Kommentar Der unkontrollierbare Alliierte
Die US-Militärs haben ihren Dienst getan. Mit Bombenteppichen und Spezialkräften erreichte die Weltmacht, was die Nordallianz allein jahrelang erfolglos versuchte: Mit atemberaubender Geschwindigkeit überrollen die Kämpfer in diesen Stunden Afghanistan. Panzer fahren durch die Straßen Kabuls, die Taliban flüchteten bei Nacht und Nebel. Die Nordallianz nimmt das als uneinnehmbar geltende Afghanistan im Sturm. Schon in kurzer Zeit wollen sie auch die Taliban-Hochburg Kandahar stürmen.
Eigentlich müsste also alles in bester Ordnung sein. Doch schon vor dem Sturm auf Kabul ließen George Bush und seine Generäle zum ersten Mal in den mittlerweile sechs Kriegswochen Zweifel erkennen. Die Nordallianz solle vor der Einnahme Kabuls doch noch warten, hieß es bei Pentagon-Pressekonferenzen. Und auch der sonst uneingeschränkt solidarische deutsche Außenminister Joschka Fischer mahnte schon vor der Einnahme Kabuls vor einer vorschnellen Machtübernahme durch die Nordallianz. Die zukünftige Regierung Afghanistans müsse multiethnisch sein, mahnte Fischer.
Die Zweifel waren berechtigt. Kaum sind Masar-i-Scharif und Kabul eingenommen, zeigt sich, wie die Kämpfer der Nordallianz ihren Sieg feiern. Taliban-Anhänger werden massakriert, die Horden der ausgehungerten Kämpfer ziehen plündernd durch die Straßen. Die enthemmte Soldateska rasiert Männern die Bärte ab und fesselt sie auf der Straße für die Schaulustigen. Überraschen tut das nicht. Denn dass der ohnehin als skrupelloser Schlächter bekannte General Dostam in Masar-i-Scharif noch einige Rechungen offen hatte, war bekannt. Aus seinen vorher als friedliebend, schlecht ausgerüstet dargestellten Freiheitskämpfern wurden so in wenigen Tagen echte Kriegsherren und brutale Sieger.
In Afghanistan gilt die Regel eines jeden Krieges: Ein Verbündeter ist so lange ein Freund, wie er Vorteile mitbringt. Nach dem nahen Sieg über die Taliban haben die USA der Nordallianz da nicht mehr all zu viel anzubieten. Waffen haben die Kämpfer mittlerweile genug und Macht obendrein. Und warum sollten die Krieger nach jahrelangem, zehrenden Kampf jetzt plötzlich wieder auf einen anderen hören? Noch dazu, wenn es ein Ungläubiger aus dem fernen Westen ist? Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges haben die diversen Kommandeure nun erst mal ihre Hierarchie zu ordnen. Einmischung von außen stört da nur.
Doch nicht nur wegen der erschreckenden Bilder von den Lynchmorden stellt sich die Frage, was eigentlich hat der Krieg für die USA und ihre Alliierten bisher gebracht? Die Nordallianz-Truppen haben die Hauptstadt Kabul eingenommen, eine zerstörte Stadt. Bald werden sie auch Kandahar stürmen, die Hochburg der Taliban. Doch die Gotteskrieger sind noch lange nicht besiegt, sie haben sich längst in die Berge zurückgezogen und bereiten in aller Ruhe den Guerilla-Kampf vor. Für den Kampf gegen einen übermächtigen Feind haben sie im Krieg gegen die Sowjets reichlich Erfahrung gesammelt: Kleine Angriffe, Hinterhalte und Bombenattacken werden ihre Mittel bleiben - zur Not über Jahre und Jahrzehnte.
Und auch von ihrem Hauptziel ist die internationale Koalition gegen den Terror weit entfernt. Denn von dem vermeintlichen Terror-Drahtzieher Osama Bin Laden fehlt weiterhin jede Spur. Und die wird man weder in Kabul noch in Kandahar finden, auch wenn jeder Stein umgedreht wird. Ohne einen Überläufer aus den Taliban-Reihen wird das auch so bleiben. Solange Bin Laden noch eine Hand voll Kämpfer hat, wird ihn auch eine noch so übermächtige Nordallianz nicht finden oder besiegen, und auch die High-Tech-gestützten Amerikaner werden sich schwer tun.
Aus diesem Grund kann Bin Laden die Lage absolut gelassen sehen. Die Amerikaner sollen die Städte ruhig einnehmen, ließ er noch kürzlich über einen pakistanischen Reporter mitteilen. Der Heilige Krieg gehe trotzdem weiter, stellte der meistgesuchte Mann der Welt trocken fest. Der Sturm der Nordallianz ändere daran nichts. Am liebsten, so ließ er durchblicken, würde er die US-Truppen bald in Afghanistan einmarschieren sehen. In alter Manier, so seine Vorstellung, könne er sie dann auseinander nehmen, wie er es beim Krieg gegen die Sowjets gelernt hat.
Ob es so kommt, vermag niemand zu sagen. Doch ohne eigene Truppen am Boden werden die Amerikaner ihren Hauptfeind kaum finden. Und ohne Kräfte von außen werden sie die außer Kontrolle geratenen Nordallianz-Kämpfer nicht wieder auf Kurs bringen, um ein stabiles Afghanistan zu schaffen. Die Lage ist vertrackt, aber genau davor hatten alle Kenner der Region von vornherein gewarnt.
Jetzt hilft offenbar nur noch eins: Die Uno muss mit Blauhelmen nach Kabul, um die Hauptstadt zu sichern und die alten Rivalitäten im multiethnischen Afghanistan im Zaum zu halten. Und schleunigst muss eine Übergangsregierung gebildet werden, damit die Kämpfer der Nordallianz nicht auch die politische Macht übernehmen wie schon Anfang der neunziger Jahre. Beides muss jetzt sehr schnell gehen. Dass es ohne dies nicht gehen werde, war hingegen schon lange klar.