Politik und Privatleben Verbotene Liebe
Israels Premier Netanjahu mit Söhnen Avner und Jair (hinten): "Nationale Verantwortung" zeigen
Foto: Uriel Sinai/ AP/dpaSchon gehört? Der Sohn der norwegischen Ministerpräsidentin Erna Solberg hat sich in eine Jüdin verliebt! Und die Politikerin plaudert das auch noch stolz gegenüber der israelischen Presse aus, als wäre nichts dabei!
Das sehen, weiß Gott, nicht alle Politiker in Norwegen so. Pastor Nils Nilsson, Vorsitzender der Protestantischen Fortschrittspartei und Abgeordneter im Parlament von Oslo, zeigt sich empört. Solberg müsse auch in ihrer eigenen Familie "nationale Verantwortung" beweisen und ihren Sohn davon abhalten, sich mit nichtarischen Frauen anzufreunden. Die "Thor"-Bewegung kritisierte im Internet, dass die Ministerpräsidentin die "Zerstörung des norwegischen Volkes legitimiere", indem sie sich auch noch froh über die verfehlte Partnerwahl ihres Sprosses zeigte.
Nein, bevor nun irgendjemand auf die Barrikaden geht und sich über Antisemitismus und Rassismus empört, hier das Geständnis: Die Geschichte stimmt nicht; Frau Solberg ist zwar verheiratet, aber kinderlos. Und eine öffentliche Reaktion von Politikern und Gesellschaftsgruppen in Oslo in der beschriebenen Art wäre wohl undenkbar.
Wäre in keinem auch nur einigermaßen liberalen Land denkbar.
Allerdings ist richtig: Der Sohn des israelischen Premiers hat sich in eine Norwegerin verliebt. Benjamin Netanjahu hat die Liaison von Jair Netanjahu, 23, mit Sandra Leikanger, 25, aus Grimstad vor zwei Wochen bei einem Staatsbesuch selbst öffentlich gemacht. Die junge Dame studiert derzeit am Interdisziplinären Zentrum in Herzlija, einer Privatuniversität; er forscht an der Hebräischen Universität. Sie machten gemeinsam Urlaub.
Nicht alle sind meschugge geworden
Jetzt allerdings verlangt Rabbi Nissim Zeev, der Parlamentsabgeordnete der ultraorthodoxen Shas-Partei - sie errang 2013 fast neun Prozent der Stimmen - die Trennung der jungen Menschen genau mit dem obigen Wortlaut, Netanjahu müsse "nationale Verantwortung" zeigen, seinen Sohn zur Vernunft bringen. Und auch das Zitat des jüdischen Interessenverbandes "Lehava" ist seitenverkehrt aufs Wort korrekt: Lehava kämpft gegen die "Assimilation im Heiligen Land" und kritisiert, Israels Premier "legitimiere die Zerstörung des Volkes". Ein etwaiges Kind des gemischtrassigen Paares könne ja gar nicht jüdisch sein, dazu bedürfe es einer jüdischen Mutter.
Und der Schwager des Premiers setzte noch eins drauf. In einem Interview erklärte Chagai Ben-Artz: "Jair Netanjahu sollte wissen, dass er, wenn er die Beziehung nicht abbricht, auf das Grab seines Großvaters spuckt."
Dass der junge Mann allzu sehr in Richtung Liberalität abdriftet, ist dabei gar nicht einmal zu befürchten: Terror habe "eine Religion, und die heißt Islam", sagte er kürzlich, und er hoffe, dass es "niemals einen palästinensischen Staat geben" werde. Warum Vater Benjamin Netanjahu, sonst stets bemüht, auch den Radikalen zu gefallen, sich freiwillig mit seiner Freude über die Norwegerin so exponiert hat, lässt sich nur vermuten. Vielleicht liegt es daran, dass die zweite Frau des heutigen Premiers selbst eine aus Großbritannien stammende Protestantin war. Sie konvertierte zum Judentum, was der Ehe allerdings wenig half: Nach drei Jahren ließen sich die beiden scheiden.
Vorgestern überraschte dann eine neue Entwicklung die Menschen zwischen Tromsø und Tel Aviv: Vater Netanjahu erklärt, sein Sohn sei gar nicht mit Fräulein Sandra aus dem fremden Norden zusammen, jedenfalls nicht so richtig: Die beiden seien nur durchs Studium platonisch-freundschaftlich verbunden. Ein erzwungenes Ende einer verbotenen Liebe? Ein nichtjüdischer Enkel im Haus Netanjahu abgewendet?
Es spricht für Israel, dass nicht alle meschugge geworden sind. Die Großzahl der Menschen im jüdischen Staat mit seinen arabischstämmigen Mitbürgern verfolgt die Debatte mit Kopfschütteln. Und auch mit ein wenig Scham.