Kommentar Clintons Gipfel-Knall
Moskau - Vorrangiges Ziel der Kurzvisite im ramponierten Ostflügel des europäischen Hauses: Dem US-Wahlbürger zu demonstrieren, dass auch in diesem Teil der Welt "freedom and democracy", ausgesät in acht Clinton-Jahren, inzwischen gut eingewurzelt sind. Und alsbald reiche Ernte erwarten lassen, wenn Washington auf Demokraten-Kurs bleibt und Al Gore ins Weiße Haus einziehen darf.
"Kukly" (Puppen), die satirische Sonntagsabend-Sendung der privaten Fernseh-Station NTW, hatte im russischen Reich rechtzeitig für ironische Einstimmung auf den Gipfel gesorgt. Dort traf ein aufgeräumter weltmännischer Clinton auf einen verkrampften Kreml-Herrn, der sich partout nicht von seiner früheren Profession lösen konnte und verzweifelt überlegte, wie der amerikanische Gast wohl am besten zu kompromittieren und für geheimdienstliche Zusammenarbeit zu gewinnen wäre. Und verstört von einem Gehilfen vernehmen musste, dass an dieser unsichtbaren Front schon eine Agentin namens Lewinsky kläglich versagt habe.
Im realen Ertrag blieb der Besuch nur wenig hinter dieser parodistischen Vorahnung zurück: Putin, so ist bekannt, ärgerte die NTW-Gummipuppe mit seinem Antlitz. Clinton dagegen fand sein Konterfei "komisch" und versprach, sich eine Videokassette mit dem Beitrag zu erbitten.
Putins Staatsschützer und Steuerpolizisten umstellten unlängst Büros der Mediengruppe Most, zu der auch NTW gehört, wie Banditennester und scheuchten Angestellte mit Maschinenpistolen aus ihren Büros. Clinton dagegen ließ sich demonstrativ zur Radiostation "Echo Moskwy", einer weiteren Most-Tochter, chauffieren, um dort mit Hörern und Moderatoren über Gott und die Welt, vor allem jedoch über Pressefreiheit zu debattieren. "Wenn es Ihnen hier nicht frei genug zugeht", riet Bill Clinton seinem Auditorium, "dann rate ich Ihnen, sich Amerika als Beispiel zu nehmen und die 200-jährige Geschichte unseres Landes zu studieren."
Die Botschaft selbst ist nicht neu. Doch der Zeitpunkt ihrer neuerlichen Verkündung war selten so geschickt gewählt: Exakt jener Moment, zu dem jedenfalls in Konturen erkennbar wird, wie weit Putins Pläne zur Restaurierung sowjetischer Machtmechanismen in Wahrheit reichen.
Doch Herrschaft durch Angst mittels Befehl und Gehorsam bei Ausschaltung kritischer Ein- und Widerreden lässt sich nur wieder herstellen, wenn zuvor die Gorbatschowsche Großtat namens Glasnost geächtet würde. Die Amerikaner haben das aus ihrer Distanz deutlicher und früher erkannt als manche potenzielle Putin-Partner in London, Berlin und Rom. Und mögen sich nicht zufrieden geben mit der bequemen Devise: Hauptsache, es kehrt wieder Ordnung ein in Russland - egal welche.
Clintons Warnung vor abermaliger Knebelung der öffentlichen Meinung über die Wellen der wenigen russischen Oppositionsmedien war der eigentliche Gipfel-Knall - und sie verheißt wohl eher Kontroversen an diesem Frontabschnitt als scheinfriedliche Augenwischerei.
Dass die Botschaft indessen überhaupt und an diesem Ort ausgesprochen werden konnte, zeigt zugleich auf angenehmste Weise Moskaus Schwäche. Oder andersherum: Den Verfall jener abscheulichen Stärke, mit der vor noch nicht 20 Jahren Putins großes Vorbild Jurij Andropow einen US-Präsidenten Ronald Reagan aus dem Lande gelacht hätte, wenn der sich für sein Besuchsprogramm einen öffentlichen Auftritt mit dem verbannten Bürgerrechtler Sacharow bestellt hätte.
Um Jazz im Kreml zu hören, ein Abkommen über die Vernichtung von 34 Tonnen russischen Plutoniums und ein paar weitere laue Absichtserklärungen ökonomischer und sicherheitspolitischer Art zu erreichen, hätte der scheidende US-Präsident den Abstecher von Berlin nach Moskau nicht machen müssen. Doch die Predigt für Medienfreiheit des von den Medien heftig Gebeutelten mag lange nachhallen - und sich für den politischen Neuling Putin von ähnlicher Brisanz erweisen wie vor einem viertel Jahrhundert der ominöse "Korb 3" von Helsinki für Leonid Breschnew und die Sowjetunion.