Kenia Die Logik der Rache
Chebilat - Die Frontlinie verläuft mitten durch das Örtchen Chebilat. Es ist die asphaltierte Hauptstraße, die Kisii mit Sotik verbindet. Wer von Westen kommt, findet folgende ethnisch-politische Geographie vor: Auf der linken Seite der Straße herrschen die Kisii, die zu den Bantuvölkern gerechnet werden; die rechte gehört den Kipsigis Niloten, die zur Gruppe der Kalenjin gehören. Die Bantu waren früher einmal überwiegend Ackerbauern, die Niloten nomadische Viehhirten. Links beginnt die Rift-Valley-Provinz und rechts Nyanza. Die Leute links im Dorf, heißt es, hätten mehrheitlich für Präsident Kibaki gestimmt und die rechts für Raila Odinga, den Oppositionsführer. Die Frontlinie erkennt man an den Rauchwolken, die kilometerweit schon von dem Unglück künden, das über Chebilat hereingebrochen ist. Dann stößt der Reisende auf eine Straßensperre.
Heute kontrollieren die Kisii die Strecke. Sie schwenken Macheten und Keulen und winken mit Pfeil und Bogen. Aus einem Bus voller verängstigter Grenzgänger ergaunern sie sich ein Päckchen Spaghetti. Nervös schnüren nebenan die letzten Dörfler ihre Bündel. Sie wollen fort, so schnell wie möglich. Seit Tagen nämlich wird in Chebilat gekämpft. Wie viele Tote diese archaischen Auseinandersetzungen bislang gefordert haben, ist nicht bekannt. Allein am vergangenen Samstag waren es zehn. Hunderte von Häusern sind bereits in Flammen aufgegangen, an diesem Morgen kam der Marktplatz an die Reihe. Etwas verstohlen kommen ein paar Jugendliche mit verräterischen Kerosinflaschen um die Ecke, hinter ihnen steht schwarzer Rauch.
"Dort drüben", sagt ein junger Mann, der sich Jim nennt, "hocken unsere Feinde und bereiten einen Angriff vor." Dann zeigt er hinüber zum Qualm: "Sie haben den Krieg begonnen. Seitdem sind wir auf uns allein gestellt. Niemand kommt, uns zu beschützen." Tatsächlich sind die rund zehn martialischen Sonderpolizisten der berüchtigten "General Service Unit" lediglich damit beschäftigt, Flüchtlinge aus dem brennenden Ort hinaus zu eskortieren. Um die Straßensperren, die Rowdies, die Waffen, kümmern sie sich nicht.
Ein tödlicher Kreislauf
Vielleicht zweihundert Meter weiter gibt es einen Hügel. Unter einer Akazie sitzen rund 50 Kipsegis-Krieger im Schatten. Sie tragen Pfeil und Bogen, einige wenige haben Macheten dabei. Gerade hält ihr Anführer eine Ansprache. Im Vergleich zu den Hitzköpfen auf der Straße wirken die jungen Männer diszipliniert. "Wir kämpfen für die Gerechtigkeit", sagt Sheik Omar, ein bärtiger Alter, "man hat uns den Wahlsieg gestohlen, und nun wurde auch noch unser Abgeordneter David Too ermordet." David Too, der nur wenige Tage zuvor in Eldoret erschossen worden war, gehörte ebenfalls zur Gruppe der Kipsegis. Sein Wahlkreis liegt etwas weiter nördlich. Seit seinem Tod ist die Stimmung im Rift Valley explosiv. Die Kipsegis haben Rache geschworen. Sie sind in den Krieg gezogen.
Natürlich sagt Sheik Omar, die andere Seite hätte diese Auseinandersetzungen begonnen. Natürlich behaupten die Kisii von der Straße das Gegenteil. Doch mittlerweile geht es kaum noch um das Verursacherprinzip. Ein tödlicher Kreislauf ist in Gang gesetzt und hat, ähnlich wie auf dem Balkan, alte Konflikte wiederaufleben lassen. Es herrscht das Prinzip der Blutrache, und es geht auch um Landbesitz. Mit jeder vertriebenen Familie wächst der Besitz der Vertreiber so die tödliche, doch kurzsichtige Logik hinter dem Gemetzel.
Sheik Omars Version geht so: In der letzten Woche hätten die Kipsegis einen Friedensmarsch durch das Dorf gemacht. Der sei aber ziemlich pietätlos von den verfeindeten Kisii gestört worden. Die Kisii hätten Steine geworfen und Häuser in Brand gesetzt. Menschen seien verbrannt, Frauen hätten in Todesangst geschrien. Die Kisii seien zudem Kibaki-Anhänger und verfügten über eine eigene Miliz, die Chinkorogo. Sie seien Büttel der Herrschenden und müssten verschwinden aus dem Gebiet der Kipsegis.
Was nun passiert? Sheik Omar zögert nicht mit seiner Antwort: "Wir werden uns rächen."
"Wir werden uns rächen"
Die Version des Kisii-Manns Jim geht so: Die Kispegis hätten begonnen, die Kisii zu vertreiben, indem sie die Nachbarn überfallen und deren Häuser in Brand gesetzt hätten. Sie benutzten den politischen Konflikt lediglich als Vorwand. In Wahrheit sei es nämlich so, dass die Kipsegis vor langer Zeit, vielleicht in den sechziger oder siebziger Jahren, Land an die Kisii jenseits der Grenze verkauft hätten, und nun vertrieben sie kurzerhand die "Kibaki-Kisii", um ihr Land umsonst zurückzubekommen und es zum zweiten Mal verkaufen zu können. In ihrer Haltung zu Präsident Kibaki seien die Kisii in Wirklichkeit gespalten. Von den zehn Abgeordneten, die die Kisii ins kenianische Parlament gewählt hätten, gehörten genau fünf der Opposition an und fünf der Regierung.
Was nun passiert? Auch Jim hat seine Antwort sofort parat: "Wir werden uns rächen." Die Wahrheit in Chebilat herauszufinden, ist mittlerweile fast unmöglich. Jeder hat seine Version. Jeder hat seine Toten. Und die Polizei scheint nicht in der Lage oder willens, die Konflikte zu lösen. Sie schaut bloß zu, wie ganze Landstriche entvölkert werden. Es geht alttestamentarisch zu im Großen Grabenbruch, wo einst die Wiege der Menschheit gestanden haben soll: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Kibakis Wahlfälschung hat einen Steppenbrand entfacht. Natürlich: "Der Diebstahl einer Wahl hat keine Probleme geschaffen, wo früher keine waren", schreibt der peruanische Schriftsteller Alvaro Vargas Llosa in einem lesenswerten Essay für das Independent Institute aus den USA ("A Crime Against All Africans") über Kenias Krise. Doch "der kenianische Herrscher folgte der schlimmsten Tradition afrikanischer Politik der vergangenen fünfzig Jahre. Nach dem Trauma des Kolonialismus hat ein afrikanischer Führer nach dem anderen eher tyrannische Kleptokratien eingeführt als die Herrschaft des Gesetzes". Vargas trauriges Fazit: "Mit einem einzigen Streich hat Kibaki es geschafft, dass Kenia nicht besser aussieht als die meisten anderen korrupten und gewalttätigen afrikanischen Staaten."