Frieden im Ostkongo: Stille Nacht in Goma
Neuer Frieden im Ostkongo Weihnachtsmarkt am Kivu-Strand
Kaum jemand war unterwegs, letztes Jahr. Der Gottesdienst am Heiligen Abend fiel aus. Zu unsicher waren die Straßen, zu groß war das Chaos in der Stadt. Simon Masasu deutet zum Fenster: Auch hier, direkt vor dem Pfarrhaus, fielen Schüsse.
Masasu ist Priester in Goma und Gisenyi, zwei aneinander grenzenden Städten; Goma im Westen gehört zum Kongo, Gisenyi zu Ruanda. Das Pfarrhaus steht weniger als vierhundert Meter von der Grenze entfernt. Seit mehr als 15 Jahren lebt, arbeitet und predigt Simon Masasu hier.
Mindestens genauso lange wühlt ein Konflikt die Region schon auf. Seit Jahren kämpfen Rebellen und Uno-Soldaten um die Macht. Mit mehr als fünf Millionen Toten ist es einer der blutigsten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg.
Vor einem Jahr liefen die Spannungen auf einen Höhepunkt zu, als die M-23-Rebellen die Stadt Goma einnahmen. Weihnachten 2012 herrschten Angst, Unsicherheit und Gewalt in Goma und Gisenyi.
Frieden scheint möglich
Weihnachten 2013 herrschen Hoffnung und Zuversicht: Die M-23-Rebellen legen die Waffen nieder, zum ersten Mal seit langem scheint Frieden möglich zu sein. In den Tagen vor Weihnachten ziehen Jugendliche aus Simon Masasus Kirchengemeinde von Haus zu Haus, um die Menschen auf Weihnachten einzustimmen. Im vergangenen Jahr war niemand unterwegs, dieses Jahr machen hundert Kinder und Jugendliche mit, erzählt Pfarrer Masasu.
"Vor einem Jahr haben wir für Frieden in unserer Region gebetet", sagt er. In diesem Jahr wollen sie für jeden Einzelnen beten. "Nur wer Frieden für sich selbst gefunden hat, kann Frieden geben."
Etwa dreißig verschiedene Rebellengruppen sind in der Region Ostkongo, Ruanda und Uganda aktiv. Seit Jahren versuchen Soldaten der kongolesischen Armee und Blauhelme der Vereinten Nationen, die Region zu stabilisieren. Obwohl Monusco mit 20.000 Mitarbeitern die größte und teuerste Uno-Mission der Welt ist, blieben Erfolge lange aus.
Erst in den vergangenen Wochen begannen sich die Machtverhältnisse zu ändern. Beobachter sagen, dafür gebe es vor allem drei Gründe:
- Im Frühjahr wurde das Mandat der Mission erweitert, Blauhelme dürfen jetzt aktiv Rebellen bekämpfen. Afrikanische Länder haben außerdem eine schlagkräftige Eingreiftruppe geschickt.
- Der diplomatische Druck auf Ruanda wurde verstärkt. Die Regierung in Kigali soll Rebellen im Nachbarland Kongo unterstützen. Mehrere Länder haben deshalb Entwicklungshilfegelder für Ruanda eingefroren.
- M 23 war bereits geschwächt. Es entstanden Fraktionen innerhalb der Bewegung, im Frühjahr stellte sich Bosco Ntaganda, einer der Anführer, freiwillig und wartet nun in Den Haag, bis ihm vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Prozess gemacht wird.
Vor gut einem Jahr hatte M 23 noch Goma erobert, Anfang November dieses Jahres erklärte die Gruppe, die Waffen niederlegen zu wollen. Vor rund einer Woche wurde eine Friedenserklärung mit der kongolesischen Regierung unterzeichnet.
Untergruppen von M 23 sind zwar wohl noch immer aktiv und sollen Kämpfer in Ruanda rekrutieren. Auch eine vor kurzem gestartete Offensive gegen die zweite Rebellengruppe, die FDLR, verläuft zäher als gegen M 23. Trotzdem sind Politiker und Militärs optimistisch: "In einer Region, die so viel Leid gesehen hat, ist dies ein wichtiger, positiver Schritt in die richtige Richtung", kommentierte Russ Feingold, der US-Sondergesandte für die Region, die Kapitulation der M-23-Rebellen.
Auch die Menschen in Goma und Gisenyi hoffen auf Frieden in der Region. Normalität soll einkehren, wünschen sie sich auf beiden Seiten der Grenze. In Gisenyi bauen Männer Zelte und Bühnen auf. Am Strand des Kivu-Sees findet in diesem Jahr wieder eine Art Weihnachtsmarkt statt. Unternehmen aus der Region präsentieren ihre Produkte, ein Bäcker verkauft süße Teigtaschen, daneben entsteht eine Bühne für abendliche Live-Musik. Vor einem Jahr wurde am Strand geschossen, jetzt schlendern - unter den Augen von Soldaten - Menschen zwischen den Zelten.
Ein Stückchen weiter bei La Petite Barrière, wie der Grenzübergang zwischen dem Kongo und Ruanda genannt wird, fließen die Menschenströme in beide Richtungen. Ruandische Frauen schleppen Körbe und Taschen nach Goma, wo sie ihre Ware verkaufen. Kongolesen kommen für Geschäfte nach Gisenyi.
Vor gut einem Jahr verlief der Strom vor allem in eine Richtung: vom Kongo nach Ruanda. In anderthalb Jahren hat M 23 etwa 800.000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Viele kamen von Goma nach Gisenyi. In Pfarrer Simon Masasus Gemeinde haben einige von ihnen Schutz gesucht. Jetzt kehren manche zum ersten Mal zurück.