Kenia: Der blutige Terror der Mungiki - DER SPIEGEL
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Kenia Der blutige Terror der Mungiki

Mitglieder einer radikalen Kikuyu-Sekte verbreiten in Kenia Angst und Schrecken, machen Jagd auf die Angehörigen anderer Ethnien. Ein Teil der Gruppe hat sich auf die Seite der Regierung geschlagen. SPIEGEL ONLINE sprach mit Führern der Sekte.
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Pater Daniel Moschetti ist ein frommer Mann - und ein sehr mutiger Mann. Seit 1992 lebt er in einer der gewalttätigsten Gegenden Nairobis, im Slum von Korogocho. Doch Pater Moschetti hat gelernt, mit Entbehrungen zu leben, schließlich will er den Armen zu Gott helfen. Er lebt also unter sehr einfachen Bedingungen, in einer kleinen Hütte, an deren Außenwand jemand in Kisuaheli die Parole "Menschen für den Frieden in Korogocho" gepinselt hat: "Watu wa Amani wa Korogocho".

Die italienischen Missionare, die sich hier um Pater Moschetti scharen, wissen offenbar, was sie tun. Sie kennen die Stammeskämpfe zwischen Luos und Kikuyus, die regelmäßig durch das Elendsviertel toben. Sie kennen auch ihre Nachbarn, und sie kennen die Gewalt, die zu Korogocho gehört wie der Gestank des gigantischen Müllbergs in der Nähe.

Misstrauen und Gewalt in den Wellblechhütten

Pater Moschetti hatte dennoch eigentlich nie richtig Angst gehabt in Korogocho. Doch das sollte sich in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 2007 ändern. Es war der zweite Tag nach den Präsidentschaftswahlen. Langsam dämmerte den Menschen, dass etwas faul war im Staate. Noch immer wurden Wahlergebnisse zurückgehalten. Wahlkommissare verschwanden spurlos. Präsident Kibaki, der gerade noch hoffnungslos hinter seinem Herausforderer Raila Odinga zurückgelegen hatte, holte in Rekordgeschwindigkeit auf. Langsam fraßen sich Misstrauen und die Gewalt durch die Wellblechhüttensiedlungen.

Pater Daniel, den sie überall in Korogocho nur Father Dan nennen, kam an diesem Abend etwas zu spät nach Hause. Er tastete sich vorsichtig durch die staubige Siedlung. Es ist nachts dunkel in Korogocho. In solchen Vierteln gibt es keine Straßenbeleuchtung. Schon kurz vor seiner Hütte wurde Moschetti von einer Menschenmenge gestoppt. Es waren viele junge Männer. Sie hatten sich auf einem kleinen Platz zusammengerottet, und sie trugen Macheten und Messer. Father Dan wußte, dass das kein gutes Zeichen war. Er suchte den Blickkontakt, er suchte bekannte Gesichter, er wollte reden. Doch er erkannte niemanden an diesem Abend, er blickte nur in starre Augen. "Father", sagte einer, "don't call the police", rufen Sie nicht die Polizei. Moschetti verstand das als Warnung. "Wir ziehen los, um zu töten." Dann verschwanden die Männer in der Dunkelheit.

Geheimnisumwitterte und gewalttätige Sekte

"Es dauerte keine Stunde", sagt Danile Moschetti, "da hörten wir die Schreie. Es waren die Schreie von Frauen und Kindern. Und wir wussten, dass sie wahrmachten, was sie angekündigt hatten." Acht Stunden dauerte der Blutrausch, ohne dass die Polizei eingegriffen hätte. Mindestens sieben Menschen starben in jener Nacht, unzählige wurden verletzt und vergewaltigt. Moschetti hat keine Zweifel, wem er gegenübergestanden hatte: Es waren Mitglieder der geheimnisumwitterten und gewalttätigen Kikuyusekte "Mungiki", einer mafiösen Truppe, die sich durch Schutzgelderpressung finanziert und glaubt, Gott habe den Kikuyus das Recht gegeben, Kenia alleine zu regieren.

Es sind Leute, "die ihre Opfer zu foltern und zu köpfen pflegen" ("Neue Zürcher Zeitung"). Abtrünnigen droht der Tod. Mungikiführer Kamau Wangoe behauptet gegenüber SPIEGEL ONLINE, daß auch Uhuru Kenyatta, der Sohn des Staatsgründers Jomo Kenyatta, Mungiki-Mitglied ist.

Vor einem halben Jahr noch war die kenianische Polizei mit brutaler Gewalt gegen die Mungiki vorgegangen. Ganze Slums wie Mathare und Korogocho waren abgeriegelt, Mungiki regelrecht hingerichtet worden. Man hatte damals sogar eigens zu diesem Zweck eine Sondereinheit gegründet, die sogenannten "Kwe Kwe squads", die zwischen 500 und 800 Mungiki auf dem Gewissen haben sollen. Es herrschte Krieg zwischen dem Staat mit seinem Kikuyu-Präsidenten und den ungeliebten Radikalen aus den Slums.

"Wir sind neutral", beteuert der Schatzmeister

Mittlerweile scheint sich das Verhältnis aber wieder verbessert zu haben. Mungiki machten in Nakuru ungehindert Jagd auf Angehörige anderer Ethnien, hauptsächlich Luos und Kalenjin; sie blockierten den Highway zwischen Nairobi und Eldoret; sie zwangen Frauen in Naivasha aus öffentlichen Verkehrsmitteln und befahlen ihnen, sich afrikanisch-sittsam mit Röcken statt mit Jeans zu bekleiden. Ein Kleiderkodex ist ebenfalls Bestandteil ihrer kruden Ideologie. Als Kenias Volksgruppen begannen, sich zu bekriegen, ist offenbar zumindest ein Teil der Sekte ins Regierungslager umgeschwenkt. Dafür soll Geld geflossen sein, und es wurden Waffen geliefert.

"Wir sind neutral", beteuert Mungiki-Schatzmeister Godwin Kamau Wangoe dennoch. Er trägt kurzgeschnittenes Haar, ein gebügeltes graues Shirt und eine dicke Uhr. Wangoe bestätigt, dass sich Kenias berüchtigter Sicherheitsminister Michuki nach Ausbruch der Unruhen mit den Mungiki getroffen habe: "Er erzählte, dass wir Kikuyu jetzt alle zusammenhalten müssten und einen gemeinsamen Kampf führten." Nach Wangoes Angaben hätten die Mungiki daraufhin jedoch Forderungen gestellt, auf die die Regierung nicht eingegangen sei: die Freilassung ihrer Anführer aus dem Gefängnis in Naivasha zum Beispiel und die Bildung einer Kommission, welche die an den Mungiki verübten Verbrechen aufklären soll.

"Wenn es zum Krieg kommt, ist alles anders"

Nach Angaben von Wangoe sollen sich später auch Vertreter der Oppositionspartei ODM an die Mungiki gewandt haben, namentlich erwähnt er den ODM-Scharfmacher Willam Ruto. Der habe an die Schwierigkeiten der Mungiki mit Kibakis Regierung und an Gemeinsamkeiten wie den Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit erinnert.

Mittlerweile wird immer deutlicher, dass sich die Mungiki in zwei Lager gespalten haben. Das eine verhält sich weitgehend still. Es verachtet die Mount-Kenya-Mafia des Präsidenten wegen ihrer Dekadenz und hebt die proletarischen Wurzeln der Sekte hervor. Ein anderer Flügel hat sich jedoch offenbar auf die Seite einflussreicher Kikuyu-Politker geschlagen und erledigt deren "dirty jobs". Ihm scheint der gemeinsame Kampf der Kikuyus gegen Kenias andere Ethnien heilig.

Die Mungiki-Führung in Nakuru verhält sich nach eigenen Angaben noch abwartend, was angesichts der dort verübten Grausamkeiten äußerst zweifelhaft erscheint. Der lokale Mungiki-Anführer Joe Waiganjo zu SPIEGEL ONLINE: "Wir haben mit dieser Regierung nichts zu tun, viele unserer Anhänger haben sogar die Opposition gewählt, wir sind eine Bewegung der Armen gegen die Dekadenten." Doch Waiganjo sagt auch: "Wenn es hier in einem Jahr zum Krieg kommen sollte, ist alles anders. Dann sind wir alle Kikuyus, und dann werden wir kämpfen."