriegsverbrecher endlich auszuliefern.
Das wiedererwachte Interesse der USA
Besonders in den USA stellt sich seitdem die Frage, warum die Ergreifung der Beiden in dem kleinen Gebiet so viel schwieriger sein soll als die Saddam Husseins im großen Irak. Welch ein schönes Propaganda-Bild wäre es doch, die beiden in Handschellen vorführen zu können.
Tatsächlich zeigt das wiedererwachte Interesse der USA an den Kriegsverbrechern Wirkung: Drei Vertraute von Karadzic wurden in den vergangenen Wochen verhaftet. Und einer von ihnen soll in Vernehmungen umfangreich über Karadzic-Fluchtwege und Helfer ausgesagt haben.
Mit der Unterstützung der Amerikaner legt die internationale Bosnien-Verwaltung nun auch das finanzielle Umfeld des Gesuchten trocken: Kürzlich ließ sie die Konten von zehn Personen einfrieren, die Karadzic unterstützt haben sollen. Auf der von den Amerikanern erstellten schwarzen Liste ist auch der Name des früheren bosnisch-serbischen Präsidenten Mirko Sarovic, der bis Montag auch noch Vize-Chef der von Karadzic gegründeten Serbisch Demokratischen Partei SDS war.
Doch obwohl sich die Schlinge langsam zuzieht, werden Karadzic und Mladic nicht nur nach Ansicht von del Ponte von ihren Landsleuten gedeckt. Je länger ihre Flucht dauert, umso mehr werden sie in Serbien und im bosnischen Serbengebiet als Helden verehrt.
Denn obwohl die USA und Bosnien sieben Millionen Dollar auf Karadzics Ergreifung ausgesetzt sind, scheinen sich die Seilschaften ihrer alten Gefolgsleute noch besser auszuzahlen. Denn die sind heute "Geschäftsleute" - oder bei der Polizei. Keine besonders gute Voraussetzung für eine Ergreifung.