Das Chaos dauerte bis morgens um vier. Stundenlang mussten viele Italiener sich vor den Wahllokalen drängen, ehe sie ihre Stimme abgeben konnten. Die Folge waren Nervenzusammenbrüche und Herzinfarkte, Streit und offene Rebellion: Als am Sonntagabend um 22 Uhr der Zugang zu den Urnen versperrt werden sollte, wie es das Gesetz vorsieht, wurden in Rom, Neapel und anderen Städten die empörten Wähler handgreiflich und erzwangen ihr Abstimmungsrecht bis in die frühen Morgenstunden.
Während Zigtausende noch wählten, strahlten die Fernsehanstalten tapfer Prognosen auf dünnster Basis aus, die sich permanent änderten und das Durcheinander komplettierten. Eine peinliche Nacht für Italien. Gewiss, auch andere Nationen sorgten mit unerwarteter Unfähigkeit schon für globale Heiterkeit. Die Stimmenauszählung in Florida bei Amerikas jüngster Präsidentenkür war ein Highlight der Comedy-Branche. Aber da lag es an der Rechenschwäche und musealen Technik einer US-Südstaaten-Provinz.
In Italien ging es im ganzen Land schief, in Sizilien wie in Mailand. Und die Regierung selbst hatte mit unsinnigen politischen Entscheidungen das Drama ausgelöst. So wurde die Zahl der Wahllokale im Vergleich zu 1996 um ein Drittel verringert. Musste damals jeder Wähler drei Zettel ausfüllen, waren es an diesem Sonntag aber vier, in manchen Regionen auch fünf. Denn neben den Parlamentswahlen gab es Regional- und Kommunalentscheidungen. Die Wahlscheine sind kompliziert und schwer verständlich. Ein Viertelstündchen braucht man, um sie auszufüllen.
Die italienische Bürokratie, schon im Normalfall eher afrikanisch als europäisch, hatte die Sache zusätzlich kompliziert, indem sie neue Wahlausweise für die Stimmabgabe verordnete, aber leider nicht allen Wählern rechtzeitig zustellte. So gab es zum Wahl- ein Ausweischaos: Wüten und Weinen auch hier.
An emotionalen Ausbrüchen dürfte es in Italien auch in den kommenden Wochen nicht fehlen. Spätestens dann, wenn der stolze Sieger, Medienzar und Multimilliardär Silvio Berlusconi, seine Wahlversprechen einsammeln muss, könnte die Enttäuschung groß werden. Dramatische Steuersenkungen für alle, tausend Mark mehr im Monat für fast jeden zweiten Rentner, gigantische Eisenbahn- und Straßenbauprojekte, das alles zusammen ist gar nicht zu finanzieren.
Es sei denn, Berlusconi will die Schuldenspirale wieder andrehen. Das aber hätte negative Konsequenzen für die Stabilität des ohnehin kränklichen Euro und riefe die EU-Partner auf den Plan. Ein "Wunder" hat Silvio Berlusconi den Italienern versprochen. Die haben ihn mehrheitlich gewählt - nun warten sie auf das Wunder. Sie werden sich, womöglich, noch wundern.