Korea-Krise: Tunnelgräber, Kidnapper, Killer - DER SPIEGEL
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Korea-Krise: Permanente Provokationen

Foto: BPA Andrea Bienert/Imzbw/ picture-alliance/ dpa

Korea-Krise Tunnelgräber, Kidnapper, Killer

Bizarre Propaganda und ein Tunnel des Terrors: Die Grenze zwischen den beiden Koreas ist einer der gefährlichsten, einer der merkwürdigsten Orte der Welt. Es ist ein Tummelplatz der Agenten und Provokateure, denn der Krieg zwischen Nord und Süd wurde formal nie beendet. Er geht im Geheimen weiter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Korea-Krieges

Irgendwo, zwischen Bäumen, Wiesen und Feldern, verläuft er - der 38. Breitengrad und gleichzeitig jene legendäre Linie zwischen Süd- und Nordkorea, welche die Uno 1953 als Grenze zwischen den verfeindeten Heeren des festlegte.

Ein Friedensabkommen existiert bislang nicht, formal befinden sich beide Koreas noch im Krieg.

Im Dunst ist die nordkoreanische Stadt Kaesong mit ihrer Sonderwirtschaftszone zu sehen, in der südkoreanische Firmen mit fast 40.000 nordkoreanischen Arbeitern Waren produzieren. Auf der neuen Straße dorthin ist bis auf ein paar südkoreanischer Militärlaster kein Auto zu entdecken.

"Wir lassen Lastwagen nur alle Stunde im Konvoi durch", sagt ein Feldwebel, der von einer Beobachtungsplattform Richtung Norden starrt. An einer Mauer steht das Motto seiner Truppe: "Stolz und Vertrauen." In der Ferne sind die zwei riesigen Fahnenmasten Nord- und Südkoreas zu erkennen.

Südkorea

Alles geht bislang seinen normalen Gang hier auf der südkoreanischen Seite der Demarkationslinie. Rote Busse kutschieren Touristen, viele davon aus China, an Kasernen, Kirchen und Reisfeldern vorbei zu den Sehenswürdigkeiten dieses merkwürdigen Ortes, zum Beispiel zum sogenannten Tunnel Nr. 3, den die Nordkoreaner 1978 gruben, um den Süden zu infiltrieren. Wäre er nicht entdeckt worden, hätten 30.000 Soldaten in einer Stunde unterirdisch nach geschmuggelt werden können.

Ein Bähnlein transportiert die Besucher in die Tiefe, dann geht es leicht gebückt zu Fuß ein paar hundert Meter weiter Richtung Norden, bis zu einer Mauer. Die Nordkoreaner streiten bis heute ab, den Tunnel gebohrt zu haben.

Einer der gefährlichsten Orte der Welt

Sogar Plakate mit den Kandidaten der Provinzwahlen hängen an einer Straßenkreuzung der demilitarisierten Zone. Und am Startpunkt der Touren können Koreaner Karussell fahren oder sich in einer Schaukel in die Luft schwingen lassen.

Seitdem ein nordkoreanisches U-Boot am 26. März die südkoreanische Korvette "Cheonan" mit einem Torpedo versenkte und 46 Seeleute in die Tiefe riss, ist die Demarkationslinie - wieder einmal - zu einem der gefährlichsten Orte der Welt geworden.

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Nordkorea-Südkorea: Säbelrasseln im Streit um die Korvette "Cheonan"

Foto: A2800 epa KCNA / dpa

Die drei Staats- und Regierungschefs Chinas, Japans und Südkorea haben am Wochenende auf der Insel Jeju versucht, die Krise zu entschärfen. Allerdings gelang es dem südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak nicht, den chinesischen Premierminister Wen Jiabao auf seine Seite zu ziehen. Peking weigert sich nach wie vor, Nordkorea offen zu verurteilen. Es benötige mehr Zeit, um die von Seoul vorgelegten Untersuchungsergebnisse zu überprüfen, hieß es.

"Die dringende Aufgabe für den Moment lautet, die durch den 'Cheonan'-Zwischenfall verursachten ernsthaften Auswirkungen zu bewältigen, die Spannungen schrittweise zu entschärfen und mögliche Konflikte zu verhindern", erklärte Wen.

Kim Jong Il

Der Grund für die Zurückhaltung: China ist Nordkoreas treuester Verbündeter, es will verhindern, dass sich Herrscher und seine Militärs in die Ecke gedrängt fühlen und die Krise eskalieren lassen.

Beziehungen geprägt von Mord- und Totschlag

Sie wissen, wie gefährlich die Lage ist, denn seit dem Waffenstillstand sind die Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea geprägt von Mord und Totschlag, die koreanische Halbinsel ist eine Welt der Agenten und Provokateure, der Tunnelbauer, Killer und Kidnapper.

Immer wieder versuchten nordkoreanische Agenten und Soldaten, jenseits der Demarkationslinie Unheil anzurichten. Im Januar 1968 drangen 31 Mann sogar bis in die Nähe des Blauen Hauses, dem Regierungssitz in Seoul, vor, wo sie der südkoreanischen Führung den Garaus machen wollten.

Kim, der sich neuerdings "General" und nicht mehr "Lieber Führer" nennen lässt, ließ Dutzende, vielleicht sogar Hunderte, von Japanern und Südkoreanern in sein Reich entführen. Neun Terroristen der japanischen Rote Armee Fraktion gewährte er Unterschlupf.

1982 vereitelte die kanadische Polizei ein Attentat auf den südkoreanischen Präsidenten Chun Do Hwan. Im nächsten Jahr versuchte ein nordkoreanisches Killerkommando Chun in Rangun erneut in die Luft zu jagen. Die Bombe tötete 17 hohe Regierungsbeamte, Chun überlebte.

Zwei nordkoreanische Agenten sprengten 1986 Flug 857 von "Korean Airlines" auf dem Flug von Bagdad nach Seoul über der Andamanen-See in die Luft, 115 Menschen starben. Offenbar wollte Kim mit dieser Tat die Olympischen Spiele 1988 in Seoul sabotieren.

Mit der Krisenstimmung innenpolitisch Punkte machen

Nordkorea

streitet nach wie vor vehement ab, etwas mit dem Torpedo-Angriff zu tun zu haben. Ein paar südkoreanische Oppositionelle äußern ebenfalls Zweifel. Der Journalist und ehemalige Marinesoldat Shin Sang Cheol, selbst Mitglied der Untersuchungskommission, wirft der Regierung laut der Zeitung "Joong Ang Daily" vor, wichtige Erkenntnisse zu verschweigen, um mit der Krisenstimmung innenpolitisch Punkte zu machen.

Er vermutet, dass die Korvette in Wahrheit mit einem anderen Schiff zusammenstieß, auch die Aufschrift "Nr. 1" auf den Torpedoresten, die Seoul als Beweis für die nordkoreanische Herkunft dient, komme ihm verdächtig vor. Staatsanwälte verhörten ihn deshalb, sie verdächtigen ihn, falsche Gerüchte zu verbreiten.

Am vorigen Wochenende inspizierte der südkoreanische Stabschef Armee-Einheiten im ganzen Land und diskutierte mit seinen Generälen mögliche Reaktionen, falls Nordkorea, wie angekündigt, zum Beispiel die Propagandalautsprecher beschießen sollte, die an der Demarkationslinie installiert werden sollen.

Den Plan, Hunderttausende von Flugblättern mit Luftballons gen Norden zu befördern, ließ das Militär vorerst fallen, um die Nordkoreaner nicht allzu sehr zu reizen.

Unternehmer, die jenseits der Grenze in der Industriezone von Kaesong produzieren lassen, versuchten derweil die Regierung davon zu überzeugen, auch die Idee mit den Propagandalautsprechern fallenzulassen. Sie fürchten, Nordkorea könne seine Drohung wahr machen und den Fabrikkomplex Kaesong schließen - und ihnen damit große Verluste bescheren.