Kaschmir Der beklemmende Frieden
Hamburg - Auf dem Kricketplatz von Muzzafarabad werden die Opfer aufgebahrt, die man in den Dörfern am Nhelum-Fluß und dem wild schäumenden Karaganda geborgen hat. Eigentlich ist hier eine traumverloren schöne Welt aus weißem Sand, den die Ströme aus dem Himalaja herab tragen, umgeben von Tannen und überspannt von einem dunkelblauen Himmel.
Seit der Teilung des Subkontinents im Jahr 1947 ist der Status des alten Fürstenstaats Kaschmir umstritten. Muslimische Kämpfer eroberten damals den heute "Azad Kaschmir" (freies Kaschmir) genannten Teil, während sich Indien den Osten mit Srinagar als Hauptstadt sicherte. Seit den achtziger Jahren wurde in Kaschmir wieder gekämpft. Rebellen und die indische Armee lieferten sich erbitterte Scharmützel, die bisher 60.000 Todesopfer forderten. Der Konflikt weitete sich bis auf die eisigen Höhen des Siachen-Gletschers aus, den sowohl Pakistan als auch Indien für sich beanspruchen.
Seit dem Frühsommer dieses Jahres hat sich die politische Lage aber stark entspannt: Nur mit einem Frieden in Kaschmir sind die verfeindeten Großmächte in der Lage, ihre Volkswirtschaften weiterhin auf Wachstumskurs zu halten und die Armut in ihren Ländern zu bekämpfen. Als praktische Geste der Aussöhnung wurde vereinbart, Omnibusse zwischen Srinagar, der schönen Metropole des indischen Kaschmir, und Muzzafarabad verkehren zu lassen - und so erstmals die Waffenstillstandslinie zwischen den beiden Landesteilen durchgängig zu machen.
Auch für den Siachen-Gletscher, der im Osten die Grenze zu China markiert, zeichnet sich nun eine Lösung ab. Pakistan ist angeblich bereit, Indien die streng geheime Position seiner Truppen am Siachen bekannt zu geben - worauf Indien mit einem teilweisen Abzug seiner Gebirgseinheiten reagieren könnte.
Noch 1999 lieferten sich Pakistan und Indien einen erbitterten Krieg um die Grate und Gipfel im Siachen-Gebiet. Pakistan hatte sogar seine Atomraketen startbereit gemacht. Viele Dörfer an der Grenze sind durch die jahrelangen Auseinandersetzungen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Lehmgebäude mit ihren Dächern aus Blech, wiesen Einschusslöcher auf und waren zum Teil eingestürzt.
Nun hat das Erdbeben fast alles von dem zerstört, was die beiden Kontrahenten Indien und Pakistan friedlich zusammenbringen wollten. Darin liegt wohl die größte und bitterste Ironie dieser Katastrophe.