Kommentar Volksrevolution - nur wo?
Endlich! Milosevic ist weg, das Volk hat gesiegt. Welch schöner Tag für Belgrad. Hunderttausende auf den Straßen. Das ganze Land im Freudentaumel.
Erinnerungen an 1989 werden wach, ans Jahr der Wende ohne Ende. Das sagen die Fernsehbilder. Sie sagen: Jetzt wiederholt sich in Belgrad die Geschichte von Leipzig und Prag," vielleicht auch von Bukarest. Annus mirabilis 2000? Nein, Belgrad ist - leider - kein Leipzig, kein Prag, kein Bukarest.
Dort riefen die Menschen damals "Freiheit", "Aufbruch", "Europa". Ganz anders in Belgrad. Dort heißen die Schlagworte "Ehre", "Stärke", "Serbien". Vojislav Kostunica, der neue Hoffnungsträger der Massen, nutzte den Abend der Revolte am vorigen Donnerstag, um vom Balkon des Parlamentes zu verkünden: "Serbien wird wieder groß." Das war sein Begrüßungssatz. Was dann folgte war nicht viel besser, es war Nationalismus pur.
Sicher, Kostunica konnte nur über den Diktator Milosevic siegen, weil er um Sympathien im gesamten Wählerspektrum gebuhlt hatte, nicht nur bei den demokratisch Gesinnten, sondern auch im nationalistischen Lager und unter Milosevic-Verehrern. Dass der neugekürte Serbenführer das Nato-Bombardement auf Jugoslawien verurteilte, war zu verstehen, schließlich ließen sich - realistisch betrachtet - mit gegenteiligen Parolen keine Wählerstimmen einholen.
Für alle gesellschaftlichen Schichten den kleinsten gemeinsamen Nenner anzubieten, das ist Kostunica gelungen. Kostunica verkörpert jene Anti-Haltung gegen alles und jedes, die sich in der Bevölkerung nach über zehn Jahren Milosevic-Herrschaft und fast ebenso lang andauernden westlichen Handelssanktionen breit gemacht hat.
Aber jetzt, nach der geglückten Revolte, stehen große Aufgaben bevor. Belgrad muss den Aufbruch in Richtung Europa wagen, die Integration in die atlantischen Strukturen wollen, das zentralistische System föderalisieren, Minderheitenrechte verwirklichen, marode Staatsbetriebe schließen, westliches Kapital ins Land lassen. Und noch vieles mehr, um die Menschen von ihren Kriegstrauma zu befreien, vom kollegialen Minderwertigkeitsgefühl, die Ausgestoßenen in Europa zu sein.
Doch was machen Kostunica und seine Polit-Kumpanen? Sie begnügen sich damit, dass Milosevic verschwunden ist und ihnen das politische Feld kampflos überließ, samt Massenmedien und Parlament. Ein bisschen wenig, würden die Menschen in Leipzig, Prag oder Bukarest sagen und ihre neuen Herren gleich wieder verjagen. Vielleicht wachen auch die Menschen in Belgrad noch auf und rufen zur echten Rebellion.