Kommentar: Sieg der Angst - DER SPIEGEL
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Kommentar Sieg der Angst

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Israel hat einen neuen Premierminister. Mit mehr als 60 Prozent der Stimmen triumphierte der Likud-Vormann Ariel Scharon, auf den noch vor drei Monaten selbst keiner seiner Parteifreunde etwas gegeben hätte, vernichtend über den einstigen Hoffnungsträger Ehud Barak. Doch gewonnen hat nicht der massige Hardliner, dem ungestillter Appetit auf Krieg nachgesagt wird, sondern die Angst der Israelis um ihre tägliche Sicherheit und die Zukunft ihres Staates.

Ein Jahr lang hatten die Israelis mit dem vom General zur Friedenstaube gewandelten Barak von einer romantischen Aussöhnung mit den Palästinensern geträumt. Man besuchte arabische Lokale in der Altstadt, klopfte seinen palästinensischen Arbeitern freundlich auf die Schulter, fuhr in palästinensische Städte für Einkaufs-Schnäppchen. Die Sehnsucht, endlich wenigstens ein Stückchen näher an europäische Verhältnisse zu rücken, war so groß, dass Barak in Camp David selbst über eine Teilung Jerusalems verhandeln konnte, ohne einen Volksaufstand auszulösen. Hätte Arafat damals eingeschlagen, die Israelis hätten ihm großzügige Brautgeschenke gemacht.

Doch das Angebot war nicht ausreichend für die Palästinenser, die für nichts Geringeres als ihr "historisches Recht" auf vollständige Rückgabe der besetzten Gebiete, die Hälfte Jerusalems und die Rückkehr ihrer Flüchtlinge von 1948 zum Abschluss bereit sind. Und wenn ihnen dies die Israelis nicht freiwillig geben wollen, dann eben mit Gewalt. So begann die Intifada. Seitdem vergraben sich Israelis und Palästinenser in immer tieferem gegenseitigen Hass. Die Mehrzahl der Israelis wünscht inzwischen eine strikte Trennung von den Palästinensern.

400 Menschen starben, meist Palästinenser, die als "Märtyrer" für Palästina gefeiert werden. Für ihre Toten und die Abriegelung ihre Städte und Dörfer rächen sich die Intifada-Kämpfer inzwischen mit mehreren Anschlägen pro Woche. Mal wird ein Siedler am Steuer seines Wagens erschossen, mal zwei Tel Aviver Yuppies hingerichtet, die den Fehler machten, in einem palästinensischen Lokal essen zu wollen. Selbst ihr so mächtiges Militär, das beginnt den Israelis zu dämmern, kann den Kampf gegen eine Selbstmord-Guerilla nicht gewinnen. Das hat ihre Existenzangst und das Gefühl der tiefen Schutzlosigkeit weiter verstärkt.

Scharon ist die Antwort der Israelis auf die Intifada. Sie erwarten nicht, dass er Krieg führt gegen die Palästinenser. Er weiß das und setzte in seinem schwammigen Wahlkampf deshalb vor allem auf das Wort "Frieden". Die Wähler des eisernen Generals a.D. wollen, dass er die Zügel in die Hand nimmt und den Palästinensern durch eine entschlossene, weniger freigiebige und wankelmütige Haltung als Barak Einhalt gebietet. Der höchstdekorierte Soldat Barak erwies sich als Enttäuschung - ein guter Mensch, aber ein schlechter Politiker, ein lausiger Führer und ein miserabler Kommunikator. Selbst viele Linke brachten es nicht über sich, dem Gescheiterten mit ihrer Stimme noch einmal eine Chance zu geben.

Nun starrt das israelische Friedenslager geschockt auf die Extremisten und ultraorthodoxen Rabbis, die sich um den neuen Star aus Israels Vergangenheit scharen. Das Gesicht Israels wird sich unter Scharon verändern. Statt dem "Neuen Nahen Osten", von dem Schimon Peres träumte, herrscht jetzt eine "neue Realität" in Nahost, wie Scharons Leute bereits warnend verkünden.

Zwar steht der neue Premier unter großem Druck, endlich die Gewalt einzudämmen. Gleichzeitig muss er der internationalen Gemeinschaft Beweise seiner behaupteten Gutwilligkeit bringen, um den Rückfall Israels in die internationale Isolation wie unter Benjamin Netanjahu zu vermeiden. Doch seine Position ist so unkomfortabel nicht. Kampfhubschrauber, Bomben und Killerkommandos schickte auch schon Ehud Barak gegen Palästina aus, so dass ähnliche Reaktionen noch nicht einmal als Scharon-Exzesse gelten könnten. Und er hat einen großen Trumpf: Sein Image ist so schlecht, dass die kleinste Geste schon wie ein großes Zugeständnis wirkte. Allein ein Treffen mit Arafat erschiene international als Durchbruch.

Für die Palästinenser beginnt, wie Chefunterhändler Sajib Erekat in der Wahlnacht einräumte, "eine harte Zeit". Und Ariel Scharon, im Libanon-Krieg aus dem Amt gejagt, hat die Rolle seines Lebens.

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