Kosovo Der Kampf geht weiter
Hamburg - Am Montag, dem 11. August, feuerte ein Granatwerfer drei Schuss auf eine serbische Kaserne im Dorf Dobrosin, Provinz Kosovo. Die Verantwortung für den Überfall, bei dem niemand zu Schaden kam, übernahm die "Albanische Nationalarmee", eine Untergrundtruppe, die für die Unabhängigkeit des überwiegend von ethnischen Albanern besiedelten Kosovo kämpft. Damit endete eine mit US-Bombardements erzwungene Feuerpause von zwei Jahren.
Am Dienstag beschoss ein Trupp von 15 Albanern eine serbische Patrouille, die sich auf dem Marsch von Südserbien nach Podujevo im Kosovo befand. Ein Angreifer wurde gefangen genommen: ein Albaner aus Podujevo.
Am Mittwoch wurde es in der serbischen Enklave Gorazdevac ernst. Dort, 80 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Pristina, leben 700 Serben gleich neben dem von Albanern bewohnten Dorf Zahec. Ein halbes Hundert Teenager, ethnische Serben, badete mit ihrer Lehrerin im Fluss Bistrica, als gegen 13.15 Uhr aus einem Busch auf sie geschossen wurde. Ein Kind und ein Jugendlicher kamen ums Leben. Sechs Kinder und die Lehrerin wurden verwundet und kamen in das Lazarett der Bundeswehr in Prizren.
"Kette synchroner Angriffe"
Die Terrorakte bildeten eine Kette, "eine synchronisierte Aktivität extremistischer ethnischer Albaner", schlug Boris Tadic Alarm. Er ist Verteidigungsminister des Staatenverbunds Serbien-Montenegro. Am Abend des blutigen Mittwoch erfolgte offenbar eine Revanche: In dem vor allem von Serben bewohnten Stadtteil von Kosovo Mitrovica schlug in das Haus eines Albaners eine Granate ein.
Am Unglückstag landete in Pristina der neue Uno-Beauftragte für den Kosovo, Harri Holkeri, 66. Der ehemalige finnische Ministerpräsident tritt die Nachfolge des Deutschen Michael Steiner an, der bis dahin als Chef der Uno-Mission im Kosovo (Unmik) das Gebiet verwaltet hat: ohne Glück. Holkeri nannte es eine Tragödie, dass vier Jahre nach dem Ende der "ethnischen Säuberung" durch die Serben, erzwungen durch 78 Tage währende Bombenangriffe der Nato, neue Zwischenfälle unschuldigen Menschen einen furchtbaren Zoll abfordern und das Image des Kosovo in der Völkergemeinschaft beschädigen.
Der serbische Vizepremier Neboysa Covic nutzte die neue Lage, um den Spieß umzudrehen: Er stufte den Angriff auf die badenden Kinder als Fortsetzung von Bestrebungen ein, Kosovo nun von Serben ethnisch zu säubern. Das Gebiet steuere auf eine "Katastrophe" zu.
Hintergrund der neuen Gewaltakte ist der ungeklärte künftige Status des Kosovo. Die von der Uno-Resolution 1244 vorgesehene multikulturelle Regelung hat nicht stattgefunden. Belgrad beabsichtigt nun, die Zugehörigkeit des umstrittenen Territoriums zum Staat Serbien-Montenegro in einer Präambel der Verfassung festzuschreiben.
Die serbische Regierung hat erklärt, ungeachtet der Anwesenheit der internationalen Übergangsverwaltung gelte Serbiens Souveränität auch für die südliche Provinz. Justizminister Vladen Bati gab preis, Kosovo solle denselben Status wie die autonome Provinz Vojvodina erhalten. Das sei die Antwort auf vergebliche Hoffnungen jener, die von einem unabhängigen Kosovo träumen.
Gemeint war der Verteidigungsminister des benachbarten Albanien, Pandeli Majko. Wegen der angekündigten Belgrader Präambel, die vollendete Tatsachen schaffen soll, hatte Majko ein Treffen mit seinem serbischen Kollegen Tadic abgesagt. Darauf folgte eine Verlautbarung der "Demokratischen Alternative", der Partei des serbischen Vizepremiers Nebojsa Covic: Majkos Verhalten sei ein "klarer Anspruch auf einen Teil serbischen Territoriums" und "ein ernster Vorfall zwischen beiden Staaten". Denn Majko wünsche, "dass Kosovo ein Teil Albaniens wird, oder eines Groß-Albanien, das Teile Montenegros und Mazedoniens einschließt".
Probleme auch in Mazedonien
Auch im angrenzenden Mazedonien sind die Rechte der albanischen Minderheit, etwa jeder fünfte Einwohner, bis heute nicht gewährleistet. Viele Flüchtlinge wagen deshalb noch nicht zurückzukehren. Ständig kommt es zu Streitigkeiten um den Gebrauch der serbischen oder albanischen Sprache in Schulen und Verwaltungen. Auf einer Kundgebung zum 100. Jahrestag eines Aufstands gegen die Osmanen wurde der albanische Redner ausgebuht, angepöbelt und mit faulem Obst beworfen.
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Am 1. August eröffnete der US-Botschafter Lawrence Butler in Velesta eine Filiale der amerikanischen Agentur für Internationale Entwicklung, die 20.000 Dollar gespendet hatte. Sein Dolmetscher übersetzte seine Festrede ins Serbische, doch als er sie auch auf Albanisch vortragen wollte, unterbrach ihn Butler; das "erübrigt sich". Der mazedonische Schriftstellerverband wetterte daraufhin: "Herr Butler, Sie haben die Glaubwürdigkeit der objektiven Mission, für die sich die USA im Prinzip einsetzen, verloren."
"Die Kriege und die Konflikte auf dem Balkan beginnen immer, wenn die Serben ihre Verfassung ändern", warnte der Vorsitzende der Demokratischen Partei der Albaner in Mazedonien, Arben Xhaferi.
Schwere Zeiten kommen auf den Uno-Verwalter nebenan im Kosovo zu: Eine politische Lösung für die Zukunft des Gebietes ist nicht in Sicht, womöglich mit diplomatischen Mitteln auch gar nicht zu finden. Die Folge: Der Kampf geht weiter.