Kommentar Rinderwahn ist heilsam
Die europäischen Fleischmärkte melden Umsatzeinbußen bis zu 25 Prozent, die Verbraucher bekommen in den Restaurants keine Markklößchensuppe mehr, und es wird Tiermehl hergestellt mit dem Zweck, es in Zementfabriken zu verfeuern. Die EU-Agrarminister treten wieder einmal an, um den Irrsinn in Gesetze zu fassen.
Sie können gar nicht anders. Der Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft stammt aus einer Zeit, als alle noch an den großen Hunger aus den letzten Kriegstagen dachten. In seinem Artikel 39 steht deshalb ausdrücklich: "Ziel der gemeinsamen Agrarpolitik ist es, die Produktivität der Landwirtschaft ... zu steigern." Von Qualität ist da keine Rede, von Verbrauchersicherheit auch nicht, sondern von Verbrauchsförderung und Mindestpreisen.
Es ist nur zu verständlich, dass die Bauernlobby in den vergangenen Jahrzehnten für ihre Mitgliedsorganisationen abgesahnt hat, was die Brüsseler Kassen hergaben. Noch immer werden rund zwei Drittel der EU-Mittel in die Landwirtschaft gepumpt. Die Tabakbauern bekommen Geld für ihre Produktion, und wir leisten uns zugleich millionenschwere EU-Anti-Raucher-Kampagnen. Die Zuckerrübenbauern erhalten Zuschüsse, doch die EU finanziert außerdem Rohrzuckerimporte, damit die dritte Welt etwas verdienen kann.
Dieses System ist nicht mehr zeitgemäß. Eine EU, die das Fressen und seine Erzeugung in den Mittelpunkt ihrer Politik stellt, muss renoviert werden.
Die Verbraucher haben frühere Skandale wie Hormondoping in Kuhställen und Dioxin im Hühnerfutter hingenommen und weitergegessen. Jetzt scheint ihre Geduld zu Ende zu sein. Sie begreifen, dass gesunde Ernährung nicht in Supermärkten zu haben ist, deren Lebensmittelabteilungen Schnäppchenpreise anbieten.
Die einst von der Agrarlobby verlachten und vergessenen Ökobauern müssen im EU-Gefüge vom Sperrsitz in die erste Reihe rücken. Landwirte, die sich als Landschaftsschützer verstehen, verdienen mehr Respekt. Wer fabrikmäßig Tiere hält, sollte aufgeben und einsehen müssen, dass er keinen Gewinn mehr macht, wenn er seinen Betrieb jetzt einfach in ein Land außerhalb der EU verlegt.
Auf dem EU-Gipfel in Nizza wollen die Staats- und Regierungschefs auch über solche Veränderungen nachdenken. Kann ganz schön heilsam sein, der Rinderwahn.