Kolumbien Protokoll einer Befreiung
1. Juni 2008: Als General Mario Montoya am Morgen in der Kommandantur der Streitkräfte Besuch von drei Geheimdienstlern erhält, steht eigentlich eine kartographische Überprüfung der Truppenbewegungen der fünften Division auf der Tagesordnung. Stattdessen bekommt Montoya ein anderes Papier zu Gesicht. Es handelt sich um das "Drehbuch" der geplanten Operation "Schach" mit der die ehemalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, drei US-amerikanische Geiseln sowie elf kolumbianische Militärs aus ihrer jahrelangen Dschungelhaft befreit werden sollen. Im Gepäck haben die Besucher an diesem Sonntagmorgen nicht nur einen genauen Plan für die Operation, sondern auch die neuesten Informationen der V-Männer, die in die Kreise der "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) eingeschleust wurden.
General Montoya hört sich den Plan der Geheimdienstler aufmerksam an und entscheidet, dass noch am gleichen Tag die Vorbereitung der Rettungsaktion, die alle Beteiligten rund vier Wochen später in die Wildnis von Guaviara führen wird, beginnen.
"Obwohl sich der Vorschlag abwegig anhörte und wir ihn Tag und Nacht mehrmals analysierten, hatten wir keinen Zweifel daran, dass der Plan funktionieren würde", sagt einer der ausführenden Geheimdienstler, dessen Namen "El Tiempo" nicht nennt. "Aber nun hing es nicht mehr von uns ab. Das letzte Wort hatte der Präsident."
Am Nachmittag des gleichen Tages bittet Montoya den Kommandanten der nationalen Streitkräfte, General Freddy Padilla De Leon, zum Gespräch und eröffnet ihm den Plan. Padilla De León stimmt dem Vorhaben zu. Damit sind beide Führungskräfte der kolumbianischen Armee involviert. Padilla De León präsentiert ihn wenig später dem kolumbianischen Verteidigungsminister Juan Manuel Santos.
"Von diesem Moment haben wir bestimmte Regeln für die folgenden Vorbereitungstreffen aufgestellt. Die Vorbesprechungen fanden stets an anderen Orten statt. Die Lautstärkeregler der Fernseher und Radiogeräte stellten wir auf volle Lautstärke, die Handy schalteten wir aus, damit wir nicht abgehört werden konnten."
4. bis 20. Juni: Damit kein Verdacht geschöpft werden kann, treffen sich die hochrangigen Militärs, Geheimdienstler und Politiker jeweils am Rande von drei militärischen Zeremonien, die zwischen dem 4. und 20. Juni stattfinden. "Auch unsere Reihen hätten infiltriert werden können", erläutert der Geheimdienstler diese Praxis.
9. Juni: Die Meldung eines V-Mannes trifft ein, dass die Möglichkeit besteht, die bislang getrennt voneinander bewachten Geiseln könnten zu einer Gruppe zusammengelegt werden.
Die Planer entscheiden, das für die "Operation Schach" 13 Personen nötig sind. Vier Besatzungsmitglieder für den Hubschrauber, fünf angebliche Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, ein Arzt, ein Sanitäter und eine zwei angebliche Journalisten (ein Kameramann und ein Reporter).
Für die "Befreier" werden eigens Jacken hergestellt, die sie entsprechend ihrer angeblichen Aufgaben identifizieren sollen. In Guaviare trifft derweil ein V-Mann im Lager von Betancourt-Bewacher "Cesar" ein, um ihm einen angeblichen Befehl von FARC-Chef Alfonso Cano zu übergeben. Bei dem V-Mann handelt es sich um den gleichen Botschafter, der zuvor schon andere Nachrichten übermittelt hat. Von diesem V-Mann, der vorgibt zwischen FARC-Chef Cano und "Cesar" zu pendeln, erhält der Betancourt-Bewacher fortan die angeblichen Instruktionen der FARC-Führung. "Cesar" glaubt nun, die Zusammenlegung der Geiseln sei ein Ergebnis eines humanitären Abkommens.
Die Operationsleitung legt fest, dass die Mehrheit der Teilnehmer Geheimdienstler sein werden und dass es an Bord des Hubschrauber keine Waffen geben soll, damit im Falle einer Kontrolle durch die Guerilla der Plan nicht in letzter Minute aufliegen kann. "Wir waren nur bewaffnet mit moralischen Werten und dem Glauben", sagt der Geheimdienstler pathetisch.
Währenddessen wird in Bogota das Personal für Operation endgültig zusammengestellt. Ein Militärarzt übernimmt die Rolle des Arztes und eine Agentin die Rolle der Krankenschwester. Bei der Frau soll es sich um eine der besten Geheimdienstlerinnen des Landes handeln.
27. Juni: Die heiße und letzte Phase der Vorbereitung beginnt. Zuletzt werden die besten Piloten der Armee für die Besatzung des Hubschraubers ausgewählt.
30. Juni: Es ist Feiertag in Kolumbien. Zwei Tage vor der spektakulären Befreiungsaktion treffen sich die beiden Generäle Padilla und Montoya nochmals mit Verteidigungsminister Santos, um den Plan ein letztes Mal durchzusprechen. Das Trio gibt die Order aus, den Hubschrauber weiß zu streichen.
1. Juli: Die 13 teilnehmenden Mitglieder der "Operation Schach" diskutieren noch einmal jeden Punkt des bevorstehenden Szenarios: Angesprochen werden der Moment der Landung, das erste Aufeinandertreffen mit Betancourt-Bewacher "Cesar" und seinen Männern, die Positionen, die im Hubschrauber eingenommen werden müssen, wie mit den Geiseln ohne jedwede emotionale Regung zu sprechen sei, und wie es zu vermeiden ist, dass die Guerilla den Plan doch noch durchschauen kann.
"Bis zuletzt waren Zweifel da, dass die Guerilla vielleicht doch gewarnt worden sei", sagt der Geheimdienstler. Es gibt Befürchtungen, dass die Guerilla nur darauf warte, dass der Hubschrauber lande, um die Befreier angreifen zu können.
Am Dienstag, 1. Juli, um fünf Uhr morgens entscheidet sich die Operationsleitung, dass "D Day" gekommen sei. Am darauffolgenden Mittwoch soll die Aktion über die Bühne gehen.
Der Kommandant der Streitkräfte reist zum Hauptquartier der Operation zwischen Villavicencio und San Jose del Guaviara. Im Morgengrauen trifft er sich mit den Mitgliedern der Operation und zitiert aus der Bibel: "Sie wissen, dass dies eine Reise ohne Rückkehr sein kann. Gehen wir mit der heiligen Jungfrau und den Engeln."
2. Juli: Tag der Operation Schach
Der Hubschrauber fliegt ab, jetzt muss und soll alles ganz schnell gehen. "Wir hatten laut Plan eigentlich nur sieben Minuten Zeit", sagt der Geheimdienstler. Doch der Zeitplan gerät aus den Fugen: "Allein das an Bord gehen und das Gespräch mit Cesar habe 22 Minuten gedauert." Die Nerven aller Beteiligten sind zum Zerreißen gespannt. Einige Geiseln versuchen den vermeintlichen Journalisten Informationen zu zurufen. "Es waren endlos lange Minuten."
Um das Vertrauen der Guerilla nicht zu verlieren, tragen zwei der Befreier T-Shirts des Freiheitskämpfers "Che Guevara". Dann klappt die Tür des Hubschraubers zu, die beiden überraschten Guerilleros werden neutralisiert. "Wir sind die nationalen Streitkräfte. Sie sind frei", ruft der Kommandant.
"Jetzt waren die Geiseln endlich frei und ich glaube, wir waren es auch."